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Editorial

Kanarienvögel der Kultur

 

Die im Kampf gegen das Corona-Virus nötig gewordenen Massnahmen haben einen Preis – für unterbrochene Produktionen, für KünstlerInnen, für das technische Personal –, dessen end­gültige Höhe sich noch nicht ermessen lässt. Aber die unsicheren Lebensumstände der Kulturschaffenden haben nicht mit der Pandemie begonnen.

Der Befund der dritten Untersuchung ihrer Einkommensverhältnisse, durchgeführt von Suisseculture Sociale, der Mitglieder aus Berufsverbänden aller künstlerischen Sparten angehören, ist gravierend. Im Jahr 2021 verfügen 60 Prozent der Kulturschaffenden über einen Jahresverdienst von weniger als 40ʼ000 Franken bei einer Durchschnittsarbeitszeit von 45 Stunden (ausserhalb des Kulturbereichs erzielte Einkünfte mit eingerechnet!). 2016 waren es noch 50 Prozent. Die Situation hat sich also in den letzten fünf Jahren verschlechtert, auch wenn die Befragung kurz vor Ausbruch der Pandemie mit dem Ziel stattfand, Vergleiche zum Zustand nach der Krise ziehen zu können.

Das gleiche Bild ergibt sich aus dem zweiten Teil der vom Verband Filmregie und Drehbuch Schweiz (ARF/FDS) in Auftrag gegebenen Befragung, die am Festival Locarno vorgestellt wird. Beide Untersuchungen kommen auch in einem anderen wichtigen Punkt zu gleichen Schlüssen: bei der Altersvorsorge.

Die Frage danach war Bestandteil des zweiten Teils der Umfrage des ARF/FDS, und die Antworten verheissen nichts Gutes. 45 Prozent der Befragten zahlen nur gelegentlich in eine Pensionskasse, und von diesen verfügen wiederum nur die Hälfte über das nötige Geld für die dritte Säule. Auf 21 Prozent trifft weder das eine noch das andere zu. Was Einkünfte und die Möglichkeit zu Sparen anbelangt, werden arme Filmschaffende noch ärmere RentnerInnen sein.

Suisseculture Sociale kommt zum selben Ergebnis: Alle Bereiche zusammengenommen leisten nur 69 Prozent der Selbständigen Beiträge an die AHV. Bei den nur zeitweilig Beschäftigten sind es nur 86 Prozent, «nicht weil sie ihr Einkommen nicht melden, sondern weil die Abrechnungsverfahren für Sozialversicherungsbeiträge nicht an Personen angepasst sind, die häufig den Auftraggeber wechseln oder von mehreren Kleineinkünften leben», heisst es in der Medienmitteilung. Diese Zahlen wollen nicht Teil einer ausufernden Klage sein. Sie erhellen eine Situation, die mit den Zusatzleistungen des Staates am Ende der Gesamtheit Kosten verursacht.

Übrigens dehnt Suisseculture Sociale den Befund auch auf Beschäftigungsverhältnisse ausserhalb des Kulturbereichs aus. Während die Uberisierung der Arbeitswelt fortschreitet, atypische und hybride Beschäftigungsformen entstehen, die Arbeitsbiografien nicht mehr linear verlaufen und Mehrfachjobs und Umschulungen zur Regel werden, können die Kämpfe des Kultursektors allen dienen. Die Kulturschaffenden sind die Kanarienvögel im Stollen des Schweizer Sozialversicherungssystems. Achten Sie also auf den Moment, in dem ihr Gesang verstummt.

 

Pascaline Sordet

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