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Editorial

Fragen zur Fairness

 

Durchschnittlich über eine halbe Million (548'000 Personen) arbeiteten zwischen 2018 und 2020 in der Schweiz in der Kreativwirtschaft. Dies entspricht 12 Prozent aller Schweizer Erwerbstätigen. Rund die Hälfte davon arbeitet direkt in der Kreativindustrie, die andere Hälfte nimmt eine kreative Tätigkeit in anderen Branchen wahr. Die grösste Arbeitgeberin ist der IT- und Software-Sektor (166'000 Personen), in der Werbe- und Marketingbranche arbeiten 116'000 Personen. Die Zahlen stammen vom Zurich Centre for Creative Economies der ZHdK, welches die aktuellsten Arbeitsmarktdaten des Bundesamtes für Statistik analysiert. 

Ist die Kreativwirtschaft damit systemrelevant? Während dies am Creative Economies Forum Anfang September diskutiert wurde, treibt die Filmbranche – natürlich Teil dieser Wirtschaft – gerade andere Fragen um. 

«To put it bluntly: do we think our industry is a healthy place to work in?» lautete die – rhetorische – Eingangsfrage beim StepIn am diesjährigen Filmfestival Locarno. Angesprochen wurden damit ­Themen wie psychische Gesundheit, Gender Equaliy, Diversität, Inklusion und ökonomische Fairness. Damit kamen jene Anliegen aufs Tapet, die vor allem eine jüngere Generation weltweit immer hörbarer einfordert. 

Stéphane Morey, der neue Leiter von Cinéforom formuliert es in unserem Interview so: «Die neue Generation der Kulturschaffenden (....) betrachtet Kunst und Kultur nicht als selbstbelohnende Tätigkeiten, sondern macht sich Gedanken über Arbeitsbedingungen und Entlohnung.»
Die Diskussion ist längst in der Schweiz angekommen. 

Stichwort «gender equality»: Dazu existiert bekanntlich jene ­Gender-Studie, die das BAK am Filmfestival Locarno vorgestellt hat. Lesen Sie dazu unseren ersten Heftbeitrag. 

Stichwort «Economic fairness»: Auch dazu gibt es mehrere Untersuchungen. So wurde, ebenfalls in Locarno, der zweite Teil der Lohnstudie des ARF/FDS zur – insgesamt schlechten – Entschädigung von Drehbuch und Regie diskutiert.

Und nun kommt, drittens, eine neue Untersuchung des SSFV hinzu, die sich ebenfalls mit den Erwerbseinkommen beschäftigt, diesmal von Film- und TheaterschauspielerInnen. Diese leben, selbst mit berufsfremden Zusatzjobs, meist am Existenzminimum, weshalb der SSFV neu verbindliche Richtgagen (bei Film- und Fernsehproduktionen) statt der bisherigen Empfehlungen fordert.  

Eine der Schlussfolgerungen, die sich aus den genannten Umfragen ziehen lässt: Die Filmbudgets müssten erhöht werden, wenn alle Mitarbeitenden in Zukunft anständig bezahlt werden sollen. Dies allerdings dürfte dazu führen, dass bei gleichbleibender Fördersumme auch weniger Filme entstehen – das sagt auch Sven Wälti in unserem Gespräch zur Erwerbssituation von deutschschweizer Schauspielerinnen und Schauspielern. Einen Ausweg aus dem unschönen Dilemma könnte «Lex Netflix» ermöglichen, falls das Gesetz denn tatsächlich unbeschadet die letzten politischen Hürden nimmt. 

Die Gerechtigkeitsdebatten werden sich – mit oder ohne «Lex ­Netflix» –  dennoch nicht mehr verschieben lassen. Sie sind lanciert. 

 

Kathrin Halter

Aktuelle Ausgabe (PDF)