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Editorial

Membran zum Publikum

 

Ach, das Publikum. Fürs Publikum machen wir die Filme, wir laden es zu den Festivals ein, versuchen zu verstehen, wie es sich zusammensetzt, was es will, wohin es geht, bedauern seine Abkehr vom Kino, kritisieren seinen schlechten Geschmack – und dennoch bleibt es schwer zu fassen.

Während sich im Theater Publikum und Künstlerinnen und Künstler direkt gegenüberstehen, leiden wir im Kino – wie im Fernsehen – an einer Art Verzögerungseffekt. Es fehlt die direkte Begegnung, ausser man investiert in umfassende Promotionsaktionen wie bei Vorpremieren und an Festivals. Dies ist sicher bereichernd, ersetzt aber nicht den kommerziellen Kinostart.

Doch es wird noch komplizierter: Wen meinen wir genau, wenn wir von Publikum sprechen? Kinobesucher oder auch die Leute, die sich Filme zu Hause ansehen? Sie könnten in Bezug auf Preis, Ort, Spielzeiten, Gewohnheiten, Gesellschaft, Nachverfolgbarkeit usw. nicht unterschiedlicher sein. Und doch sind beide untrennbar miteinander verbunden, denn Kinostarts sind nach wie vor ein wichtiger Pfeiler der Filmwirtschaft.

Sinkende Besucherzahlen beschäftigen die Filmbranche nicht zum ersten Mal. Gemäss dem Filmkritiker und Historiker Pierre Sorlin gingen in Grossbritannien die Zuschauerzahlen von 1957 bis 1958 um rund 20 Prozent zurück: «Die oft erwähnte Konkurrenz durch das Fernsehen kann den Rückgang nur teilweise erklären. Die BBC sendete Fernsehen seit 1947, ohne einen Erdrutsch zu verursachen, und die Briten stürzten nicht sofort in die Läden, um sich einen Apparat zu kaufen.» Das Beispiel zeigt, wie schwierig oder gar unmöglich es ist, solche Entwicklungen vorherzusehen und die Gründe dafür genau zu verstehen.

Soziologischen Studien zufolge bilden Senioren die grösste Gruppe der Kinobesucherinnen und -besucher. 2019 generierten sie gemäss einer Studie des CNC 38 Prozent der Eintritte. Dieselbe Studie ergab auch, dass mehr junge Leute als angenommen ins Kino gehen (70 Prozent mindestens einmal pro Jahr), doch nur wenige von ihnen regelmässig.

Ein grosses Publikum ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Deshalb braucht es, wie bei der zeitgenössischen Kunst, begleitende Massnahmen, insbesondere für das Autorenkino. Nicht weil die Filme komplexer und schwieriger geworden sind, sondern weil wir heute wissen, dass ein Publikum keine homogene Masse ist, sondern eine Gemeinschaft, die aufzubauen und zu pflegen ist. Genau dies tun Filmclubs im kleinen Rahmen seit langem und weiterhin. Kinos, die auf ihr Publikum eingehen, gelingt es, eine wahre Community rund um ihre Projekte zu schaffen. Auch Festivals sind ein idealer Ort für diesen Austausch, sei es in Form von Bildungsprogrammen für die Schulen oder von Diskussionsrunden zu den gezeigten Filmen.

Wenn Filme das Herzstück unserer Arbeit bilden, so sind diese Orte der Begegnung und des Austauschs die Membran, die uns den Kontakt mit der Aussenwelt ermöglicht.

Pascaline Sordet

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