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Editorial

Goldene Zwanziger

 

Mit dem Fortschreiten der Impfkampagne steuert die Gesundheitskrise langsam auf eine Art Ende zu, doch historische Vergleiche haben nach wie vor Hochkonjunktur. Zu Beginn der Pandemie 2020 wurde auf die Spanische Grippe von 1918 mit ihrer hohen Sterblichkeitsrate verwiesen. Auf dem Höhepunkt der Einschränkungen stellte man Vergleiche mit Warteschlangen vor Lebensmittelgeschäften im Jahr 1940 und mit den Ausgangssperren während der Besatzung an. Was die «Welt danach» betrifft, so fragen sich Liebhaber von Prognosen, ob wir wieder eine Art Goldene Zwanziger erleben werden, also eine Zeit des sozialen, kulturellen und künstlerischen Aufschwungs wie nach dem Ersten Weltkrieg in den 1920er-Jahren, die in der grossen Depression endeten. Das war vor genau 100 Jahren – wie passend.

Können die 2020er-Jahre der Nährboden für einen kraftvollen Neustart sein – in der Hoffnung, sie enden nicht wieder in einer Finanzkrise? Die derzeitigen Anstrengungen zur Umwandlung  etablierter Kulturformen deuten durchaus darauf hin: Die Kantone haben Fonds zu diesem Zweck eingerichtet, die Festivals sind hybrid geworden und langjährige Konkurrenten wie Kinosäle und Streaming arbeiten nicht mehr gegen- sondern miteinander.

Im Kreativbereich bieten Theater wie das Schauspielhaus Zürich Stücke als Livestream an und nutzen dabei das Potenzial der Kamera als direkte Vermittlerin zwischen Bühne und Publikum. Die französische Autorin, Regisseurin und Performancekünstlerin Marion Siéfert zeigte «Jeanne Dark» als Live-Performance auf Instagram. Auf einer Bühne, die das Zimmer der Heranwachsenden darstellt, rebelliert Jeanne gegen die etablierte Ordnung, ihre Eltern, ihre aufkeimende Libido und ihre langweiligen Schulkameraden. Eine einstündige Glanzleistung, konzipiert für Mini-Bildschirme, welche die Grenzen zwischen Fiktion, Autofiktion, Theater und Selbstinszenierung verschwimmen lässt.

Innovation und Transformation gibt es nicht nur in künstlerischer Hinsicht, sondern auch in Bezug auf die Arbeitsbedingungen. Ermutigt vom Erfolg der Serien und einheimischen Produktionen und vom weitgehenden Fehlen ameri­kanischer Filme während der Pandemie, hauen die französischen Drehbuchautor­Innen mit der Faust auf den Tisch. Die Facebook-­Seite «Paroles de scénaristes» verleiht ihren Forderungen Nachdruck. In der Schweiz führen DrehbuchautorInnen die Anstrengung, die der ARF/FDS unternahm, um die Löhne der AutorInnen zu erfassen und öffentlich zu machen, weiter: Sie erstellen derzeit ein Raster mit Richtlöhnen, um ihre Arbeitszeit und ihre Entschädigungen systematisch zu erfassen.

Die Goldenen Zwanziger wurden erst im Rückblick so betitelt. Ein Zeitalter schon im Voraus zu benennen hat wohl mehr mit Autosuggestion zu tun als mit historischer Methode – doch wenn sie funktioniert, wieso nicht? 

 

Pascaline Sordet

 

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