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Gastkommentar

Wie weiter mit dem Schauspielnachwuchs?

Corinna Glaus / Pierre Monnard
27. September 2019

Junge Talente.ch, die Plattform für Nachwuchs-Schauspielerinnen und Schauspieler, gibt es bald nicht mehr. Weshalb es dringend ein neues Instrument braucht: Die Sicht von Corinna Glaus und Pierre Monnard.

Dieses Jahr findet Junge Talente.ch zum letzten Mal statt. Nach zehn Ausgaben beenden wir schweren Herzens das erfolgreiche Förder- und Promotionsprojekt, das ich vor 13 Jahren zusammen mit Susan Müller geschaffen habe. Nach jahrelangem Investieren von Zeit und Geld fehlt uns die Kapazität, das Projekt in dieser Form weiterzuführen.

Junge Talente.ch ist aus einer Not heraus entstanden. Schauspielabsolventinnen und - absolventen konnten sich immer schon mittels Abschlussvorsprechen den Theaterbühnen zeigen. Ein vergleichbares Instrument für den Filmbereich fehlte.  Junge Talente.ch hat eine ­Brücke geschlagen zwischen den Schauspielschulen und der Filmbranche.

Für die Plattform wurden ­von erfahrenen, bekann­ten Regieleuten vierzig Szenen inszeniert. Mit einer hoch motivierten Crew hatten sie dem Spiel der jeweiligen Talen­te einen professionellen Rahmen gegeben. So wurde Junge Talente.ch zu einem ­Qualitätssiegel im In- und Ausland. Sarah Spale, Sven ­Schelker, Lilian Amuat, Baptiste Gilliéron, Claudia Gallo, Marie Leuenberger und viele mehr sind inzwischen Teil des ­heutigen Schweizer Film-­Ensembles. Kritische Stimmen bemängelten, dass das Projekt zu aufwendig war. Doch nicht nur die 75 Talente, die in den zehn Ausgaben vorgestellt wurden, konnten von dieser Promotionsplattform profitieren. Es haben jedes Jahr über fünfzig Schauspiel-Studentinnen und -Studenten an den Castings teilgenommen. Und somit hat sich der Hauptzweck des Projekts erfüllt: Angehende Schauspielerinnen und Schauspieler für den Schweizer Film sichtbar zu machen. Viele erfolgreiche Besetzungen haben sich genau aufgrund dieser Castings ergeben.

Nun endet Junge Talente.ch – wie weiter? Es gibt gut funktionierende Beispiele aus Portugal, Irland, Dänemark. Da werden Castings für die ganze Branche organisiert, ähnlich den Vorsprechen für Theater. Eingeladen sind die wichtigsten Casterinnen, Regieleute und Produzenten – national und international, da eine Filmkarriere nicht nur im eigenen Land entsteht. Welches neue Instrument auch immer entstehen wird, es muss breit abgestützt sein: vom Casting, von ­Institutionen, Produktionen.

Corinna Glaus, Casterin

▶  Originaltext: Deutsch

 

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Jedes Mal wenn ich beginne, mich mit dem Casting eines Projekts zu befassen, besuche ich die Plattform Junge Talente.ch. Sie ist ein ausgezeichnetes Werkzeug, um neue Schauspieler zu entdecken oder Talente aus vergangenen Jahren wiederzuentdecken. So nehmen meine Ideen zwischen Neuzugängen und bekannten Gesichtern Gestalt an. In den letzten Jahren habe ich mit über einem Dutzend Schauspielern gearbeitet, die auf Junge Talente.ch vorgestellt wurden, darunter Sarah Spale, mit der ich zwei Staffeln der Serie «Wilder» und meinen letzten Spielfilm «Platzspitzbaby» gedreht habe.

Das Ende von Junge Talente.ch ist ein harter Schlag für die Schweizer Filmszene. Es macht nicht nur die Bemühungen von Corinna Glaus und Susan Müller – zwei unbestrittene Grössen der Schweizer Filmbranche – zur För­derung neuer Talente zunichte, sondern nimmt der neuen Generation von Schauspielern auch die Möglichkeit, mit einem erfahrenen Regisseur zu arbeiten und ein erstes Showreel zu erstellen, was heutzutage für den Castingprozess oft alles entscheidend ist.

Wie sollen wir in Zukunft neue Schauspieltalente finden? Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Natürlich können Regisseure die Diplom-Aufführungen der verschiedenen Schauspielschulen besuchen, sich die zahlreichen Kurzfilme anschauen oder ihr Glück auf YouTube versuchen und hoffen, so auf neue Talente zu stossen. Doch all dies kann den geschulten und erfahrenen Blick von Corinna und Susan nicht ersetzen.

Am meisten zu bedauern sind jedoch nicht wir Regisseure. Die wahren Verlierer sind die jungen Schauspieltalente, die entdeckt werden wollen und keine Gelegenheit mehr haben, sich dank eines einfachen und wirkungsvollen Förderinstrumentes sichtbar zu machen. Nach zwölf Jahren im Dienst des Schweizer Films verabschiedet sich Junge Talente.ch. Mein Dank geht an die Gründerinnen der Plattform, die mir viele Inspirationen beschert haben, und an die 75 Schauspieltalente, die dank ihnen noch lange jung bleiben werden.

Pierre Monnard, Regisseur

▶  Originaltext: Französisch

 

 

ZFF Industry Talk

«Junge Talente –  eine Ära geht zu Ende»

Mit: Beatrice Kruger, Casting Director

Pierre Monnard, Regie

Sven Schelker, Schauspieler

Sarah Hostettler, Schauspielerin

Moderation: Corinna Glaus

 4. Oktober, 16:30-18:00

The Lobby, Hotel Opera, Zürich

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