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Gastkommentar

Schauspielerinnen nach dem Frauenstreik

Beren Tuna / Charlotte Dumartheray
02. August 2019

Und nun, was folgt auf den 14. Juni? Zwei Schauspielerinnen aus Film und Theater – Beren Tuna und Charlotte Dumartheray – sagen, wo Probleme liegen und was aus Ihrer Sicht zu tun wäre.  

 

2017 erschien eine Studie der Universität Rostock (von Prommer, Linke), die die Diversität im deutschen Film und Fernsehen untersucht. Sie zeigt auf, dass über alle Formate hinweg im Durchschnitt auf zwei Männer eine Frau kommt. Für mich als Schauspielerin besonders interessant: In Kino, Fernsehfilmen und Serien bewegt sich der Frauenanteil zwischen 38 und 44%. Ab dem Alter von 30 verschwinden weibliche Protagonistinnen sukzessive. In der Altersgruppe 50-59 sind lediglich 20% der ProtagonistInnen weiblich. Zudem werden Frauen häufiger im Kontext von Beziehung und Partnerschaft gezeigt, wodurch tradierte Rollenbilder reproduziert werden.

Wir Schauspielerinnen spü­­ren die Auswirkungen ganz konkret: Weil es mehr Rollen für Männer gibt, aber mehr Frauen an die Aufnahmeprüfungen der Ausbildungsstätten gehen, gelten für Frauen bereits hier höhere Anforderungen. Später im Beruf haben unsere männlichen Kollegen mehr zu tun. Ein Sprecherjob hier, ein paar Drehtage dort, dann mal eine Hauptrolle, während wir daneben stehen und über ein drittes Standbein nachdenken.

Noch enger wird das Feld, wenn man neben der hiesigen eine weitere Herkunft hat. Ich selbst beispielsweise werde häufig für Frauenrollen angefragt, die sich in einem klischierten traditionellen Umfeld bewegen. Die Drehbücher sehen für diese Figuren hauptsächlich vor, neben ihren Männern zu stehen und ihnen beruhigend über den Arm zu streichen, wenn sie wieder einmal zu fest auf den Tisch hauen.

Was tun? FemaleAct ist eine Interessengemeinschaft von Schauspielerinnen, die sich formiert hat, um auf Defizite in Gleichstellung und Diversität im Film, Fernsehen und Theater aufmerksam zu machen. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, zentrale AkteurInnen auf allen Ebenen anzusprechen und für die Thematik zu sensibilisieren. Gefragt sind alle: Drehbuch, Regie, Produktion, Casting und auch Förderstellen auf Bundes- und Kantonsebene. Es ist diesbezüglich bereits viel in Bewegung, und am liebsten würden wir in ein paar Jahren zurückblicken und feststellen, dass wir offene Türen eingerannt haben. Letztlich wollen wir erreichen, dass sich alle Teile der Bevölkerung in öffentlichen Darstellungen wiederfinden, dass Figuren vielschichtiger und lebensnaher werden und damit eine höhere künstlerische Qualität erreicht wird.

 

Beren Tuna, Schauspielerin für Film und Theater, 2016 Schweizer Filmpreis als Beste Hauptdarstellerin («Köpek»)

 

▶  Originaltext: Deutsch

 

. . .

 

Am 14. Juni 2019 hätte ich im Rahmen eines Engagements am Théâtre du Loup in Genf auftreten sollen. Doch ich streikte, und die Vorstellung fand nicht statt. Es fiel mir nicht leicht, diese Entscheidung zu treffen. Sie war nur möglich, weil das Team um mich herum und das Theater mich darin unterstützten. Ich streikte nicht wegen schlechter Anstellungs- oder Arbeitsbedingungen, sondern weil ich aus kollektiver statt aus individueller Sicht handelte. Mit diesem stark symbolischen Akt wollte ich die Forderungen der Frauen im Kulturbereich und auf anderen Gebieten untermauern. Denn auch in einem Bereich, der eigentlich gut positioniert wäre, um Ungleichheiten anzuprangern, Kräfteverhältnisse zu hinterfragen und aktuelle gesellschaftliche Konflikte zu inszenieren, gibt es Ungleichheit, Gewalt und Diskriminierung.

Die Publikation meines offenen Briefes mit den Forderungen stiess auf ein unerwartet grosses Echo und löste im Kulturbereich eine Welle der Solidarität aus. Ich erhielt zahlreiche Bestätigungen, wie wichtig eine solche Aktion ist. Eine Schauspielerin erzählte mir, wie stark sie darunter leidet, dass eine dunkelhäutige Frau in künstlerischen Produktionen praktisch inexistent ist. Eine andere beschrieb, wie sie in einer Notsituation – aufgrund von Betreuungsproblemen – ihr Kind zur Arbeit mitnehmen musste und deswegen als «altmodische und unprofessionelle Mutter» galt, während ihr Mann, ebenfalls Schauspieler, in derselben Situation als «Vorzeigevater» gelobt wurde.

Im Demonstrationszug vom 14. Juni waren viele vereint: Managerinnen, Schauspielerinnen, Bühnenbildnerinnen, Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen, Texterinnen, Administratorinnen usw. Wir alle bekräftigten gemeinsam, dass auch die Berufe in künstlerischen Produktionen nicht gegen Genderprobleme gefeit sind. Der Kampf geht weiter. Wir geben nicht auf, sondern sind entschlossener denn je.

 

Charlotte Dumartheray, Theater-Schauspielerin, aktuelles Stück «Mon chien-dieu»

 

▶  Originaltext: Französisch

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