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Gleichstellung? Gleichstellung!

Nina Scheu
22. September 2021

Dreharbeiten von Ana Scheu Amigo (im Spiegelbild). © zvg

Spätestens mit der ersten Schwangerschaft kommt die Erkenntnis, dass es bis zur wahren Gleichberechtigung der Geschlechter noch ein weiter Weg ist in der Schweiz, auch im Filmschaffen. Dazu gibt es eine neue Studie des ­Bundesamts für Kultur. Wir haben mit drei Frauen über ihre Sicht auf die Ergebnisse gesprochen.

Rund 19 Prozent weniger Lohn als ihre männlichen Arbeitskollegen erhielten Frauen 2018 im nationalen Durchschnitt für gleichwertige Positionen und Aufgaben. 2016 waren es gemäss Bundesamt für Statistik noch 17,4 Prozent gewesen: Die Lohnungleichheit hat sich in der Schweiz wieder vergrössert, nachdem sie jahrelang stetig, wenn auch langsam, gesunken war. 

Mit einer guten Portion Zynismus kann man festhalten, dass es in der Filmbranche etwas besser aussieht als im Schweizer Durchschnittsunternehmen: Für ein Drehbuch erhalten Frauen durchschnittlich 17 Prozent weniger als Männer, und in der Filmregie beträgt der Lohnunterschied sogar «nur» 8 Prozent. Immerhin: Die Diskrepanz beim Erhalt von Fördergeldern, die 2015 in der Studie «Die Gender-Frage» von ARF, Focal und Cinésuisse belegt worden war, ist sechs Jahre später nicht mehr nachweisbar. Das zeigt die Studie zur Gleichstellung im Schweizer Filmschaffen, die das Bundesamt für Kultur 2020 in Auftrag gegeben hatte und deren Ergebnisse am Filmfestival von Locarno vorgestellt wurden.

 

Schwieriger Berufseinstieg

Die Zahlen stimmen nachdenklich: Frauen finden den ohnehin schon schwierigen Berufseinstieg seltener als Männer, und ihr Anteil sinkt mit der zweiten, dritten oder, falls es überhaupt dazu kommt, vierten Filmarbeit immer weiter. Ausserdem sind ihre Filme kürzer und verfügen über kleinere Budgets. Veralteten Klischees entspricht auch die Berufswahl: 53 Prozent Cutterinnen stehen 35 Prozent Produzentinnen, 34 Prozent Drehbuchautorinnen, 29 Prozent Regisseurinnen und gerade mal 13 Prozent Kamerafrauen gegenüber.

Spannend sind neben dem Blick auf die Zahlen die qualitativen Untersuchungen und mit ihnen die Offenlegung der strukturell bedingten Geschlechtsunterschiede. So beschränkt sich die Interpretation der Forschenden nicht dabei festzustellen, dass viele Frauen nach dem ersten Kind aus dem Berufsleben ausscheiden, sondern benennt weitere Faktoren. Dass das Filmbusiness von Männerfreundschaften geprägt ist, beispielsweise, was Frauen den Zutritt zu diesen Netzwerken erschwert. Oder dass Frauen nicht nur gesellschaftlichen Vorurteilen und Zwängen unterworfen werden, sondern sich nach wie vor auch selbst im Spiegel dieser Rollenklischees betrachten und sich deshalb weniger zutrauen – was beispielsweise die Scheu vor längeren Filmen und grösseren Budgets erklären könnte. 

Besonders aufschlussreich sind die Gespräche, die mit Filmschaffenden verschiedener Generationen geführt wurden und die sich weniger leicht in Statistiken abbilden lassen. Diesen Gedanken weiterspinnend baten wir drei Frauen, die an unterschiedlichen Punkten ihrer Karriere stehen, um ihre Sicht auf die Studienergebnisse. 

 

Es braucht weibliche Vorbilder

Ana Scheu Amigo (die Nichte der Schreibenden) ist 26 Jahre alt und hat in diesem Sommer ihr Bachelor-Studium in Video-Regie an der HSLU abgeschlossen. Gefragt, wie sich die Situation verbessern könnte, meint sie: «Es braucht unter anderem mehr weibliche Vorbilder in allen Bereichen der Filmbranche. An der HSLU hatten wir sehr viele Dozentinnen, auch in technischen Disziplinen. So fällt es leichter, sich selbst in dieser Rolle zu sehen.» Anas Aussagen decken sich mit der BAK-Studie, die als Massnahme gegen die Ungleichheit ebenfalls die Vorbildfunktion von Frauen in Filmberufen hervorstreicht. 

Wie wichtig diese Vorbilder sind, weiss auch Stina Werenfels, die längst selbst zum Vorbild für angehende Filmschaffende geworden ist. Die erfolgreiche Regisseurin («Nachbeben», «Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Elt­ern»)­ lenkt den Blick auf die Jahr­gänge: «1970 bildet eine Zäsur, die in der Studie deutlich sichtbar wird. Unter den früher geborenen Filmschaffenden waren nur 20 Prozent Frauen vertreten. Ab den 1970er-Jahrgängen fand ein grosser Sprung auf fast 50 Prozent statt. Das hat meiner Meinung auch damit zu tun, dass die jungen Frauen ab den 1990er-Jahren auf Schweizer Filmschulen gehen konnten. Und schon die erste Leiterin des Studienbereichs Film an der HGKZ (heute ZHdK), Margit Eschenbach, betrieb starke Frauenförderung. Ich selbst musste noch im Ausland Film studieren, was äusserst inspirierend war, aber den Nachteil hatte, dass man nach der Rückkehr ein zweites Netzwerk aufbauen musste. Das braucht Zeit».

Netzwerke sind auch für Selina Weber (31) entscheidend, die nach ihrem Abschluss an der ECAL/HEAD in Ludwigsburg den Studiengang Drehbuch besucht. «Ich denke es ist wichtig, dass Filmfrauen sich untereinander austauschen, gegenseitig unterstützen und in ihre eigenen Arbeitsweisen Vertrauen entwickeln. Letztlich geht es doch um ‹Self-Empowerment›. Auch deshalb bin ich SWAN (Swiss Women’s Audiovisual Network) beigetreten». Das in der BAK-Studie beschriebene «Buddy-System» unter Männern werde hoffentlich auch ausserhalb der Filmbranche bald durch eine diversere Netzwerkgestaltung abgelöst. 

Die Bestätigung einer positiven Entwicklung liest Stina Werenfels auch aus den Erhebungen des BAK: «Sie zeigen direkt, dass die 2016 von offizieller Seite in die Wege geleitete Frauenförderung greift. Lange Zeit war ich eine der wenigen Frauen im Filmgeschäft. Jetzt wachsen viele wunderbare Frauentalente nach. Wichtig ist jetzt, dass sie im Beruf bleiben können». Denn die strukturellen Hindernisse für Frauen sind immer noch hoch. Beispiel Kinderbetreuung: Da Filme nicht im «Nine-To-Five»-Job realisierbar sind, fällt es der Branche schwer, ein funktionales Netz zu knüpfen, um Eltern zu entlasten. Profitieren würden auch die Männer, von denen viele längst ihren Anteil am Familienleben einfordern. Im Gegensatz zu früher: Eine nachdenklich stimmende Vielzahl der älteren Filmschaffenden ist laut Studie bewusst kinderlos geblieben, da sich Beruf und Familie noch schlechter vereinbaren liessen als heute. 

 

Männerfreundschaften und Frauenklischees

Zu den strukturellen Hindernissen gehören neben den immer noch verankerten Vorurteilen in der Gesellschaft auch die verinnerlichten Rollenklischees, derer sich frau selbst bewusst werden muss. So gibt Ana zu Protokoll, dass sie noch vor wenigen Jahren ohne zu zögern mit «ja» auf die Frage geantwortet hätte, ob sie sich emanzipiert fühle, während sie heute feststellt, dass sie durchaus ihre Grenzen spürt, darunter auch selbst gezogene: «Ich merke, dass man Männern in technischen Fragen mehr vertraut, dass man Frauen in der Tendenz weniger ernst nimmt, und dass beispielsweise ein Team aus nur FLINT-Personen (Anmerk. der Red.: Abkürzung aus Frauen, Lesben, Inter-, Nichtbinäre und Transmenschen) gut tun kann. Ich kann dann viel leichter Dinge übernehmen, die sonst eher Männer machen. Rollenmuster müssen ständig hinterfragt werden, auch die eigenen». Die eigene Wahrnehmung zu überprüfen, finden auch Selina Weber und Stina Werenfels wichtig, die als einzige Mutter unter den dreien zu bedenken gibt: «Mein Care-Reflex holt mich oft ein: das Gefühl, mich ständig um das Wohlbefinden aller in der Familie kümmern zu müssen». 

In einem weiteren Punkt sind sich die Filmschulabsolventinnen und die arrivierte Regisseurin einig: Dass es mit einer Gleichstellung der Geschlechter noch lange nicht getan sein wird. «Von Diversität haben wir noch gar nicht gesprochen», bemerkt Ana. Und gefragt, was sie sich von der Studie für die Zukunft erhoffe, meint Stina Werenfels: «In einem weiteren Schritt wird es wichtig sein, Diversität im Ganzen zu fördern, also unter anderem eine altersdurchmischte Förderung aufzubauen und die Förderung von People of Colour. Nur so kann im Film ein möglichst vielschichtiges Gesicht unserer Gesellschaft abgebildet werden».

 

▶  Originaltext: Deutsch

 

«Gleichstellung im Schweizer Filmschaffen 2015-19»

Die Studie bildet eine gute Grundlage für Diskussionen, die bereits dadurch, dass sie stattfinden, eine Verbesserung der Situation herbeiführen können. Die regelmässige Erhebung von Zahlengrundlagen und die Veranstaltung von Gesprächsrunden gehören denn auch zu den Massnahmen, die von den AutorInnen der Studie vorgeschlagen werden: 

www.bak.admin.ch/genderfilm 

 

«Die Gender-Frage», Studie von ARF, Focal und Cinésuisse, 2015: 

www.swanassociation.ch/wp-content/uploads/swan_diegenderfrage.pdf 

 

Das beispielhafte Empowermentprojekt von ­Filmerinnen für Filmerinnen: «Filmstern für diCH» von ARF, Cinésuisse, Focal, Suissimage und SWAN: 

https://arf-fds.ch/filmstern

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