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«Unser Handikap ist zu unserer Stärke geworden»


03. Januar 2017

Das Tessin ist ein faszinierender Kanton. Randregion, an der Grenze und mit dem Italienischen eine Sprache sprechend, die nur acht Prozent der Schweizer beherrschen, dazu abgetrennt von der übrigen Schweiz vom Gotthardmassiv. Zusätzlich zum physischen Hindernis ist der Gotthard psychologisch eine Schranke, auch wenn der Basistunnel unseren Kanton dem Rest des Landes sicher näherbringen wird.

Nicht selten betrachten uns Deutschschweizer und Romands herablassend, vielleicht sogar mit etwas Neid, denn das Klischee, laut dem wir hier ein süsses Leben in der Sonne und unter Palmen geniessen, ist nicht auszurotten. Und viele unserer Miteidgenossen denken, wir lebten ein wenig als Schmarotzer. Bekämen wir doch so viel Subventionen, sei doch unser Fernsehen überdimensioniert und so weiter und so fort. Zu diesem Zerrbild tragen die Tessiner mit ihrer Kirchturmpolitik noch selber bei.

In Wirklichkeit werden im Tessin die Filme von Menschen geschaffen, die in einem schwierigen Umfeld hart arbeiten. Wir sind eine Minderheit, und wie jede Minderheit haben wir mit Vorurteilen zu kämpfen und müssen, wollen wir zu gleichen Resultaten kommen, die Ärmel mehr als andere hoch­krempeln. Unsere kantonalen Gelder können mit jenen anderer, reicher Kantone nicht mithalten; bei jedem Gesuch sehen wir uns gezwungen, unsere Dossiers in eine andere Landessprache zu übersetzen, weil wenige Experten das Italienische beherrschen; für jede Sitzung müssen wir frühmorgens losziehen, denn solche Sitzungen finden immer an für uns weit entlegenen Orten statt. Neben den sprachlichen Hindernissen trennt uns also auch die geografische Lage vom Rest der Schweiz. 
 

Treue zu den Tessiner Produzenten

Es gibt handfeste Schwierigkeiten für das Kinomachen im Tessin. Doch unser Handikap ist zu unserer Stärke geworden: Dass wir am Rande stehen, hat uns Krallen und Zähne verschafft, und wir bemitleiden uns kaum. Unsere Filme werden in den anderen Landesteilen nicht genug gesehen, und wir sollten gewiss noch mehr unternehmen, damit sich das ändert. 

Es hat aber auch Vorteile, wenn man in einer kleinen, abliegenden Gegend lebt. Dazu gehört in erster Linie die Treue und Loyalität der Filmemacher zu ihrem Produzenten. Wir haben mit unseren Partnern, seien es Behörden oder das Fernsehen, einen ganz direkten Austausch und fühlen uns von ihnen nie im Stich gelassen. In einem kleinen Kanton kennt sich eine jede und jeder, und so spielt sich alles in einem menschlichen Umfeld ab. In kinematografischer Hinsicht ist das Tessin überaus aktiv. Produzenten und Regieleute haben mit der AFAT (Associazione Film Audio­visivi Ticino) einen Verband gegründet, um ihre Interessen zu vertreten. Er wird jetzt von Jungen geführt, die engagiert zupacken, weil sie wissen, mit welchen Herausforderungen sie künftig werden kämpfen müssen. Wir können uns mit Locarno und Castellinaria auch auf zwei wichtige Festivals und auf eine Filmschule stützen: Die ersteren entdecken unsere Talente; die zweite hilft sie zu formen. Unsere Techniker sind gut ausgebildet und sind natio­nal wie international gefragt. In den vergangenen Jahren konnte zudem der Kanton dank dem Einsatz des Bundesamts für Kultur FilmPlus, einen Fonds zur automatischen Förderung der Produktion, einrichten.

Das Tessin hat zwar wenig Mittel, doch auch mit Wenigem kann man Ausgezeichnetes schaffen. «Waalo Fendo» ist mit wenig Mitteln gemacht worden und hat 1998 den Schweizer Filmpreis gewonnen. «Pane e tulipani» war 2000 einer der meistgesehenen Filme Europas. «An African Election» hat in Nyon 2011 den Publikumspreis gewonnen, war zu Sundance eingeladen und zu vielen anderen namhaften Festivals. Für «Lionel» haben wir in den Altstadtgassen Locarnos einen Löwen gefilmt und ihn mit digitaler Animation reden lassen – im Resultat vergleichbar, doch nur mit einem Bruchteil des Budgets vieler amerikanischer und europäischer Filme. Meine Tessiner Kollegen haben sich geschlagen, und sie streiten weiter mit Kraft und Entschlossenheit.

Das Tessiner Filmschaffen kann sich auf eine junge Generation interessanter Regisseure stützen. Wir Produzentinnen arbeiten dafür, dass sie gleiche Chancen haben wie ihre Kolleginnen und Kollegen aus anderen Landesteilen. Ihre Sichtweise und ihre Handschrift bereichern und ergänzen die Farbenpalette des Schweizer Films. Darum möchte ich stolz behaupten, dass das Tessin der Schweiz keinesfalls zur Last fällt, sondern ihr ganz im Gegenteil Werte schafft, auf die sie nicht verzichten kann. 

Tiziana Soudani, Produzentin AMKA Films. Sie erhält am 23. Januar den Prix d’honneur der Solothurner Filmtage.

▶  Originaltext: Italienisch

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