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Gastkommentar

Wer kümmert sich um die Kinder?

Vincent Kappeler / Angela Rohrer
14. November 2019

Dreharbeiten mit dem Familienleben zu vereinbaren bedeutet meist grosse Schwierigkeiten. Allzu oft ­müssen Filmschaffende alleine damit klarkommen. ­Zwei Ansichten.

Nach drei Szenenwechseln und einem 14-Stunden-Tag unter Sonne und Regen freuten wir uns, an der Hotelbar entspannen zu können. Gemütlich warʼs mit den älteren Technikerinnen und Technikern – 90% von ihnen waren geschieden – und den überzeugten Singles. Nichts würde uns je stören in unserer Hingabe an den Film. Schlimm diese maulenden Partnerinnen und Partner und dann die Kinder, die dauernd etwas von einem wollen. Jene letzte Einstellung auf der Brücke im Dämmerlicht, für die wir unseren Tageszeitplan um drei Stunden überzogen, die hatte sich doch wirklich gelohnt. Die Tonaufnahme war zwar mies, doch es gab Wichtigeres. Und dieser Idiot von einem Produktionsleiter, dem werden wirʼs zeigen von wegen Überstunden. Hast du gesehen? Er hat für die Aufnahme­leitung nur Praktikanten angestellt. Deshalb haben wir Zeit verloren. Deshalb bist du geschieden. Stell dich jetzt bitte nicht in Frage; hast ja auch keine Zeit dazu, morgen früh um sechs gehtʼs weiter.

Unterdessen bin ich Vater ge­­wor­den. Ein Vorteil der Selbständigkeit ist, dass ich ein viermonatiges Sabbatical machen konnte, um mich an die neue Familiensituation zu gewöhnen. Danach hiess es wieder Geld verdienen. Ich nahm mir vor, in der Region zu bleiben und keine Reisen zu unternehmen, zumindest bis meine Tochter zur Schule gehen würde. Doch der allgemeine Trend führte mich in eine Serie. Drei einträgliche Monate. Und drei Monate, die mir zeigten, dass ich etwas anderes tun muss, dass es nichts ändert, wenn man in der Region bleibt, dass die Drehpläne überall dieselben sind, dass HBO weit weg von mir ist und dass alles keinen Sinn mehr macht. Seine Zeit zu verschwenden für Projekte, an die man nicht glaubt, vertrug sich nicht länger mit meinen Wünschen. Ich wollte nur noch ein normales Familienleben führen, Tag für Tag meine Tochter aufwachsen sehen und mit ihr am Esstisch sitzen können.

Also hörte ich auf. Das bietet keine Gewähr, dass ich ein super Vater sein werde, doch ein erster Schritt zumindest ist es.

Vincent Kappeler, ehemaliger Tontechniker, technischer Koordinator an der ETH Lausanne, Schriftsteller

 

▶  Originaltext: Französisch

 

. . .

 

Als Dozentin an der ZHdK im Bachelor of Arts in Film wurde ich von Studentinnen gefragt, ob das Kinderhaben und das Filmschaffen vereinbar seien. Ich hätte gerne geantwortet, dass dies kein Problem sei, aber so ist es nicht. Wie schwierig es ist, weiss ich aus eigener Erfahrung und von anderen Filmschaffenden.

Nach meinem Filmstudium war ich mehrere Jahre lang als Regie­assistentin und Script Supervisor tätig, mehrheitlich auf Langspielfilmen. Ich liebte das Arbeiten auf dem Set, die Verantwortung, die ich hatte und das Teamwork.

Nach der Geburt meiner ersten Tochter dachte ich noch, dass ich nach dem Mutterschaftsurlaub wieder einsteigen würde. Ich musste jedoch feststellen, dass dies für mich nicht zu bewerkstelligen war.  Die langen und intensiven Drehtage über mehrere Wochen hinweg, die immer wieder kurzfristig verschobenen Drehdaten bei Kurz- und Werbefilmen waren mit meinem neuen Alltag als Mutter einfach nicht kompatibel. Mein Partner hatte keine flexible Arbeitszeiten und es waren auch keine Grosseltern verfügbar. Für die Drehzeit eine Nanny für meine Kinder zu engagieren, lohnte sich nicht, da die meisten Produktionen, die mich anfragten, mir aus Budgetgründen nicht den angemessenen Richtlohn bieten konnten.

Ich hatte das Glück, dass ich damals das Angebot bekam, als Dozentin an der ZHdK zu wirken, seit 2010 bei Focal als Kursverantwortliche arbeite und jetzt, wo die Kinder grösser sind, auch wieder eigene Projekte und im Auftrag realisieren kann.

Aus Gesprächen weiss ich, dass für viele Filmschaffenden das Kinder­haben einen Einschnitt in ihrer berufliche Karriere bedeutet(e). Und ich finde es ernüchternd, dass einige weibliche Filmschaffende in ihren Lebensläufen nicht erwähnen, dass sie Kinder haben. «Die fragen mich gar nicht erst an, wenn sie das von Anfang an wissen». Kinder zu haben bedeutet zwar eine eingeschränkte zeitliche Flexibilität, aber trotzdem sollte es doch eine Möglichkeit geben, dass wir die Arbeit, die wir sehr lieben und in der wir gut sind, weiter ausüben können. Die Produktionsbedingungen kann man nicht ändern, aber wie wäre es mit einem Mentorensystem? Beispiel: Eine erfahrene Regieassistenz mit Kindern steht während der Vorbereitungszeit einer Nachwuchs-Regieassistenz mit ihrer Erfahrung und ihrem Knowhow zur Seite, ist auf dem Set aber nur an besonders anspruchsvollen Drehtagen anwesend. Eine Win-Win Situation, nicht?

Angela Rohrer, Filmemacherin

 

▶  Originaltext: Deutsch

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