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Gastkommentar

«Nachhaltige Produktion ist kein Luxus»

Michael Imboden, Herstellungsleiter
21. September 2020

Nachhaltig produziert: der neue Zürcher Tatort «Züri brännt» (Copyright: SRF/Sava Hlavacek)

Anreize von Förderinstitutionen befördern eine umwelt­gerechtere Filmherstellung. Es gibt aber noch Nachholbedarf – etwa bei Filmen, die an einem Ort spielen, aber in ver­schiedenen Regionen gedreht werden müssen.

Ja, ein Bewusstsein für eine nachhaltigere Herstellung von ­Filmen existiert. In Europa gibt es inzwischen diverse Initiativen und Workshops dazu. Als ich vor zwölf Jahren im Rahmen einer schriftlichen Arbeit über das Thema «Green Filming» recherchierte, war dies hierzulande noch kein Thema. Dennoch sind wir erst am Anfang, es müssen noch viele Weichen gestellt werden.

Es gibt bei der ganzen Debatte auch viel Zynismus. Kunst ist per Definition nicht nachhaltig, das mag so sein. Aber Kunst kann auch gesellschaftlichen Wandel katalysieren, die Frage ist nur, zu welchem Preis? Schlussendlich geht es darum, Verantwortung zu übernehmen, um den Impakt auf die Umwelt möglichst zu reduzieren, wie dies heutzutage eigentlich jede herstellende Industrie macht.

 

Neue Anreize

Ich finde es erfreulich, dass sich die Zürcher Filmstiftung und das Cinéforom mit der Unterzeichnung des Green Manifesto verpflichten, Kosten für nachhaltige Filmproduktion anzurechnen. Dies schafft Anreize und ermöglicht es auch Projekten mit einer knappen Finanzierung, sich mit der Thematik zu befassen. Ebenso erfreulich fand ich, als SRF beschloss, dass die ­Tatort-Produktionen in Zukunft grüner werden sollen. In Zusammenarbeit mit Jessica Hefti von Zodiac Pictures war die Herstellung des ersten Zürcher Tatorts in vielerlei Hinsicht eine Pionierleistung in Sachen nachhaltigem Produzieren in der Schweiz. Begleitet wurde sie von MyClimate, welche für jede Produktion eine CO2-Berechnung erstellt. So können Massnahmen optimiert und weitere Problemzonen erkannt werden. Zudem wird durch den Reihencharakter des Formats das Know-how jeweils an die nächsten Produktionsfirmen weitergeben.

Gerade aber bei der Weitergabe von Know-how gibt es bei uns meines Erachtens noch Nachholbedarf. Es ist wichtig dass diese Prozesse standardisiert werden und nicht alle immer wieder bei Null anfangen müssen. In den USA gibt es mittlerweile Dienstleister, welche sich auf die Beratung und Umsetzung von nachhaltigen Produktionen spezialisiert haben. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Firma «Earth Angel» aus New York. Gründerin Emellie O'Brien und ihr Team erarbeiten massgeschneiderte und vor allem lokale Lösungen für mehr Nachhaltigkeit. Des Weiteren bilden sie auch Mitarbeitende aus, sogenannte «Green Runners». Vom Prinzip her funktionieren sie eigentlich sehr ähnlich wie die Arbeitsgruppe SAFER SET, die ihre Erfahrungen und Erkenntnisse über die Umsetzung der Corona-Schutzmassnahmen mit der Branche teilt. SAFER SET hat sich von Anfang an stets um nachhaltige und möglichst umweltverträgliche Lösungen bemüht. Und dies, obwohl viele Hygiene-relevante Massnahmen auf Einwegprodukte setzen.

 

Unnötige Reisen

Es ist aber auch an der Zeit, dass gewisse Förderrichtlinien hinterfragt werden. Ich denke da insbesondere an die Auflage, dass jeweils zwingend in einer bestimmten Region oder einem bestimmten Land gedreht werden muss. Regionaleffekte lassen sich problemlos auch über Geldfluss generieren. Es gibt etliche Beispiele von Filmen, die zwar nur an einem einzigen Ort spielen, aber dennoch in mehrere Regionen gedreht werden müssen, nur damit die Förderrichtlinien erfüllt sind. Dabei sollten wir Reisen und Transporte eigentlich vermeiden, wenn sie, inhaltlich betrachtet, gar nicht nötig sind.

Weiter braucht es die Unterstützung der lokalen Behörden. Wenn mitten in der Stadt Zürich mit einem Diesel-Generator Strom erzeugt werden muss, scheint mir das absurd. Früher war es einfacher, temporäre Stromanschlüsse zu bestellen, heute ist dies viel aufwändiger geworden und teilweise nicht mal mehr möglich. Und dies in einem Land mit einer der modernsten Infrastrukturen weltweit.

Um es in den Worten von Emellie O'Brien zu sagen: «Nachhaltige Filmproduktion ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.»

Michael Imboden

 

▶  Originaltext: Deutsch

Internationale Kurzfilmtage Winterthur

Industry Lab zum ökologischen Fussabdruck der Branche:  

In Panels und Workshops werden Methoden zur grüneren Film- und Festivalproduktion ermittelt, praktische und greifbare Lösungen gesucht und in Case Studies Projekte vorgestellt. 

Auszug Programm:
Schweizer Brancheninformation:
Fördermassnahmen für den «Grünen Dreh».

Mit: Christiane Dopp (Filmförderung Hamburg),
Urs Fitze (SRF), Zürcher Filmstiftung.

Moderation: Lucie Bader, Cinébulletin

Keynote: Dieter Kosslick spricht über
sein Engagement für eine grünere Berlinale.  

Panel: Green Filmmaking, mit konkreten Tipps zu nachhaltigeren Filmdrehs. Von Pro Short

Kurzpräsentationen mit Q&A:

Environmental Activism widmet sich
Filmschaffenden, die sich für die Umwelt einsetzen.

Workshop SWISS FILMS:
Nachhaltigere Filmpromotion. 

 

3.-8. November – Online  auf kurzfilmtage.ch

Kostenfrei, Platzzahl beschränkt

Anmeldung bis 26.10.2020 unter:  kurzfilmtage.ch/industry

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