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Dokumentarfilme in anderen Dimensionen

Joëlle Bischof
26. April 2021

«Searchers», 2020 von Pacho Velez

Gerade in der Filmbranche sind hybride Festivalformen das Thema der Stunde, dementsprechend flexibel muss auch die Planung sein. Visions du Réel hat einen Weg gefunden, was auch Auswirkungen auf zukünftige Ausgaben haben könnte.  

Bis kurz vor Beginn des Festivals war nicht klar, ob dieses nur online oder mit Kinopublikum vor Ort stattfinden kann. Nachdem Visions du Réel letztes Jahr innerhalb von fünf Wochen zu einer vollständig virtuellen Ausgabe umorganisiert wurde, mussten auch dieses Jahr zuerst die Beschlüsse des Bundes abgewartet werden. Am Vorabend der Festivaleröffnung wurde die Wiedereröffnung der Kinos bekannt gegeben, sodass der hybriden Festivalausgabe nichts mehr im Weg stand. Nyon beschloss, die online-Streams auf 72 Stunden und 500 Aufrufe zu begrenzen und sie durch Geoblocking in der Schweiz zu verorten. Schlussendlich verzeichnete das Festival 46’000 Eintritte und Aufrufe.

 

Visionen der Wirklichkeit

Der internationale Wettbewerb Burning Lights hat sich der Suche nach neuen Narrativen und Formerzählungen verschrieben. Mit einer experimentellen Herangehensweise werden mittellange und Langfilme als Welt-, internationale oder europäische Premieren präsentiert.

«Der Nächste. Der Nächste. Oh nein, der sieht ja aus wie ein dicker Freddie Mercury! Der Nächste. Der Nächste», sagt der 55-jährige Jon und wischt auf der Dating-App einen potenziellen Match nach dem anderen weg. «Searchers» aus dem Jahr 2020 vom amerikanischen Regisseur Pacho Velez begleitet Menschen aus New York filmisch beim Online-Dating. Der Film zeigt auf humorvolle Weise, wie in Zeiten von Corona digitale Formate die Kommunikationsweise in zwischenmenschlichen Beziehungen beeinflussen und sich Menschen auch ohne körperlichen Kontakt näher kommen.

Der mit ruhiger Stimme erzählte Film «Looking for Horses» von Stefan Pavlović, der übrigens auch mit dem vom Kanton Waadt gestifteten Hauptpreis ausgezeichnet wurde, trägt einem über karge Landschaften hinweg zu einer Freundschaft zwischen zwei Männern. Der Filmemacher und ein einsamer, gehörloser Fischer lernen sich beim Angeln in Bosnien näher kennen. Zwischen den beiden Protagonisten entsteht eine tiefe Freundschaft, sodass sie sich auch ohne grosse Worte verstehen. Ob sie nun gemeinsam lachen oder weinen, sie bringen ihre Gefühle in «Looking for Horses» auf authentische Weise zum Ausdruck. Der Film wird immer wieder mit filmischen Sequenzen von Pavlovićs Reisen durchkreuzt, sodass einem ein sehnsüchtiges Verlangen für die Ferne ergreift.

«Way Beyond» bietet einen Einblick ins CERN in Genf und in wissenschaftliche Bereiche, welche die Vorstellungskraft zu übersteigen vermögen. Der Schweizer Dokumentarfilm von Pauline Julier stellt die riesige Baustelle des Future Circular Collider in den Mittelpunkt, einem Teilchenbeschleuniger, der mehr Fragen aufwirft, als Antworten liefert, aber dennoch gekonnt zu Reflexionen über die Vergangenheit, das Jetzt und die Zukunft anregt. Durch die dokumentarischen Archivbilder und den futuristische Soundtrack werden verschiedenen Zeitebenen miteinander verwoben. Auch wenn die vielen Fachgespräche von enormer informativer Dichte sind, scheint sich auch hier die Suche nach Wahrheiten spannender zu gestalten als das Finden.

 

Und das sind die Gewinner*innen

Der Hauptpreis von Nyon geht an die amerikanisch-äthiopisch-katarische Koproduktion Faya Dayi von Jessica Beshir. Neben dem Grand Prix der Mobiliar erhält Faya Dayi auch den FIPRESCI-Preis, der bei Visions du Réel erstmals vergeben wird. Im Nationalen Wettbewerb wurde Nostromo von Fisnik Maxville mit dem Preis der SRG SSR ausgezeichnet. Im internationalen Wettbewerb Burning Lights wird Looking for Horses von Stefan Pavlović mit dem Hauptpreis ausgezeichnet, der vom Kanton Waadt gestiftet wird. Der Spezialpreis der Jury des Nationalen Wettbewerbs, der von der SSA/Suissimage gestiftet wird, ging an Chronicles of That Time von Maria Iorio und Raphaël Cuomo.

Hier finden Sie die vollständige Liste der Gewinner und der Preise der 52. Ausgabe von Visions du Réel.

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