Als Sie 2021 die Leitung des Icelandic Film Centre übernahmen, fanden Sie eine zwanzig Jahre alte Institution vor. Wie war Ihr erster Eindruck?
Es war ein solides Haus, das aber nie gründlich überprüft worden war. Die isländische Filmindustrie hatte sich stark verändert: mehr Projekte, mehr Ehrgeiz, mehr junge Talente... aber die Regeln waren die gleichen geblieben. Wir mussten also eine einfache Frage stellen: Ist das, was wir tun, noch angemessen? Und wenn nicht, was ändern wir dann?
Sie haben also eine umfassende Reform eingeleitet?
Ja, es war eine echte Baustelle. Wir haben alle Prozesse durchleuchtet und mit den Fachleuten gesprochen. Nichts war heilig. Wir haben die Art und Weise, wie Projekte bewertet werden, überarbeitet, die Auswahlkriterien geklärt, die Mitglieder der Kommission geschult, ein Einspruchsrecht für Autoren eingeführt... Das ist viel Arbeit, aber sie ist unerlässlich. Denn hinter jedem Antrag stehen Monate, manchmal sogar Jahre an persönlichem Einsatz.
Sie betonen, dass die öffentliche Finanzierung transparent sein muss. Wie funktioniert die öffentliche Finanzierung heute in Island?
Wir unterstützen die Entwicklung von Drehbüchern, die Produktion von Filmen, Serien, Dokumentarfilmen und Kurzfilmen. Es handelt sich um ein selektives System mit einem begrenzten Jahresbudget: Pro Jahr können vier bis sechs Spielfilme gefördert werden. Es wird alles getan, um die Vielfalt zu fördern, einschliesslich der Gleichberechtigung und der Förderung von Kinderfilmen. Die andere Säule ist das Rückerstattungssystem - 25 bis 35 Prozent der Drehkosten können von den Produktionen zurückerstattet werden. Aber das ist ein anderer Schalter, der eher automatisch funktioniert.
Wie kann man mit begrenzten Mitteln zwischen lokalen Autorenfilmen und grossen Koproduktionen abwägen?
Das ist immer ein Balanceakt. Aber Island ist sehr gut bei Koproduktionen. Unsere Produzenten wissen sehr gut, wie man mit den nordischen Nachbarn und mit Europa zusammenarbeitet. Und das ist eine echte Stärke. Film ist eine teure Kunst. Zu mehreren teilt man das Risiko. Und vor allem bleiben wir offen. Wir haben eine echte DNA der Zusammenarbeit. Das steht nicht im Widerspruch dazu, sehr lokale Geschichten zu erzählen - im Gegenteil.
Gefährdet diese Weltoffenheit nicht die kulturelle Identität Islands?
Nein, ganz im Gegenteil. Die international erfolgreichsten Filmschaffenden sind oft diejenigen, die sich voll und ganz auf ihre Wurzeln besinnen. Sie erzählen zutiefst isländische Geschichten, in unserer Sprache, auf unserem Boden. Aber mit einer universellen Sensibilität. Das Publikum erreicht man nicht, indem man versucht, andere zu kopieren, sondern indem man aufrichtig ist. Und das haben unsere Autoren verstanden.
Sie sprechen oft von jungen Talente. Wie engagieren Sie sich für die nächste Generation?
Wir haben ein Programm entwickelt, um Erstlingsfilme zu begleiten. Die Idee ist einfach: Jedes Jahr werden zwei oder drei Projekte ausgewählt, die dann von erfahrenen Produzentinnen und Produzenten produziert und betreut werden. Das ist eine Möglichkeit, Barrieren abzubauen. Denn wenn man nicht über die richtigen Kontakte verfügt, ist es sehr schwierig, in diese Branche einzusteigen, selbst hier in einem kleinen Land. Talent sollte nicht nur denjenigen vorbehalten sein, die das System bereits kennen.
Was ist Ihrer Meinung nach die grösste Herausforderung für den isländischen Film heute?
Die Erhaltung unseres Ökosystems. Wir haben einen wachsenden Erfolg und das ist gut so. Aber wir müssen ein Ungleichgewicht vermeiden. Zwischen grossen internationalen Projekten und schwächeren Filmen. Zwischen etablierten Autoren und jungen Anfängern. Zwischen wirtschaftlichen Ambitionen und kreativer Unterstützung. Meine Aufgabe ist es, diese Balance zu halten. Und dafür zu sorgen, dass Island weiterhin Filme produziert, die uns ähneln und gleichzeitig weit in die Zukunft blicken.