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So nah, so fern

Adrien Kuenzy
13. Januar 2023

« Sous les figues », von Erige Sehiri, Akka Films. © zvg

Minoritäre Koproduktionen mit Schweizer Beteiligung, die dieses Jahr in Solothurn und dann auch anderswo gezeigt werden, zeigen beispielhaft, wie funktionierende Beziehungen zwischen den einzelnen Ländern allen zugute kommen.

Insgesamt acht Schweizer minoritäre Koproduktionen werden an den Solothurner Filmtagen zu sehen sein. Sie sind das Ergebnis einer fruchtbaren Zusammenarbeit, die insbesondere dort greift, wo sie allen finanziellen und technischen Schwierigkeiten zum Trotz auf Langfristigkeit hin angelegt ist. Seit der Einführung des Punktesystems durch das Bundesamt für Kultur (BAK) im Jahr 2019 wird dem künstlerischen Wert eines eingereichten Projektes weniger Gewicht beigemessen, «da die Minoritätsprojekte bereits im Majoritätsland auf diesen Aspekt hin bewertet und somit als förderungswürdig eingestuft worden sind», wie Ivo Kummer vom BAK in Erinnerung ruft.

In Produzentenkreisen ist man sich bezüglich des Punktesystems bekanntlich nicht einig. Unter den zehn Befragten waren einige der Ansicht, dass dieses Verfahren einen besseren, «wissenschaftlicheren», da weniger subjektiven Ansatz bietet. Andere befürchten, die künstlerische Qualität eines Projekts würde nicht genügend gewichtet; Regeln werden nicht durchwegs begrüsst. In der Praxis jedoch fällt das Bild recht harmonisch aus. Während eine neue, von MEDIA Desk Suisse und dem BAK entwickelte Förderung minoritäre Koproduktionen bereits in der Entwicklungsphase stärken soll (siehe Interview mit Corinna Marschall), sind sich die meisten Filmschaffenden einig, dass die Erfahrungen umso besser sind, je früher die Arbeit mit der majoritären Produktionsfirma beginnt.

In Solothurn wird «Calcinculo» der italienischen Regisseurin Chiara Bellosi gezeigt, an dessen Finanzierung tellfilm mit 22,3 Prozent beteiligt war. Produzentin Katrin Renz hat eine klare Meinung: «Wir waren an der Ausarbeitung des Drehbuchs und der Besetzung beteiligt und haben auch bei der Suche nach Drehorten in Italien und der Schweiz mitgewirkt. Die Zusammenarbeit war von Anfang an gleichberechtigt, mit klar verteilten Aufgabenbereichen.» Schwierigkeiten sieht sie bei minoritären Koproduktionen eher im Bereich der Finanzierung, wenn man zum Beispiel Geld für ein Projekt auftreiben müsse, dessen Drehbuch nicht offensichtlich in der Schweiz spiele. Neben der Förderung für minoritäre Koproduktionen sollte sich die Schweiz ihrer Meinung nach an der ÖFI+- oder FISA+-Förderung orientieren, wie sie in Österreich ab 2023 angewendet wird. «Damit wären wir weniger abhängig von der selektiven Förderung des BAK und den Regionalförderungen, und wir wüssten stattdessen bereits zu einem frühen Zeitpunkt, mit welcher Summe aus der Schweiz wir sicher rechnen können.»

 

Visionen und Werte

Minoritäre Koproduktionen tragen entscheidend dazu bei, Perspektiven und Kompetenzen zu erweitern. «Natürlich haben wir auf internationaler Ebene selbst viel beizutragen», fährt Katrin Renz fort. «Trotzdem ist es wichtig, immer über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.» Fabrice Aragno, Filmemacher und Produzent bei Casa Azul Films, sieht das genauso – in Solothurn stellt er «À vendredi, Robinson» von Mitra Farahani vor, in dem Jean-Luc Godard und der iranische Filmemacher Ebrahim Golestan einen Briefwechsel führen. «Weil ich mich an Bild und Schnitt beteiligen durfte, war Mitras Blick eine echte Bereicherung, ihre Art des Kinos ist ganz anders», hebt der ehemalige Mitarbeiter von Jean-Luc Godard hervor.

Die Zusammenarbeit mit Talenten ausserhalb der Schweiz ist auch für Joëlle Bertossa selbstverständlich. Die Produzentin hat 2012 Close Up Films ins Leben gerufen und seither über mehrere Filme hinweg eine vertrauensvolle Beziehung zum französischen Filmemacher Philippe Garrel aufgebaut. «Er ruft mich an, wenn er über sein Drehbuch oder die Lancierung des Films in der Schweiz reden möchte. Die Arbeit mit ihm hat uns technisch enorm vorangebracht. Für uns ist das alles von unschätzbarem Wert.»

Ausbau eines internationalen Netzwerkes

Auch Thomas Reichlin, Produzent bei Alva Film, steht minoritären Koproduktionen positiv gegenüber. Sie ermöglichen ihm den Zugang zu einem internationalen Netzwerk und qualitativ hochwertigen Projekten. Alva Film pflegt schon seit Jahren enge Beziehungen zum Kosovo: «Obwohl das Koproduzieren gewisse Einschränkungen mit sich bringen kann, bleibt die Zusammenarbeit mit dem Ausland eine Bereicherung für die europäische Kulturlandschaft wie auch für die Schweizer Filmindustrie.» Die minoritäre Partnerschaft von 2021 bei «Hive» von Blerta Basholli ermöglichte im Anschluss eine majoritäre Koproduktion mit dem in Solothurn gezeigten Spielfilm «The Land Within» von Fisnik Maxville. Anita Wasser und Michael Steiger, Produzenten bei Turnus Films, die ebenfalls zwei minoritäre Koproduktionen («Alma und Oskar» sowie «Himbeeren mit Senf») in Solothurn präsentieren, sehen das ganz ähnlich: «Unsere Strategie ist es, Schritt für Schritt Vertrauen aufzubauen».

Auch der Filmemacher Nicolas Wadimoff arbeitet mit seiner Produktionsfirma Akka Films seit langem an der Entwicklung von Beziehungen zum Ausland. Der Produzent und Leiter der Abteilung Film an der HEAD – in Solothurn vertreten mit «Sous les figues» der Franco-Tunesierin Erige Sehiri – versteht den Austausch als eigentümlichen Bestandteil einer Schweizer Filmphilosophie: «Jeder Film steht in einem grösseren Zusammenhang, er bezieht sich auf eine filmische Haltung, einen Filmemacher, eine Filmemacherin; wir sehen es am Beispiel von Erige, deren zweiten Film wir gerade produzieren. Für mich darf sich der Schweizer Film nicht abschotten. Er muss atmen, er braucht die Luft, die nur der künstlerische Austausch liefern kann».

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