Zu den Konstanten in den Wirren des ökonomischen und strukturellen Wandels der Filmindustrie gehört (um es bewusst widersprüchlich auszudrücken) die zentrale und zugleich abgelegene Stellung des sogenannten Genrekinos. Das Publikum von Genrefilmen – eine Bezeichnung, in der gewöhnlich (leider) eine (nicht so) stille (moralische und ästhetische) Verurteilung mitschwingt – bildet eine Art Stammesverband, transversal, transnational, fliessend. Einen Stammesverband, der, etwas hochgestochen formuliert, ein Ort der Erzählung ist. Aber nicht etwa ein Rittergut, das von «Incels» bevölkert ist, wie manche denken mögen, sondern ein äusserst vielfältiger Landstrich. Nicht zufällig ist das sogenannte «Horrorkino» oft in Frauenhand. Ein Beispiel dafür ist der Film «She Will» von Charlotte Colbert, der 2021 in Locarno mit dem Preis für den besten Erstling ausgezeichnet wurde und der Regisseurin eine Zusammenarbeit mit Dario Argento als ausführenden Produzenten einbrachte. Nicht vergessen werden dürfen auch Filmkritikerinnen wie Kier-La Janisse.
Das Genrekino hat sich insbesondere in den Jahren nach der Pandemie als «pièce de résistance» der Filmindustrie erwiesen: Zahlreiche neu geschaffene Fonds unterstützen seine Entwicklung, und es vermochte beispielsweise auch in den Ländern des Nahen Ostens im grösseren Stil Fuss zu fassen (man denke beispielsweise an «Dachra» von Abdelhamid Bouchnak, «Ashkal» von Youssef Chebbi, «Animalia» von Sofia Alaoui). Den endgültigen Beweis für seine Bedeutung liefert der vor zwei Jahren in Cannes eingeweihte Fantastic Pavilion.
Das Genrekino erfreut sich also einer robusten Gesundheit.
In den vergangenen Jahren war das Locarno Film Festival ein wichtiger Beobachter und verhalf zahlreichen Filmen zu Erfolg. Das glanzvollste Beispiel ist natürlich der Film «Nightsiren» von Tereza Nvotová (Goldener Leopard im Wettbewerb Cineasti del Presente), der nach dem Festival international grossen Erfolg hatte. «The Sadness» von Rob Jabbaz, 2021 ausserhalb der Wettbewerbe gezeigt, wurde zu einem Kultfilm des Extremkinos. «Topakk» von Richard V. Somes, ein aussergewöhnlicher philippinischer Actionfilm, eroberte überall die Herzen, nachdem der Film in Locarno, ebenfalls ausserhalb der Wettbewerbe, gezeigt worden war. «Mad God» von Phil Tippett (2021 Vision Award Ticinomoda) ging nach der Weltpremiere in Locarno sofort in die Geschichte des fantastischen Kinos ein. Und 2022 erhielt Jason Blum, Gründer von Blumhouse und Schlüsselfigur im Vorstand des Sundance Institute, den Raimondo Rezzonico Award.
Aus dem Bereich des «gehobenen Horrors» stammt der Film «Falling Stars» von Gabriel Bienczycki und Richard Karpala, der auf der Piazza Grande gezeigt wurde. «La Morsure» des Talents Romain de Saint-Blanquat lief 2023 im Wettbewerb Cineasti del Presente und wurde von der Kritik begeistert aufgenommen, aktuell ist er in französischen Kinos zu sehen.
Aus dem Bereich Actionfilm ist «Cop Secret» zu nennen, ein isländischer Actionfilm mit subversiven LGBTQ+-Untertönen, der 2021 im Wettbewerb lief und bei dem Hannes Halldórsson Regie führte, der Torhüter der isländischen Fussballnationalmannschaft, der sich rühmen darf, einen Elfmeter von Messi abgewehrt zu haben. Der Film schaffte es später unter die Finalisten der European Film Awards für die beste europäische Komödie.
Das Festival hat auch dem neuen italienischen fantastischen Kino Aufmerksamkeit geschenkt: «Il mostro della cripta» von Daniele Misischia (produziert von den Gebrüdern Manetti) und der viel gepriesene Film «Mimì – Il principe delle tenebre» feierten hier Weltpremiere.
Das Kino kann oder sollte von der Vitalität des neuen Genrekinos lernen, um dem Wandel und den Ansprüchen eines aufmerksamen, motivierten und kritischen Publikums gerecht zu werden.