Für eine starke Standortförderung
Matthias Michel über eine Stärkung des Standorts Schweiz.
Perla Ciommi 18. September 2026
Film kann unseren Blick auf die Welt öffnen, aber auch Stereotype reproduzieren. Umso wichtiger ist die Frage: Wer erzählt Schweizer Geschichten – und aus welcher Perspektive?
Kino bringt uns an Orte, die wir vielleicht nie besuchen werden, und lässt uns die Welt aus der Perspektive anderer Menschen sehen. In einer vielfältigen Gesellschaft kann Film damit etwas Wertvolles schaffen: Neugier aufeinander, Verständnis und Räume für Austausch.
Aber diese Kraft ist nicht per se positiv. Film kann auch Stereotype und Ängste erzeugen oder Feindbilder schaffen. Filme sind nicht nur ein Spiegel unserer Gesellschaft, sondern gestalten unsere Vorstellung von ihr mit. Deshalb ist entscheidend, welche Geschichten erzählt werden, aus welcher Perspektive und wer sie erzählen darf.
Die Schweiz versteht sich als vielfältiges Land. Damit sind aber oft die vier Landessprachen oder die Kantone gemeint. Die Schweizer Vielfalt ist längst komplexer. Rund 30 Prozent der Bevölkerung haben keinen Schweizer Pass, noch mehr Menschen eine Migrationsgeschichte. Hinzu kommen unterschiedliche Erfahrungen aufgrund von Geschlechtsidentität, Behinderung und sozioökonomischer Herkunft. In der Filmproduktion findet sich diese Vielfalt jedoch nur bedingt wieder, besonders hinter der Kamera.
Wie sich der Blick auf Migration durch Film verändern kann, habe ich 2013 in meiner Masterarbeit über italienische Identität im Schweizer Film untersucht. In den 1950er- bis 70er Jahren wurde vor allem «über» Italiener und Italienerinnen erzählt. Sie erschienen als Fremde, Arbeiter und Arbeiterinnen und nicht selten als Stereotype. Ab den 1980er Jahren brachten Filmschaffende der zweiten Generation zunehmend ihre eigenen Perspektiven ein. Daraus entstanden neue, hybride Erzählweisen und die italienische Kultur wurde zunehmend nicht mehr als etwas Fremdes wahrgenommen. Vorstellungen von Zugehörigkeit können sich auch im und durch Film verändern.
Heute gewinnt die Vorstellung einer homogenen nationalen Identität in vielen Ländern Europas wieder an Bedeutung. Umso wichtiger ist die Frage, welche Vorstellung von Zugehörigkeit unser Kino vermittelt und wer sie mitgestalten darf.
Die langjährigen Bemühungen um die Gleichstellung von Frauen und Männern im Film zeigen uns, dass Sichtbarkeit vor der Kamera allein nicht genügt. Vielfalt muss auch in Regie, Drehbuch und Produktion stattfinden. Denn wenn sich verändert, wer die Geschichten erzählt, verändern sich auch die Narrative.
Natürlich lebt Kino von der Freiheit, andere Welten zu imaginieren und zu erzählen. Gerade darin liegt aber auch das Risiko, Stereotype zu reproduzieren oder Lebensrealitäten aus einer dominanten Perspektive darzustellen. Ein Kino, das von unterschiedlichen Akteuren und Akteurinnen gestaltet wird, kann durch vielfältige Perspektiven dieser Gefahr entgegenwirken.
Das erlebe ich in meiner eigenen Arbeit. Im partizipativen Dokumentarfilm «Wir Mitbürgerinnen» haben wir von politischer Teilhabe mit und ohne Schweizer Pass erzählt. In der Webserie «Frauenelemente» haben Frauen mit unterschiedlichen Migrationsgeschichten ihre Porträts mitgestaltet. Ohne diesen Ansatz wären die Filme ein Reflex meiner eigenen Vorstellungen geblieben, statt den Protagonistinnen ihre eigene Stimme zu lassen.
Solche Prozesse sind schwer zu finanzieren und Projekte ausserhalb etablierter Produktionswege werden in der Filmbranche oft nicht ernst genommen. Und hier stellt sich die Frage: Wie offen ist das Schweizer Kino gegenüber neuen Narrativen, Filmschaffenden mit unterschiedlichen Hintergründen und anderen Produktionswegen?
Die Schweiz hat ihre Identität seit ihrer Gründung über unterschiedliche Sprachen, Regionen und kulturelle Zugehörigkeiten definiert. Diese Vielfalt gehört zu ihren Stärken und hat sie mitgeprägt. Heute bietet eine neue Vielfalt die Chance, eine kreative und starke Filmkultur zu gestalten und mit neuen Narrativen ein breiteres Publikum zu erreichen.
Entscheidend ist dabei, welche Perspektiven wir als Teil unserer Identität verstehen. Denn was wir erzählen, prägt auch, wer wir sind und wie wir zusammenleben.