Zurich Summit: der Film und die Macht der Plattformen
Podiumsgespräch über der Einfluss von KI auf das Filmschaffen beim Zurich Summit. © Tim Hughes / ZFF

Zurich Summit: der Film und die Macht der Plattformen

Adrien Kuenzy 29. Oktober 2026

YouTube und TikTok stellen sich als Verbündete des Films auf der Suche nach Publikum dar. Am letzten Zurich Film Festival warfen ihre Versprechungen eine allgemeine Frage an die gesamte Branche auf: Wer hat die Entdeckung von Filmen und die Aufmerksamkeit des Publikums noch in der Hand?

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Kane Parsons kommt aus genau der Welt, über deren Einfluss er hier spricht. Der Regisseur von «Backrooms» wurde auf YouTube bekannt, bevor er mit dem unabhängigen US-amerikanischen Studio A24 zum Spielfilm überging. Angesprochen auf die angebliche Vorliebe seiner Generation für kurze Formate widerspricht der 21-Jährige: Dies werde vielmehr «von Algorithmen begünstigt». Gemäss Parsons «gefällt es den jungen Leute nicht, wenn ihre Aufmerksamkeitspanne in diesen Strudel» sehr kurzer Inhalte gezogen wird. Als Gegenbeispiel nennt er die Erfahrung, sich in einem Saal ohne Störung von aussen eine einzige Sache anzuschauen. «Ich finde, das entschleunigt auf eine wohltuende Art.»

Wir sind am Zurich Summit, dem Branchentreffen des Zurich Film Festival. Am Vormittag geht es um künstliche Intelligenz, YouTube, TikTok und die Ökonomie der Inhaltsersteller. Ein Thema ist allgegenwärtig: Das Publikum. Bei der Frage, wie man es am besten erreicht, zeichnet sich ein Paradox ab: Um das Publikum zurückzuholen, zählt die Branche auf genau die Plattformen, die dessen Aufmerksamkeit für sich beanspruchen.

Die Plattformen versprechen Publikum

Eine Präsentation jagt die nächste. Andreas Briese, Direktor von YouTube Deutschland, Zentral- und Nordeuropa, versichert, die Plattform wolle das Kino nicht ersetzen, sondern «stärken». Die Filmschaffenden lieferten Inhalte, Talente und Innovation, während YouTube seine weltweite Plattform, sein Publikum, seine Rechteverwaltung und verschiedene Einnahmequellen zur Verfügung stelle. Briese spricht auch über die wichtige Rolle der Daten: Wer wann was schaut, an welcher Stelle das Publikum sich ausklinkt. «Ein YouTuber ist tagsüber Künstler und nachts Datenanalyst.»

Es folgt TikTok. Gemäss Hasmik Matinyan, Verantwortliche für Partnerschaften mit der Unterhaltungsbranche in der DACH-Region, stammen über 90 Prozent der Publikationen über Filme und Serien auf TikTok von Fans und Inhaltserstellern und nicht von offiziellen Konten der Branchenakteure und -akteurinnen. Bei «Backrooms», der in Deutschland von Constantin Film vertriebenen wird, gingen gemäss einer von Matinyan zitierten Analyse des Vertriebs, deren Methodik nicht genauer dargelegt wird, ein Drittel der Zuschauenden dank TikTok ins Kino.

Constantin Film setzt nicht nur für die Promotion auf Plattformen. Der Vorstandsvorsitzende Oliver Berben ist überzeugt, die Fan- und Interessengruppen müssten schon viel früher, ab der Entwicklungsphase mit einbezogen werden. Er gibt jedoch zu bedenken, dass ein grosses Publikum allein keine Garantie ist: Das Engagement zählt mehr als die Anzahl Follower. Julie La’Bassiere, strategische Leiterin bei DDA, erklärt, sie könne sich eine Unterhaltungskampagne ohne Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube nicht mehr vorstellen.

Der Kampf um Zeit

Nach der Mittagspause spricht Bill Kramer, Leiter der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, über den Wechsel der Oscarverleihung zu YouTube. Ab 2029 wird die Zeremonie dort weltweit in über 30 Sprachen kostenlos übertragen. Für Kramer eine offensichtliche Wahl: «Es wäre fast schon riskant, es nicht zu tun».

Das Publikum zu erreichen genügt jedoch nicht, um den Filmen einen dauerhaften Platz zu sichern. Michael Barker, Co-Präsident von Sony Pictures Classics, stellt fest, dass auch bei Filmen, die keine Blockbuster sind, 20- bis 30-Jährige im Saal sitzen. «Wenn die Kinos verschwinden, wird auch die Filmkultur verschwinden». Gewisse Filme würden auch ohne grosse Zuschauerzahlen zu Klassikern, fährt er fort. Ihre Verbreitung im Kino verhelfe ihnen zu dauerhaftem Erfolg.

Doch wie schafft man Platz für Kinoerlebnisse in einem Alltag, in dem die Plattformen bereits einen Teil der Aufmerksamkeit beanspruchen? Auf TikTok seien Empfehlungen sehr wichtig, erklärt Kevin Mayer. Der ehemalige Disney- und TikTok-Manager und derzeitige Co-Direktor von Candle Media beschreibt einen Algorithmus, der individuell sehr präzise Inhalte zuteilen kann. So können sogar sehr kurze Videos «von mässiger Qualität» dennoch «extrem fesselnd» wirken. «Das ist in vielerlei Hinsicht schade, doch es ist eine Tatsache. Darauf verwenden die jungen Leute ihre Zeit und Aufmerksamkeit.»

Auf den Kinder- und Jugendschutz angesprochen verweist Mayer, der sich bei TikTok intensiv damit befasste, auf China, wo Kinder nur eine begrenzte Zeit auf Douyin, der chinesischen Version von TikTok, verbringen können – eine Massnahme, die er als «äusserst positiv» beurteilt. «Das ganze Wirtschaftssystem trägt Verantwortung, doch in erster Linie die Plattformen selbst», so Mayer. Eine Regulierung ist für ihn «absolut notwendig». Parsons’ Vorbehalt ergibt unter diesem Gesichtspunkt erst recht Sinn: Um junge Leute für Filme zu begeistern, muss man ihnen genügend Aufmerksamkeit lassen, um sie sich anzuschauen.

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