Philippe Clivaz: «An Festivals sind die Menschen offener»
Philippe Clivaz, Präsident der Conférence des festivals und Geschäftsführer des Fribourg International Film Festival.© Pierre-Yves Massot / FIFF

Philippe Clivaz: «An Festivals sind die Menschen offener»

Adrien Kuenzy, Teresa Vena 30. Oktober 2026

Filmfestivals kommen auch der lokalen Wirtschaft zugute. Der Präsident der Conférence des Festivals spricht über ihren kulturellen Nutzen und die Notwendigkeit öffentlicher Unterstützung.

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Für jeden investierten Franken an Fördergeldern fliessen 2.30 Franken in die Wirtschaft zurück. Diese Kennzahl möchte die Conférence des Festivals mit ihrer Analyse zu acht Schweizer Festivals hervorheben. Die nach den Sommerferien, kurz nach Bekanntgabe der neuen Unterstützungsbeiträge des Bundesamts für Kultur veröffentlichte Studie soll unter anderem als Argument gegenüber der Politik dienen. Doch der Präsident der Konferenz Philippe Clivaz spricht auch das an, was aus den Zahlen nicht klar hervorgeht: Teams, die grösstenteils aus Temporärkräften oder Freiwilligen bestehen, Eintrittspreise, die erschwinglich bleiben müssen sowie Festivals, die neben einem stabilen Fundament aus öffentlichen Geldern vermehrt nach privaten Investoren suchen. Ein Gespräch.

Weshalb haben Sie diese Analyse gerade jetzt durchgeführt?

Wir haben bereits vor einigen Jahren damit begonnen, insbesondere um die Erfassung der Besucherzahlen an den Festivals zu vereinheitlichen. Die Analyse stützt sich auf Zahlen von 2023 bis 2025 aus Dokumenten, die auch an das Bundesamt für Kultur übermittelt wurden.

Ihre wichtigste Kennzahl besagt, dass jeder investierte Franken an Fördergeldern im Schnitt 2.30 Franken direkte Ausgaben in der Schweiz generiert. Wie kommen Sie auf diese Zahl?

Wir baten die acht Festivals, anhand ihrer Budgets und ihrer Buchhaltung auszurechnen, wie gross der Anteil ihrer Ausgaben in der Schweiz ist. Im Durchschnitt liegt er bei 91.43 Prozent. Diese Ausgaben vergleichen wir dann mit dem Gesamtbetrag der öffentlichen Fördergelder von Bund, Kantonen und Gemeinden. So kommen wir auf einen Schnitt von 2.30 Franken, die pro investiertem Franken an Fördergeldern in der Schweiz ausgegeben werden. Dies beinhaltet unter anderem Hotels, Saalmieten, Löhne und Druckkosten.

Legen Sie so starkes Gewicht auf den wirtschaftlichen Aspekt, weil heutzutage das kulturelle Argument nicht mehr ausreicht, um die öffentliche Hand für Festivals zu gewinnen?

In der Conférence des Festivals sind hauptsächlich organisatorische, operationelle und administrative Verantwortliche vertreten. Was wir hier hervorheben, sagt nichts über die künstlerische Ebene aus, die viel schwieriger zu vergleichen ist. Uns interessierte es darzulegen, dass durch die Investition öffentlicher Gelder auch die lokale Wirtschaft gefördert wird, und das ist uns gelungen.

Kann ein Festival seine Abhängigkeit von öffentlichen Geldern reduzieren? Ist ein zu weiten Teilen selbsttragendes Modell realistisch?

Das dürfte eher schwierig sein. Die Förderungen stellen insgesamt 39.77 Prozent der Budgets der acht untersuchten Festivals dar. Ohne diesen Anteil könnten die Veranstaltungen nicht durchgeführt werden. 40 bis 50 Prozent des Budgets wird für Löhne aufgewendet. Wir wollen die Mitarbeitenden angemessen bezahlen. Da die Rolle eines Festivals in erster Linie darin besteht, Filme zu zeigen und Leute zusammenzubringen, können wir auch nicht darauf verzichten, Regisseure und Regisseurinnen einzuladen.

Selbst grössere Festivals setzen nach wie vor stark auf Freiwillige, Temporär- und Teilzeitkräfte. Wie stehen Sie zu diesen prekären Arbeitsbedingungen?

Freiwilligenarbeit ist ein fester Bestandteil von Kultureinrichtungen, insbesondere in den Komitees. Die soziale Unsicherheit befristeter Anstellungen ist eine Realität. Wir versuchen, unseren Sektor vermehrt zu professionalisieren, indem wir gewisse Kompetenzen teilen. So verwenden zum Beispiel einige Festivals die gleichen Datenbanken oder Ticket-Verkaufssysteme, für die es spezielle Kenntnisse braucht. Dadurch können gewisse Fachkräfte im Lauf des Jahres für mehrere Festivals arbeiten. Je nach Veranstaltung gibt es bis zu 15 Festangestellte sowie rund 30 Personen, die an mehreren Festivals tätig sind, in ähnlichen oder auch in unterschiedlichen Positionen.

Das FIFF hat seine regionale Verankerung gestärkt, insbesondere durch Partnerschaften mit lokalen Marken und Unternehmen. Stellen Sie allgemein eine wachsende Bereitschaft der Unternehmen zur Zusammenarbeit mit Schweizer Festivals fest?

Das ist ein sehr langwieriger Prozess. Bevor man private Unterstützung suchen kann, muss man bereits über eine starke öffentliche Förderung verfügen. In der Region Freiburg gibt es nicht sehr viele grosse Unternehmen oder Superreiche. Wir arbeiten deshalb eher mit kleinen Sponsoren als mit grossen Hauptpartnern. Allmählich trägt unsere Arbeit Früchte. An den Festivals, an denen ich verkehre, sieht man immer mehr lokale Wirtschaftsvertreter, insbesondere an den Eröffnungsfeiern. Unsere grösste Aufgabe besteht darin, ihnen zu erklären, dass das Festival nicht nur aus dieser Feier besteht, sondern dauerhafte Unterstützung benötigt.

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Jährlich kommen Tausende auf die Piazza Grande nach Locarno. © Locarno Film Festival

Wie beurteilen Sie die Auswahl des Bundesamts für Kultur für die Festivalförderung 2027 bis 2029?

Im Ganzen recht positiv. Wir wissen, dass die Mittel begrenzt sind und dass der grösste Teil der Budgets in die Produktion fliesst, was durchaus üblich ist. Auch stellen wir einen gewissen Willen zur Stabilität fest. Über die drei letzten Perioden gab es einige Erhöhungen und Veränderungen bei den Förderungen für gewisse Festivals, doch es ist eine Linie erkennbar: Das Bundesamt für Kultur hat sich dafür entschieden, die Mittel nicht nach dem Giesskannenprinzip zu verteilen, sondern zehn Festivals gezielt zu fördern. Das erscheint mir ziemlich kohärent. Bedeutet das, dass alle anderen schlecht sind? Nein, bei Weitem nicht, jedes hat seinen eigenen Charakter. Solange Festivals auch ohne Unterstützung des Bundes überleben können, kann man nicht behaupten, es gebe zu viele davon.

Wie gestaltet sich derzeit das Verhältnis zwischen Festivals und Kinos?

Die Kinos generieren mehrere Millionen Eintritte. Die Besucherzahlen der Festivals nehmen zwar zu, liegen jedoch immer noch bei rund einer halben Million pro Jahr. Ich denke, das Publikum schätzt besondere Erlebnisse. So zieht eine Vorpremiere ausserhalb eines Festivals oft mehr Publikum an als eine Vorführung ohne Begleitung. Es besteht jedoch eine gegenseitige Abhängigkeit. Die meisten Festivals könnten ohne die Kinos nicht überleben. Die Kinos brauchen die Festivals zwar nicht zum Überleben, aber sie bringen das ganze Jahr hindurch ein bisschen Würze in ihren Alltag.

Ein Festival kann Publikumskreise mit sehr spezifischen Interessen anziehen und zugleich versuchen, die Öffentlichkeit für neue Filmformen oder Themen zu begeistern. Ist es schwierig, sowohl ein Treffpunkt für Stammgäste zu sein als auch ein neues Publikum anzusprechen?

Im Fall des FIFF ist es frappant. Wir haben einen harten Kern, der seit 30 Jahren dabei ist. Im Zug der Weiterentwicklung des Festivals und der Wechsel in der künstlerischen Leitung wurde uns bewusst, dass es auch Platz gibt für ein etwas weniger engagiertes, künstlerischeres Kino sowie für mehr Unterhaltung. So müssen wir keinen Spagat zwischen zwei Publikumskreisen machen, sondern können sie zusammenbringen. Zudem arbeiten wir seit 40 Jahren mit Schulen. Rund 250'000 Schüler und Schülerinnen waren bereits an unserem Festival. Einige von ihnen werden wahrscheinlich so traumatisiert, dass sie nie wieder ins Kino gehen (lacht). Doch die meisten entdecken ihre Leidenschaft für den Film und kehren ins Kino zurück.

Inwiefern spielen die Festivals eine Schlüsselrolle für die Sichtbarkeit des Schweizer Films?

Es kann vorkommen, dass ein Film an einem Festival gut startet und danach im Kino keinen Erfolg hat. Im Allgemeinen ist die Wirkung jedoch meist positiv. Einheimische Filme stehen im Mittelpunkt, und an Festivals sind die Menschen einfach offener. Das hilft dem Schweizer Film, seinen Platz zu finden.

Wie arbeitet die 2010 gegründete Conférence des Festivals konkret? Was sind aktuell ihre wichtigsten Ziele und Tätigkeiten?

Aktuell beschäftigen uns konkrete organisatorische Herausforderungen: Wie können wir beispielsweise sicherstellen, dass die Löhne, die Lebensbedingungen und die Stresssituation im Zusammenhang mit der Festivalorganisation es den Mitarbeitenden ermöglichen, langfristig eine Tätigkeit auszuüben, die ihnen gefällt, ohne zwischenzeitlich arbeitslos oder krank zu werden? Dann ist da noch die politische Anerkennung, die die Festivals noch unverzichtbarer machen würde und das Bewusstsein der Politik für ihren Unterstützungsbedarf schärfen würde.

Einige Kennzahlen

Die Analyse der Conférence des Festivals basiert auf den Daten der acht Festivals, die zwischen 2023 und 2025 eine Förderung des Bundes erhielten. Sie bezieht sich auf ein Gesamtbudget von 35,4 Millionen Franken pro Jahr, wovon 14,1 Millionen aus öffentlichen Quellen stammen. Gemäss den Festivals generiert jeder investierte Franken an öffentlichen Geldern zwischen 1,64 und 3,75 Franken direkte Ausgaben in die lokale Wirtschaft. Die acht Festivals zusammen beschäftigen 112 Mitarbeitende in Jahresanstellung und rund 2'500 Personen während der Veranstaltungen, Freiwillige mit eingerechnet. Ihre Programme zeigen Produktionen aus mindestens 60 Ländern und fünf Kontinenten.

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