Das Festival als gemeinschaftsstiftender Ort
Beim Look & Roll in Basel. © Look & Roll

Das Festival als gemeinschaftsstiftender Ort

Teresa Vena 29. Oktober 2026

Menschen schauen nicht nur gemeinsam Filme, sondern können davon auch zum Nachdenken über sich und die Welt angeregt werden. Gerade spezialisierte Filmfestivals machen unser gesellschaftliches Verhalten besonders auffällig.

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Komödien in Vevey (VIFFF), Filme über Berge und Umwelt in Stans (Bergwelten), Horrorfilme in Brugg (Bruggore), Kino aus Lateinamerika in Genf (Filmar en America Latina) oder St. Gallen (Pantalla Latina), Filme zum Thema Wissenschaft (Global Science) oder Menschenrechte in Genf (FIFDH), Zürich (HRFF) und Lugano (FFDUL), Kino aus Tibet (Tibet Film Festival), Japan (Ginmaku) oder Iran (IFFZ) in Zürich, Kino aus dem Kosovo (Kino Kosova) oder aus dem arabischen Raum (Orient Express) in Bern und Zürich, afrikanisches Kino (Festival cinémas d’Afrique) in Lausanne, Filme über sexuelle Identität in Genf (Everybody’s Perfect) und in Zürich (Pink Apple, Porny Days) und Bern (Queersicht), Animationsfilme (Fantoche, Animatou, Animation Days Lugano) und jede Menge Kurzfilme: Das sind nur einige der Kategorien, denen sich spezialisierte Filmfestivals in der Schweiz widmen. Die Liste ist sehr lang und wächst auch noch – in Lugano fand dieses Jahr das erste KI-Filmfestival (Merge) statt.

Einige der Festivals sind mit der Zeit zu grossen Institutionen mit breiter öffentlicher Abstützung und beachtlichem Mitarbeiterstamm herangewachsen. Viele andere bleiben bis heute kleinere Strukturen, oft als Vereine aufgebaut, mit bescheidenerem finanziellem Rahmen. Sie funktionieren nur dank eines starken persönlichen Einsatzes. Viele dieser Veranstaltungen gehen auf die Initiative von Einzelpersonen zurück, die aus dem jeweils hervorgehobenen Kulturraum selbst stammen oder sich dem gestellten Thema schon lange als Forschende widmen. Das stärkt die Motivation, sich dabei ehrenamtlich einzusetzen.

Identifikationsort

Die Gründung solcher Festivals reagiert meist auf den Wunsch, eine Lücke im öffentlichen Angebot schliessen zu wollen. So bemerkten die Frauen rund um das Black Film Festival in Zürich beispielsweise, dass Filme von Schwarzen Menschen nur vereinzelt in den Schweizer Kinos zu sehen und auch online nur schwer erhältlich sind. Für das Festival ist das eine Möglichkeit, Fragestellungen und Filmschaffende hervorzuheben, die sonst untergehen. Es kann ein geschützter Raum entstehen, in dem sich die Teilnehmenden auf Augenhöhe begegnen. Indem spezialisierte Festivals als Treffpunkt fungieren, ermöglichen sie den Austausch und werden zu Plattformen der Stärkung des Selbstverständnisses einer Gemeinschaft.

Manchmal bilden sich bestimmte Rituale heraus. Ein interessantes Beispiel ist dabei das Genrefilmfestival in Neuchâtel, das auf ein langjähriges Stammpublikum zählen kann. Die Werbung vor dem Film und der Vorspann des jeweiligen Films werden mit Skandieren begleitet, das lockert gleich die Stimmung im Saal. Auch in Cannes reagiert man laut auf den Vorspann, am Ende wird manchmal auch gebuht. Auffällig ist, dass gerade Genrefilmfestivals so eine gewissermassen enthemmende Atmosphäre schaffen können, wie man sie auch in Sitges oder beim Bifff in Brüssel erleben kann. Im letzteren Fall lässt sich allerdings auch gleich eine Kehrseite des Phänomens feststellen: Das Publikum kommentiert jede – wirklich jede – Szene des Films laut mit, nicht selten auch auf sexistisch-politisch unangemessene Weise. Wie man sich also einerseits am gemeinsamen Erlebnis freuen kann, kann der Druck des Gruppenverhaltens andererseits auch zur Entgleisung führen.

Vorurteile abbauen

«Wir wünschen uns, dass wir einmal überflüssig werden», sagte Brianna Deeprose während des Look & Roll in Basel, das sie zusammen mit Nicole Schmid leitet. Das Festival findet jedes zweite Jahr statt und zeigt Filme von und mit Menschen mit Behinderung. In der Idealvorstellung würden diese Filmschaffenden um ihres Talentes willen mit ihren Werken im Kino, im Fernsehen und an Festivals gezeigt. Das passiert aber bisher nicht und solange soll es diese Plattform geben. Das Festival geht auf beispiellose Weise auf die Bedürfnisse seines Publikums ein, um eine reale Inklusion zu erzielen.

Beim Look & Roll lernt man, sich selbst zu reflektieren. Man übt sich in Geduld gegenüber anderen und auch gegenüber sich selbst.

Eine alternative Perspektive auf bestimmte Themen, abseits der eines Algorithmus, ermöglicht es, neue Weltansichten zu erschliessen. Lässt man sich darauf ein, bietet sich hier eine Möglichkeit, Vorurteile abzubauen. Das könnte auch der Filmbranche helfen. Der Kameramann Stanko Pavlica, selbst gehörlos, begrüsst jede Gelegenheit, die sichtbar macht, dass Menschen mit Behinderungen über gleichwertige berufliche Fertigkeiten verfügen. «Bis dahin leiste ich Überzeugungsarbeit.»

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