Treffpunkt mit Timothy Ross und Alexander Stratigenas
© Orisono GmbH

Treffpunkt mit Timothy Ross und Alexander Stratigenas

Silvia Posavec 20. März 2025

Die krisenerprobte junge Produktionsfirma Orisono aus Luzern wurde 2019 von Alexander (Alex) Stratigenas und Timothy (Timmy) Ross gegründet. Sie will grosse internationale Filmproduktionen in die Schweiz holen. Mit «Sew Torn», der sich gerade in der Verwertung befindet, hat sie bereits ihren zweiten Spielfilm in den Schweizer Bergen realisiert. Die beiden Produzenten sprechen über die Dreharbeiten und über Standortförderung in der Schweiz.

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Wir befinden uns hier in den Soundville Media Studios in Luzern. Was ist das für ein Ort und wie sind Sie mit Ihrer Firma hierhergekommen?

Alexander Stratigenas (AS): Soundville ist ein Ton- und Filmstudio, das 1979 von René Zingg gegründet wurde. Ich habe meine Ausbildung als Tontechniker hier abgeschlossen und dabei unter anderem Alben mit Schweizer Musikern und Musikerinnen wie Nemo und Stefanie Heinzmann aufgenommen. Doch als Tontechniker begleitet man Künstler oft nur temporär – ich wollte etwas Eigenes aufbauen, an dem ich langfristig arbeiten kann. So gründete ich mein eigenes Musiklabel. Timmy habe ich über sein Kurzfilmprojekt kennengelernt. Er suchte jemanden für den Ton und da haben wir gemerkt, dass unsere Projekte gut zusammenpassen: Er wollte Filme, und ich Musik produzieren. So haben wir total blauäugig mit Orisono losgelegt: «Ori» kommt vom griechischen Wort «horizōn», Horizont, und «sono» von «sonare», hören.

Timothy Ross, was hat Sie zum Film gebracht?

Timothy Ross (TR): Ich komme aus der Region Sursee und habe schon während der Schulzeit angefangen, mich für Grafikdesign, Animation und Fotografie zu interessieren. Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Film studieren. Mit meinem aufwendig produzierten Kurzfilm habe ich mich an der ZHdK und an der Hochschule für Fernsehen und Film München beworben, wurde aber nicht angenommen. Weil ich mir aber schon ein gutes Netzwerk aufgebaut hatte, konnte ich weiter als Freischaffender Auftragsfilme realisieren. Und dann hat sich die Zusammenarbeit mit Alex und René ergeben.

Wie hat es mit Orisono begonnen?

AS: Wir haben im Sommer 2019 mit viel Energie losgelegt. Im Frühjahr 2020 kam der Lockdown. Vieles wurde storniert, wir hatten keine Aufträge mehr und Orisono war zu jung, um Corona-Hilfsgelder zu bekommen.

TR: Die Infrastruktur von Soundville war für uns eine grosse Starthilfe. Als junge Firma hatten wir hier während Corona Zugriff auf alles. Das war der Grund, wieso wir mit unseren Projekten so schnell vorwärtsgekommen sind. Am Anfang ist es immer schwer, den ersten Dominostein anzustossen, aber danach breitet sich das Netzwerk ganz natürlich aus. «Color of Heaven» war 2021 der erste Film, den wir koproduziert haben. Durch das Projekt haben wir zukunftsweisende Kontakte knüpfen können, wie unsere Partnerfirma 89 Productions in Brunnen.

Wie würden Sie den Arbeitsschwerpunkt Ihres Unternehmens definieren?

AS: Mit Orisono Film wollen wir internationale Produktionen umsetzen und die Schweiz in der Welt präsentieren. Der Filmbereich deckt Serviceproduktionen, Eigenproduktionen – wie zuletzt unseren zweiten mit amerikanischen Partnern (Macdonald Entertainment Partners und Barry Navidi Productions) koproduzierten Spielfilm «Sew Torn» von Freddy Macdonald – und Werbefilme ab. Orisono Music konzentriert sich hingegen darauf, Filmschaffende mit Komponisten zu verknüpfen und Produzenten bei der Lizenzierung und der Auswertung zu unterstützen.

TR: Unser Fokus liegt auf internationalen Filmproduktionen. Andere Produktionsfirmen richten sich mit ihren Filmen an ein Schweizer Publikum und setzten auf bewährte Förderstrukturen. Wir wollen neue Wege gehen: Die US-amerikanische Filmindustrie eröffnet uns spannende Möglichkeiten für Zusammenarbeiten und private Investitionen. Das ist in der Schweiz sehr unüblich. Einen Film privat zu finanzieren gibt uns kreativen Spielraum, bringt aber auch wirtschaftliche Verantwortung mit sich.

Das Thema Standortförderung ist etwas, das Ihnen dabei helfen könnte…

TR: Ja, in der Schweiz gibt es die Koproduktionsförderung, was super ist, wenn wir als Koproduzenten auftreten. Sie greift aber nicht, wenn eine Firma aus dem Ausland ohne einheimische Beteiligung drehen will. Bei Serviceproduktionen fehlen in der Schweiz die Förderinstrumente. Unsere Nachbarländer haben sogenannte «Incentives», Anreizmodelle, aufgebaut, mit denen man als Produktionsfirma beispielsweise gewisse Auslagen rückerstattet bekommt. Wenn wir uns um internationale Projekte bemühen, fehlen uns da die Argumente. Dazu kommt, dass die Schweiz den Ruf hat, teuer zu sein. Aber Standortförderung ist auch Wirtschaftsförderung. Film ist sowohl Kultur als auch Wirtschaft – eine Branche, die Arbeitsplätze schafft und zahlreiche andere Sektoren beeinflusst. Es liegt auch an uns, als Produktionsfirma und als Filmschaffende, ein besseres Verständnis dafür zu schaffen.

«Sew Torn» konnten Sie in relativ kurzer Zeit produzieren. Lag das auch am Budget?

TR: Es ging schnell, weil wir den Film privat finanzieren konnten. Filmförderung zu beantragen, ist tendenziell ein langwieriger Prozess. Hier konnten wir, sobald wir das Geld zusammen hatten, mit dem Dreh anfangen. Finanzierung und Drehplanung sind sogar eine Zeit lang parallel gelaufen.

AS: Es ist viel Geld aus den USA gekommen und manche der Investoren sind in die Schweiz geflogen, um sich das Filmset anzuschauen. Sie standen dann in Vättis und haben gesagt: «Wow, amazing». Da konnten wir unseren Partnern zeigen, dass was passiert!

Was war beim Dreh die grösste Herausforderung für Sie?

AS: Die Explosion im Film war eine der grössten Herausforderungen: Wir wollten mitten in Bad Ragaz einen Laden in die Luft sprengen. Doch wegen der Veranstaltung «Light Ragaz» fuhren alle 30 Minuten Busse mit Festivalbesuchern an unserem Schauplatz vorbei. Deshalb mussten wir die Explosion auf das Festivalende verschieben. Kurz vor dem Dreh kam dann die Hiobsbotschaft: «Light Ragaz» wurde verlängert – die Busse würden weiterhin regelmässig fahren. Ein riesiges Problem! Aus Sicherheitsgründen brauchten wir mindestens eine halbe Stunde, um die Kanonen mit Propangas zu füllen, und in dieser Zeit durfte niemand die Strasse passieren. Wir haben alle möglichen Lösungen durchgespielt: Nachts drehen und das Dorf mit Licht ausleuchten, Panzerschutzwände vom Militär organisieren. Am Ende konnten wir mit der Festivalbetreiberin vereinbaren, dass die erste Busfahrt fünf Minuten früher und die zweite fünf Minuten später als geplant fuhr. Diese kurze Zeitspanne hat genau gereicht – die Explosion konnte stattfinden! Danach fegte das ganze Filmteam mit 20 Besen die Scherben weg, damit der Bus wieder ungehindert durchfahren konnte. Das war definitiv ein Höhepunkt für Bad Ragaz!

Wie geht es jetzt für Sie weiter?

TR: «Sew Torn» war für uns ein Türöffner Richtung USA. Wir haben ein gutes Netzwerk aus Kunden, Filmschaffenden und Investoren, das uns neue Möglichkeiten eröffnet. Mit diesem Netzwerk möchten wir dazu beitragen, die Schweizer Filmlandschaft international zu stärken und weiter auszubauen.

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