In Satigny wird der Ton noch von Hand gemacht
«Ewiges Eis» von François Kohler. © Im Auditorium von Masé Studios dienen Elemente wie Vorhänge oder mobile Komponenten der Decke dazu, die Akustik an verschiedene Szenen anzupassen. © Masé Studios

In Satigny wird der Ton noch von Hand gemacht

Adrien Kuenzy 18. September 2026

Ein Mini, Dutzende von Schuhen und ein Film, der Klang für Klang überarbeitet wird. Während die Geneva Film Commission mit einem Fonds, der insbesondere die Postproduktion fördert, an den Start geht, blicken wir bei Masé Studios hinter die Kulissen der Tongestaltung.

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«Während der Aufnahmen muss absolute Stille herrschen», warnt Denis Séchaud gleich nach unserer Ankunft bei Masé Studios in Satigny. Wenn der Film läuft und das rote Lämpchen leuchtet, hört man alles. Im Geräuschstudio arbeitet Julien Naudin an «Floating», einem Spielfilm von Quirine Racké und Helena Muskens. Die niederländisch-belgische Koproduktion begleitet zwei Personen auf ihrer Reise durch Europa, Marokko und Hollywood. Verschiedene Beläge am Boden erlauben den Wechsel von einem Schauplatz zum anderen. Naudin folgt den Figuren am Bildschirm, rekonstruiert ihre Schritte, wechselt die Schuhe. Eine Szene führt von draussen in eine Metallkonstruktion. Dazu müssen der Bodenbelag und die Akustik verändert werden. Einige Minuten später steigt jemand eine Treppe hinunter. Séchaud, Toningenieur und Gründer von Masé Studios, verfolgt die Szene aus dem Regieraum. Ein Klang passt nicht, der Geräuschemacher fängt von vorne an.

Das Studio um ihn herum gleicht einer Werkstatt: Dutzende von Schuhen, Stoffe, Helme, mehrere Türen, eine Wasserwanne. In einer Ecke steht ein Mini. Das Auditorium ist 300 Kubikmeter gross. Gegenüber dem Geräuschemacher wird das Bild auf einen mikroperforierten, sechs Meter breiten Bildschirm mit Lautsprechern dahinter projiziert. Ein Programm wie das von Rhytmo dient als Orientierungshilfe für die Zeitschiene und den Ablauf. Im Regieraum können die Aufnahmen mittels eines Computerprogramms aufgezeichnet und synchronisiert werden. Eine analoge Konsole steuert die Signale der Mikrofone. Durch Vorhänge und Deckenelemente kann die Akustik des Raums verändert werden.

Séchaud betätigt die Vorrichtung. «Man kann auch nachträglich Hall hinzufügen, doch das klingt nie so natürlich», erklärt er. «Es ist besser, von Anfang an eine entsprechende Akustik zu schaffen.» Dank Teer, Zement, Linoleum, Ziegelsteinen oder Holz am Boden kann man die Szenerie wechseln, ohne den Raum zu verlassen. Der Mini hat eine richtige Türe, ein Lenkrad und einen Innenraum. Naudin fasst zusammen: «In einem Musikstudio steht ein Klavier, in einem Geräuschstudio ein Auto.»

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Geräuschemacher Julien Naudin ©️ Masé Studios

Das Unhörbare hörbar machen

Am Bildschirm erscheinen zwei Männer. Naudin stellt die Schritte des ersten nach, dann die des zweiten. «Ich verwende für jede Person andere Schuhe.» Während der Dreharbeiten konzentriert sich die Tonaufnahme in erster Linie auf die Stimmen. «Der Toningenieur interessiert sich zuerst für den Mund», erklärt Séchaud. So sind die Dialoge perfekt verwertbar, während gewisse Klänge einer Szene fehlen oder zu schwach sind. Sie werden dann im Studio nachgestellt.

Naudin geht dazu schichtweise vor. Er beginnt mit dem, was er «Präsenzen» nennt, dann macht er mit den Füssen und den Effekten weiter. Für eine Liebesszene nimmt er zuerst das Rascheln der Bettlaken, dann die Berührungen der Hände auf. All das wird schliesslich mit Dialogen, Hintergrundgeräuschen und Musik zusammengeführt. Realismus ist dabei nicht immer die Regel. So kann Séchaud bei einer Totalen eine Geldübergabe hörbar machen, die auf diese Distanz kaum wahrnehmbar wäre. Der Geräuschemacher vergleicht die Schichtung mit einem «Klang-Tiramisu». Für «Floating», der fast 100 Minuten dauert, sind nur drei Tage Geräuschvertonung eingeplant, obwohl gemäss Séchauds Schätzung mindestens sechs nötig wären. Für mehr reichte das Budget jedoch nicht.

Von 50 Spuren auf 500

Masé Studios beherbergt zwei Auditorien und sechs Studios für Tonmontage, Aufnahme und Mischung. Im grossen Kinoauditorium sind rund um den Saal und bis zur Decke Lautsprecher angebracht; es ist mit Dolby-Atmos-Kino-Technologie ausgestattet. Ein anderer Raum mit Dolby-Atmos-Home-Technologie wird vor allem für Serien verwendet. Die Audio-Installationen in den Räumen sind miteinander kompatibel. Im grossen Auditorium sieht und hört der Regisseur seinen Film genauso, wie er im Kino gezeigt wird.

Die Mischung variiert auch je nach Sprache. «Einen deutschen Film mische ich nicht gleich wie einen französischen», erklärt Séchaud. Für ihn verändert die Sprache das Gleichgewicht zwischen Stimmen, Hintergrundgeräuschen, Musik und Effekten. Wenn er zum ersten Mal mit einem Regisseur zusammenarbeitet, fragt er ihn nach seinen Lieblingsfilmen, um das gewünschte Klanguniversum besser einschätzen zu können.

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Denis Séchaud ist der Gründer von Masé Studios und hat die Tonmischung für schon über 200 Produktionen verantwortet, darunter «Mein Leben als Zucchini» von Claude Barras, «Foudre» von Carmen Jaquier und «Bisons» von Pierre Monnard. © Masé Studios

In einem anderen Raum zeigt Séchaud alte Geräte. Er erinnert sich, dass im analogen Zeitalter zuweilen ein Gerät pro Spur verwendet wurde. Dank Mehrspurgeräten konnte man später mit rund 50 Spuren gleichzeitig arbeiten. «Darauf waren wir extrem stolz.» Heute zählen gewisse Spielfilme 400 oder 500 Spuren.

Während es früher aufwändig und kostspielig war, eine Mischung nachträglich zu verändern, sind Korrekturen heutzutage praktisch bis zur Abgabe möglich. Wenn Termine wie Cannes, Berlin, Venedig, Nyon oder Solothurn näher rücken, verändert diese Flexibilität den Arbeitsrhythmus. «Die Informatik hat weltweit dazu geführt, dass einerseits alles schneller geht und andererseits alles bis zum Schluss noch verändert werden kann», so Séchaud.

So kommt es vor, dass er einen Film mischt, während der Abspann noch nicht fertig ist. Visuelle Effekte werden oft bis zum letzten Moment weiterentwickelt. Wird eine Handlung um sechs Bilder verschoben, stimmt der Klang nicht mehr überein. Wird eine Figur in eine Szene eingefügt, muss sie auch klanglich abgebildet werden.

Türen öffnen zwischen

den Berufen

In Satigny sind Schnitt, Farbkorrektur, visuelle Effekte, Geräuschkulisse und Mischung unter einem Dach vereint. Masé Studios und Color Grade sind, genauso wie Dorier, seit mehreren Jahren dort ansässig. Seit dem Einzug von Le Truc 2024 treten sie gemeinsam als «Le Pôle» auf. Die vier Unternehmen arbeiten Tür an Tür, bleiben jedoch unabhängig.

Wenn ein Bild im Nachhinein verändert wird, kann die neue Version so schnell von einem Raum zum anderen weitergegeben werden. Der gemeinsame Server erleichtert die Übermittlung grosser Dateien. «Wenn alles hier geschieht, können wir uns abstimmen», so Séchaud.

Die Ausstattung ist branchenweit oft sehr ähnlich. «Es sind die gleichen Geräte, die gleichen Mischpulte, die gleichen Programme», erklärt Séchaud. Für ihn zeichnet sich ein Studio vielmehr durch seine Akustik, Ergonomie und Arbeitsorganisation aus. Er wollte keinen Ort, wo jeder allein hinter verschlossenen Türen arbeitet. Ihm ist es lieber, wenn ein Schnittmeister eine Sequenz zeigen, den Rat eines Kollegen einholen oder sich mit Leuten austauschen kann, die an einem anderen Teil des Films arbeiten.

Gemäss Séchaud bleibt das Material beständig, die Computerprogramme jedoch weniger: Spezialfunktionen, Versionen und Kompatibilitäten verändern sich laufend. «Die Abonnements sind die Hölle». Bei Masé ist eine Person für Aktualisierungen zuständig, um zu verhindern, dass in einem Raum ein Projekt aus dem Nachbarraum nicht korrekt geöffnet werden kann. Hinzu kommen Sicherheitskopien, «Firewalls», Datenschutz sowie eine Lüftung und eine Klimaanlage, die so leise sind, dass sie die Aufnahmen nicht stören.

Neu ergänzt Künstliche Intelligenz diese Werkzeuge. Séchaud steht ihr nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. So erscheinen ihm gewisse KI-gestützte Programme zur Stimmreinigung bereits «massiv besser» als ihre Vorgänger. Auch um kleinen Schweizer Produktionen ein Ergebnis zu ermöglichen, das ihr Budget sonst nicht zulassen würde, hält er sie für nützlich.

Im Geräuschstudio geht die Arbeit weiter. Naudin zieht Kies in Erwägung, verwirft die Idee aber wieder. Er hört zu, wiederholt ein paar Schritte, passt an. Dabei fällt ihm eine Begegnung mit dem Schauspieler Mads Mikkelsen ein, der in einem Studio in Dänemark eine Nachsynchronisation aufnahm. Der Däne sah Naudin mit verschiedenen Schuhen vorbeigehen und fragte ihn, was er da treibe. Seine Antwort war bestechend einfach: «Wenn du gehst, dann bist nicht du das, sondern ich.»

Julien Naudin, Herr der Geräusche

Der 65-jährige Julien Naudin arbeitet seit über 40 Jahren als Geräuschemacher. Denis Séchaud begegnete er bereits vor über 30 Jahren, als Naudin noch im Studio seinem Vater assistierte. Heute arbeiten die beiden Männer zusammen bei Masé Studios, wo Naudin einen Teil der Ausrüstung einbrachte.

Naudin hat viel internationale Erfahrung: 20 Jahre Zusammenarbeit mit Lars von Trier, Filme von Thomas Vinterberg und Ridley Scott. So war er für von Triers «Breaking the Waves» und «Nymphomaniac» tätig sowie für Vinterbergs «Die Kommune» und «Der Rausch». Ein Teil seines Netzwerks, insbesondere in der Deutschschweiz und in Skandinavien, kommt Masé Studios heute zugute.

Als begeisterter Geräuschemacher gibt er sein Können auch weiter. So hat er nach eigenen Angaben bereits acht Nachwuchstalente ausgebildet, und es hätten noch viele mehr sein können. Nach Auftritten bei RTS oder auf dem Kanal des Schweizer YouTubers Le Grand JD erhielt er über 200 Anfragen. «Sie haben keine Ahnung, wie schwierig es ist», so Naudin. Die Arbeit im abgedunkelten Studio muss gut vorbereitet sein. Doch er denkt nicht ans Aufhören: «Ich möchte noch 20 Jahre weiterarbeiten.»

Auf Künstliche Intelligenz angesprochen, zeigt sich Naudin skeptisch. Es kamen schon Leute ins Studio mit Maschinen, die seine Arbeit nachahmen sollten. «Sie müssen lernen, mir zuschauen, um es selbst machen zu können», so der Geräuschemacher. Er räumt ein, dass sich solche Werkzeuge eines Tages für Produktionen mit Kleinstbudgets, wie bei Dokumentar- oder Werbefilmen, durchsetzen könnten. Dass sie die «handwerkliche» Geräuschvertonung, wie er sie betreibt, ersetzen können, glaubt er jedoch nicht.

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