Freundesnetzwerk als Produktionsmodell
Kelly Reichardt (rechts) bei Visions du Réel 2026. © Visions du Réel/Manon Voland

Freundesnetzwerk als Produktionsmodell

Teresa Vena 24. Juli 2026

Bei der US-amerikanischen Filmemacherin Kelly Reichardt verschmelzen zuweilen die Laufbahn ihrer Filmfiguren mit ihrer eigenen. Während erstere aber meist die Verwirklichung eines Lebenstraums aufgeben müssen, fand Reichardt glücklicherweise immer wieder Menschen, die an ihre Vision glaubten und sie unterstützten.

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Wendy sucht Arbeit und ist auf dem Weg nach Alaska. Sie besitzt nur noch ihr Auto und ihren Hund, als erst der Wagen eine Panne hat und dann der Hund verschwindet. Gestrandet auf einem Parkplatz fällt sie in einen lähmenden Zustand, in dem jeder Schritt nach vorn oder zurück schwerfällt und doch unvermeidlich ist, trotzdem versucht die Protagonistin, ihre Würde zu bewahren. «Wendy und Lucy» erschien 2008 und ist der dritte lange Spielfilm der US-amerikanischen Regisseurin Kelly Reichardt.

Das Zurücklegen einer, realen und symbolischen, Strecke und dass dabei Kaum-vom-Fleck-Kommen spielt eine wichtige Rolle in allen Filmen. Reichardts Figuren sind nicht immer alleine unterwegs, aber am Ende immer auf sich selbst gestellt. Hilfe von anderen ist keine zu erwarten.

Reichardt selbst ist es nicht ganz so düster ergangen, aber dennoch lassen sich Parallelen zwischen der Regisseurin und ihren Filmfiguren erkennen. Heute ist sie eine renommierte Persönlichkeit des internationalen Autorenfilms. Sie hat verschiedene Auszeichnungen gewonnen, wird an wichtige Festivals eingeladen, wie zuletzt im April bei Visions du Réel, und hochbezahlte Schauspielende wie Jesse Eisenberg, Kirsten Stewart oder Dakota Fanning wollen mit ihr drehen.

Reichardt ist ein interessantes Beispiel einer US-amerikanischen Filmemacherin, der zwar der nationale und internationale Durchbruch auf künstlerischer Ebene gelang, aber deren Produktionsbudgets dadurch, dass sie ausserhalb des Hollywood-Systems agiert, immer reduziert bleiben. Die Tatsache, dass sie eine Frau ist, spielt dabei ebenfalls eine Rolle.

Die Voraussetzungen für ihren Erstlingsfilm waren, wie sie in Nyon erklärte, schwierig. «Ich musste für jede einzelne Aufnahme in meinem Film kämpfen», sagt sie. Der Kameramann war immer anderer Meinung. «Das war so erschöpfend, und ich war auch nicht darauf vorbereitet». Mit «River of Grass» feierte Reichardt gleichzeitig wie Kevin Smith mit «Clerks» ihr Debüt am Sundance-Filmfestival. Die Karrieren der beiden verliefen aber ganz unterschiedlich. «Ich merkte zum ersten Mal, dass es anders ist für Frauen in diesem Geschäft», erinnert sich Reichardt. Die Kameradschaft galt nur für Männer. «Ich wurde nicht willkommen geheissen».

Reichardt sagt im Rückblick, dass die Enttäuschung darüber tief sass. «Ich hatte einfach nicht die sozialen Fähigkeiten, um in diesem Geschäft aktiv zu sein.» Sie durchlebte in diesen Jahren eine finanziell belastende Phase, war wohnungslos und hauste bei Freunden. Eine von ihnen war die Produzentin ihres Films Susan Stover.

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Michelle Williams in «Wendy and Lucy» von Kelly Reichardt. © Filmscience

Enge Zusammenarbeit

Es dauerte zwölf Jahre, bis Reichardt an einem neuen Filmprojekt zu arbeiten begann. «Ich hatte mich schon fast damit abgefunden, dass es nicht mehr dazu kommen würde.». Doch dann fing sie ein Netzwerk aus Freunden auf, das bis heute besteht und ihre Arbeitsweise bestimmt. Seit den 1990er Jahren ist Reichardt, als sie für einen seiner Filme die Ausstattung verantwortete, mit Regisseur Todd Haynes befreundet. Die beiden lesen die Drehbücher des jeweils anderen, schauen sich Rohfassungen ihrer Filme an, Haynes produziert einzelne Filme von Reichardt mit.

Es ist auch Haynes, der sie mit dem Autor Jonathan Raymond zusammenbrachte. Seit «Old Joy» (2006) schreibt er mit ihr die Drehbücher ihrer Filme. «Johns Stärke ist, politisch zu schreiben, ohne politisch zu schreiben». Klare Ideologien oder einfache Botschaften gingen beide aus dem Weg. Die Gesellschaftskritik liegt in Reichardts Filmen in der Darstellung des Alltäglichen und der Banalität des gestischen Handelns.

Genauso wie mit Raymond arbeitet Reichardt seit Jahrzehnten mit dem gleichen Kameramann, Christopher Blauvelt, zusammen. Das Verhältnis ist auch mit den Darstellenden eng. Insbesondere mit Michelle Williams hat Reichardt oft gearbeitet. «Ich will von jemanden geführt werden, der es mir erlaubt, meiner Figur Würde und Spielraum zu geben», so Williams in einem Interview. Filme mit bescheidenen Budgets zu machen, wie es Reichardt tut, ist nur möglich, wenn eine gewisse Intimität und Komplizität zwischen den Mitwirkenden besteht. «Niemand beteiligt sich an so einem Projekt, wenn nicht aus den richtigen Gründen».

Reichardt arbeitet seit langem mit der Produktionsfirma Filmscience von Neil Kopp aus New York zusammen. Bei den Dreharbeiten muss sparsam vorgegangen werden. Viele Bestandteile der Ausstattung sind von realen Schauplätzen übernommen. Dreharbeiten müssen effizient sein, weil das Mieten komplexerer Requisiten teuer ist, etwa wie die Kutsche aus dem 19. Jahrhundert in «Meek’s Cutoff», mit der die Siedler in der Geschichte in den Westen reisen. Es braucht auch die Bereitschaft, überall selbst Hand anzulegen. Das gilt auch für die Darstellenden, die bescheidene oder gar abenteuerliche Unterbringungen in Kauf nehmen und vielfach in anspruchsvolle Vorbereitung investieren müssen, wenn sie, beispielsweise, lernen, wie man ein Gewehr lädt oder Kekse wie im 19. Jahrhundert bäckt.

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Filmstill aus «Meek's Cutoff» von Kelly Reichardt. © Filmscience

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