Frau Kimmel, gemeinsam mit Ihren Regiekolleginnen Bettina Schoeller-Bouju und Barbara Teufel haben Sie das Buch «Anleitung für eine Rebellion – 12 Regisseurinnen schreiben Geschichte» verfasst. Darin schildern Sie die Entstehung von ProQuote Regie in Deutschland und Ihren Einsatz für mehr Gleichstellung in der Filmbranche. Was waren rückblickend die entscheidenden Schlüsselmomente?
Vor gut zehn Jahren war man in der Filmbranche noch daran gewöhnt, die einzige Frau zu sein. Man dachte: Das ist normal, du kannst es eben. Der erste Schritt war also, diese wahnsinnige Ungerechtigkeit überhaupt zu erkennen.
Angestossen wurden wir durch einen Artikel von Ellen Wietstock im Filmpolitischen Informationsdienst «black box», in dem sie kommentierte, dass die deutsche Filmförderanstalt im Jahr 2012 ausschliesslich Filmprojekte männlicher Regisseure gefördert hatte. Wir hatten das Gefühl, da stimmt etwas nicht. Also fingen wir an, nächtelang zu recherchieren. Es gab keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Filme von Männern oder von Frauen gemacht wurden. Und dann zeigte sich dieses Gefühl plötzlich in konkreten Zahlen: Eine Fernsehredakteurin macht 40 Filme pro Jahr – 38 davon mit Männern, und bei zwei Filmen war eine Frau in der Co-Regie. Das sind selbst recherchierte Zahlen, die mich damals geschockt und aufgeweckt haben.
Ein weiterer bewegender Moment war unser erstes geheimes Treffen an der Berlinale. Es war überwältigend in einen Raum zu kommen und da sitzen 80 Frauen, alle Regisseurinnen – und plötzlich merkt man: Hier stimmt wirklich etwas nicht. Uns wurde klar, dass es eine grosse Kampagne braucht, um viele Regisseurinnen von unseren Anliegen zu überzeugen. Zuerst waren wir drei, dann sechs, dann 18, dann 80 – und ein Jahr später 600. Die Kunst ist es, den richtigen Moment zu finden.
Sie haben das erste grosse Treffen an der Berlinale erwähnt. Wieso musste das geheim bleiben?
Wir haben das erste gute Jahr quasi im Geheimen gearbeitet, weil wir wussten: Wenn wir einfach sagen «Da stimmt was nicht», verpufft das. Vielleicht hätte es eine kleine Meldung gegeben – mehr nicht. Unser Plan war: Wir müssen mit einem grossen Knall starten. Und genau das hat sich dann auch bestätigt.
Nachdem Sie an die Öffentlichkeit gegangen sind, stellten sich immer mehr Regisseurinnen hinter Ihre Initiative und den Verein. Auch wissenschaftlich wurden Ihre Erkenntnisse bestätigt. Wie war das für Sie?
All das ist am Küchentisch entstanden – und wir hatte wahnsinnige Angst, dass unsere Zahlen nicht stimmen. Dann gab der Bundesverband Regie 2014 einen Diversitätsbericht in Auftrag, es gab eine wissenschaftliche Auswertung. Was soll ich sagen? Das war wie beim Lotto. Du schreibst etwas auf – nach bestem Wissen und Gewissen – und die Zahlen stimmen! Wären sie falsch gewesen, hätten wir den Verein nicht so aufbauen können.
Aber ich glaube trotzdem: Man kann Strukturen nur verändern, wenn sich auch etwas in den Köpfen und Herzen bewegt. Es war wirklich irre – man hätte nie gedacht, dass gerade die Filmbranche so rückständig ist. Film gilt doch als cool und am Puls der Zeit. Aber nein: Sie war wirklich rückständig.
Auch heute sind wir noch nicht da, wo wir sein sollten. Wie sehen Sie das – und welchen Tipp würden Sie anderen geben, die sich engagieren wollen?
Das stimmt. Aber ich glaube, dass sich etwas verändert hat. Wir dürfen nicht vergessen: Diese Strukturen bestehen seit Jahrhunderten und haben sich tief – auch in den Köpfen von Frauen – festgesetzt. Da hilft nur: weitermachen, weitermachen, weitermachen. Und man muss gut vorbereitet sein. Wir haben uns die Argumente unserer Gegner aufgeschrieben und unsere Antworten dazu formuliert – das haben wir von den Kolleginnen des Schwedischen Filminstituts gelernt. Wir haben sie zum Teil sogar auswendig gelernt, weil man sich sonst so schnell verunsichern lässt. Man muss sich wappnen, aber dabei freundlich bleiben – mit guter Laune vermitteln, worum es eigentlich geht: Gerechtigkeit.
Für wen haben Sie «Anleitung für eine Rebellion» geschrieben?
Es war uns ein grosses Anliegen, gerade in dieser Zeit voller Rückschritte zu zeigen, wie man mit demokratischen Mitteln etwas verändern kann. Das ist nämlich etwas, war wir selbst erstmal lernen mussten. Wir erzählen es am Beispiel der Filmbranche – aber so, dass es eigentlich jede und jeder nachmachen kann. Es sollte keine Nabelschau werden, sondern eine Handreichung für alle, die etwas verändern wollen.
Pro Quote Regie
ProQuote Regie wurde 2014 in Deutschland von 12 Regisseurinnen gegründet. Inspiriert vom schwedischen Modell forderten sie eine bessere Verteilung der Regieaufträge. 2016 wurde im Bundestag die Novelle des Filmförderungsgesetzes verabschiedet, die eine Gleichstellungsklausel und paritätische Besetzung der Gremien festschreibt – eine verbindliche Quote von 30 Prozent wurde jedoch nicht eingeführt. 2018 wurde ProQuote Regie zu ProQuote Film erweitert und schloss weitere Gewerke ein. Pro Quote Film fordert eine 50-prozentige Gender- und Diversitätsquote bei der Vergabe öffentlicher Filmfördermittel und Aufträge sowie eine Diversitätsquote von 30 Prozent bei der Besetzung von Filmproduktionen.