Die Theaterabteilung der Hochschule der Künste hat als Ergänzung zu ihrer Schauspielausbildung zu einem Gespräch mit der deutschen Drehbuchautorin und Produzentin Raquel Kishori Dukpa eingeladen. Als Mitinhaberin der Produktionsfirma Jünglinge Film aus Berlin setzt Dukpa bei ihren Film- und Serienprojekten wichtige Akzente, wenn es um eine vielfältige Besetzung vor und hinter der Kamera geht.
«Futur Drei» (auch unter dem internationalen Titel «No Hard Feelings» bekannt) wurde 2020 an der Berlinale gezeigt. Der Film erzählt die Emanzipationsgeschichte des Protagonisten, eines jungen homosexuellen Mannes mit iranischen Wurzeln. Als er über die Auferlegung von Sozialstunden in Kontakt mit aus dem Iran nach Deutschland geflüchteten Menschen kommt, wird er zum ersten Mal gezwungen, seine eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten. Im Mittelpunkt des Dramas steht ein Figurentrio, um das sich die Handlung entfaltet und Themen wie Heimat, Integration, Migration und die Koexistenz von verschiedenen Kulturen.
«Was die Figuren sagen und erleben, stammt aus unseren eigenen Erfahrungen», erklärt Dukpa. Es sei ihr und den Mitautoren wichtig gewesen, diese Erlebnisse, wie sie nicht viel im deutschsprachigen Raum im Film gezeigt werden, nahe an der Realität wiederzugeben. Für Dukpa ist klar, dass die Figuren, die man vor der Kamera sieht, einen grossen Einfluss auf das Publikum haben. Bei «Futur Drei» war es in diesem Sinne insbesondere von Bedeutung, Rollen zu schreiben, die Menschen erbauen, die sich damit identifizieren.
Sie spricht zudem vom Scully-Effekt. In der Fernsehserie «Akte X» übernimmt Gillian Anderson die Rolle von der FBI-Agentin und forensischen Medizinerin Dana Scully. Studien würden belegen, dass mit Scully als Vorbild Frauen sich vermehrt trauen würden, wissenschaftlichen Fächern zu widmen. Dukpa ist es deswegen bewusst, dass sie grosse Verantwortung trägt, wenn sie die Besetzung ihrer Filmprojekte zusammenstellt.
Die Bürde der Repräsentation
Dukpa war auch an der Serie «Druck», eine Neuauflage eines ursprünglich norwegischen Formats «Skam», beteiligt. Die Serie, produziert vom deutschen öffentlich-rechtlichen Sender ZDF, wurde zuerst 2018 veröffentlicht und läuft mittlerweile in der achten Staffel. Sie erzählt die Geschichte von einer Gruppe von Jugendlichen, die versuchen, ihren Alltag rund um erste Lieben, sexuelles Erwachen und schlichtweg ums Erwachsenwerden zu meistern. «50 Prozent der Darsteller und Darstellerinnen sind dunkelhäutig», berichtet Dukpa. Sie war für die Besetzung zuständig. So schlug sie auch die beiden Schauspielerinnen vor, die ein lesbisches Liebespaar spielen sollten. Da die eine dunkelhäutig war und die andere asiatische Wurzeln hat, kam es bei den Produzenten zu Bedenken. Würden zwei nicht-weisse Jugendliche eine genug universelle Geschichte erzählen?
Schliesslich konnte sich Dukpa durchsetzen. Sie macht darauf aufmerksam, dass diese Reduktion auf die Ethnie das grosse Problem bei der Besetzung von Rollen sei. Sie zitiert dazu eine Abhandlung der US-amerikanischen Autorin und Soziologin Nancy Wang Yuen, die von «Der Bürde der Repräsentation» spricht. Während des Online-Gesprächs mit Dukpa wurde klar, dass einige Darsteller und Darstellerinnen, die ihre Erfahrungen in der Gruppe teilten, das genauso empfinden. Eine von ihnen war die Schweizerin und selbst Absolventin der Hochschule der Künste Bern Pema Dolkar Shitsetsang. «Dass ich in 'Peripherie' eine Schweizer Polizistin spielen konnte, war eine grosse Ausnahme», erklärt sie. Sonst sei es für die Schauspielerin mit tibetischen Wurzeln schwierig, sich über ihre ethnischen Merkmale hinweg für Rollen durchzusetzen, selbst noch nach fast zwanzig Berufsjahren.
Übrigens gehe eine vielfältige Repräsentation verschiedener Gesellschaftsgruppen und Ethnien vor der Kamera einher mit der hinter der Kamera, ergänzt Dukpa. Erste Erfolge liessen sich bereits verbuchen, etwas wenn Personen wie Mia Spengler (die mit «Back for Good» übrigens ein herausragendes Spielfilmdebüt präsentierte) vom Öffentlich-Rechtlichen die Regie beim «Tatort» (sie verantwortet die Folge «Schattenleben») übertragen wird.