Eine Begegnung mit Christina Andrea Rosamilia
Christina Andrea Rosamilia. © Alessandro Didoni, La bottega del ritratto.

Eine Begegnung mit Christina Andrea Rosamilia

Chiara Fanetti 19. September 2025

Ein Leben zwischen Schauspielkunst und Schreiben, zwei neue Filme und bald ein erster Roman – eine Tessiner Schauspielerin erzählt uns von sich.

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Die Reflexionen der Tessiner Schauspielerin Christina Andrea Rosamilia sind von Introspektion und Beobachtungsgabe geprägt. Sie teilt mit uns aufmerksame, ehrliche Gedanken über ihren Beruf, über die Filmwelt und die beruflichen Chancen, die sich während ihrer Jahre im Ausland ergaben. Sie arbeitete in Grossbritannien, Spanien und den USA nicht nur als Schauspielerin für Kino und Fernsehen, sondern studierte auch Übersetzen und Dolmetschen. «Film war für mich weniger eine Liebe auf den ersten Blick als vielmehr eine Art roter Faden, den es nicht aus den Augen zu verlieren galt. Ich musste immer auch in anderen Bereichen arbeiten und studieren, meine Laufbahn war voller ungeplanter, aber notwendiger Unterbrechungen.»

Eine Mischung aus Glück und Verrücktheit

Im Tessin von der Schauspielerei zu leben, ist schwierig, aber Rosamilia gelang es, die regionalen Grenzen zu überwinden, in Italien wurde der Film für sie zu einer Arbeit. «Dass ich ernsthaft als Schauspielerin zu arbeiten begann, verdanke ich der Regisseurin Irene Dionisio, die mir die Rolle von Sandra in ‹Le ultime cose› anvertraute. Von diesem Moment an war die Schauspielerei für mich kein Traum mehr, sondern, wie ich beschloss, eine Notwendigkeit.» Der Film, koproduziert von RSI und Amka, wurde 2016 veröffentlicht und lief in der Settimana Internazionale della Critica in Venedig. Er spielt in einem Pfandhaus, wo sich die Geschichten dreier Menschen kreuzen. Eine von ihnen ist besagte Sandra, eine junge Transfrau, die gerade in einen Neustart wagt. Für Christina war es ein wichtiges Debüt, auf das weitere Rollen für Fernseh- und Kinofilme folgten. Was denkt sie zehn Jahre nach dieser ersten Erfahrung und nach vielen weiteren Produktionen über diesen Beruf? «Zu Beginn der Dreharbeiten ist man eine Fremde unter Fremden, am Ende ist die Gruppe eine kleine Familie. Der Zeitplan kann gnadenlos sein, und wenn man eine Szene mehrmals wiederholen muss, ist man danach kaputt, vor allem bei dramatischen Rollen, wie ich sie spiele. Man muss in der Lage sein, eine bestimmte Emotion aufrechtzuerhalten, sie zu nähren, ohne sie zu verheizen. Eine gute Schauspielerin bleibt in ihrer Rolle, lässt sich nicht ablenken, kommuniziert gleichzeitig aber mit der Aussenwelt, ohne das Feuer ausgehen zu lassen.» Christina Andrea Rosamilia besuchte Kurse im Actors Studio in New York, lernte das Handwerk aber vor allem in der Praxis: «Ich bin ein bisschen Autodidaktin. Meine Geschichte ist eine Mischung aus Glück und Verrücktheit.»

Global und lokal

Auch die Rolle als Belfiore in der Serie «Bang Bang Baby» von Andrea Di Stefano, die in den 1980er-Jahren in Mailand spielt und von Amazon produziert wurde, trug dazu bei, sie bekannter zu machen. Im Gespräch wird deutlich, dass die Schauspielerin durch die Serie an internationaler Sichtbarkeit gewann. Man erhalte dank solcher Vertriebskanäle, sagt die Schauspielerin, Zugang zu Inhalten, die sonst nicht so einfach auf globaler Ebene verfügbar wären, das gelte auch für sie als Zuschauerin: «Diese Kanäle erweitern den kulturellen Horizont. Früher schauten wir praktisch nur US-amerikanische oder italienische Filme, heute gibt es Produktionen aus der ganzen Welt. Mehr Sprachen, mehr Kulturen, mehr Möglichkeiten: Die Plattformen haben Grenzen niedergerissen.» Der Nachteil ist allerdings, dass solche Plattformen die Schauspieler und Schauspielerinnen nicht an den Erlösen beteiligen, was seit langem für Diskussionen sorgt, weil die Fernsehsender im Gegensatz zu ihnen die Darstellenden für jede Ausstrahlung eine Vergütung bezahlen.

Nach mehreren Filmen im Ausland (zuletzt unter anderem «Il principe della follia» mit Andrea Roncato, gedreht in den italienischen Marken, Drehbuch und Regie von Dario D’Ambrosi, dem Gründer des Teatro Patologico in Rom) kehrte Rosamilia für den Film «Un gran casino» (2025) des österreichischen Regisseurs Daniel Hoesl in ihre Heimat zurück. Der Film spielt am Luganersee in der Enklave Campione d’Italia, wo das berühmte Spielcasino von Mario Botta steht, das grösste Europas. Als es Konkurs ging, geriet das ganze wirtschaftliche Gefüge der kleinen Gemeinde aus dem Ruder.

«Es war eine sehr schöne Erfahrung: Der Regisseur hatte einen besonderen Blick, der Film ist sehr ästhetisch, sehr geometrisch, er lief am International Film Festival in Rotterdam. Endlich einmal zu Hause zu drehen, war aufregend und hat mir viel bedeutet, auch weil ich eine andere Figur als sonst darstellte: Ich spiele darin einen Engel.»

Stereotypen überwinden

Christina Andrea Rosamilias Laufbahn – und nicht nur ihre – zeigt einen limitierenden Aspekt der italienischsprachigen Filmbranche auf: Die Vielfalt der Rollen für Schauspieler und Schauspielerinnen ist beschränkt: «Im Tessin und in Italien erhält man keine Gelegenheit, sich zu verändern. US-amerikanische Darsteller verwandeln sich: sie nehmen zu, färben sich das Haar, schminken sich… Hier sucht man nach Leuten, die dem Protagonisten oder der Protagonistin bereits ähnlich sehen. Das ist eine Einschränkung, ich finde das schade.»

Verwunderlich ist vor allem auch, dass eine Transperson auch heute noch stets dieselben Rollen angeboten bekommt: Tänzerin, Krimineller, Prostituierte. Damit wird ein Narrativ fortgesetzt, das nicht die Realität widerspiegelt. Wie steht es um die Stereotypen in einer Branche, die sich für fortschrittlich hält? Die Schauspielerin beantwortet die Frage elegant, aber bestimmt: «Es handelt sich um ein Problem der Repräsentanz und Teilhabe und auch der Art, wie diese Personen gesehen werden, vor allem von den Medien; als Opfer oder als Täter. Es gibt in der ganzen Gesellschaft noch viel zu tun. Die Casting-Verantwortlichen müssten zweifellos weitsichtiger und sensibler sein, über mehr kulturelle Kompetenz verfügen, auch wenn die Regie das letzte Wort hat. Bei einer Probeaufnahme wurde mir einmal sogar gesagt, ich sei zu feminin, um eine Transfrau zu spielen: Der Regisseur wollte etwas ‹Groteskeres›. Daran sieht man schon, wie klischeehaft gedacht wird, insofern ja, trotz des allgemeinen Bewusstseinswandels in jüngster Zeit ist die LGBTQ+-Gemeinschaft weiterhin unangemessen vertreten. Jeder Mensch ist anders, jeder und jede von uns ist eine eigene Welt, aber ich würde jedenfalls nie die Rolle einer Mutter oder einer anderen Frauenfigur bekommen.»

Die Freiheit des Schreibens

Rosamilia würde gerne einmal in einem Kriminalfilm mitspielen («ich habe einen ausgeprägten Bürger- und Gerechtigkeitssinn und mag Regeln»), in einem Fantasy- oder Horrorfilm («einen Bösewicht, um meine dunkle Seite auszuloten»), aber aktuell widmet sie sich ganz dem Schreiben.

«Ich habe schon immer geschrieben, ich begann mit elf, Tagebuch zu führen. Ich habe alle aufbewahrt und vor ein paar Jahren wiedergelesen: Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Ich bin meinen Weg gegangen, war im Tessin sehr früh dran mit meinem Coming-out, auch wenn ich das Wort nicht mag, weil es einen in eine Schublade steckt, und ich hasse Etiketten. Das Schreiben war für mich schon immer ein Ventil, eine Art Reinigung. Es ist vielleicht meine intimste Beschäftigung mit mir. Wenn ich schreibe, vergesse ich alles um mich herum und lasse die Gedanken aus meinem Kopf in die Hand und auf das Papier fliessen. Schreiben ist zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens geworden.»

Nächstes Jahr steht eine wichtige Etappe an: Rosamilia wird ihren ersten Roman veröffentlichen, eine Geschichte, in der auch das Tessin eine Rolle spielt. «Eine queere Erzählung, aber verschleiert, ein Entwicklungsroman, der sehr filmisch gestaltet ist, tatsächlich gibt es schon die Idee, ihn zu verfilmen. Das Ganze spielt in einer Mülldeponie, einem hochsymbolischen Ort, an dem jeder Gegenstand – jede Erinnerung, jeder Traum – sich verwandelt, seinen Namen ablegt, um zu etwas anderem zu werden. Der Protagonist entdeckt – in jenem Sommer, in dem man die Kindheit hinter sich lässt – die Welt jenseits der Berge, und zwar vermittelt durch die Dinge, die von den Menschen weggeworfen werden. Ich arbeite seit vielen Jahren an diesem Projekt und bin stolz darauf, es ist das Ergebnis einer langen und zutiefst persönlichen Arbeit. Das Buch wird eine Gelegenheit sein, mein inneres Universum zu zeigen.»

Bleibt daneben auch Platz für Filme? «Ich nehme nur noch Rollen an, die mich interessieren. Ich bin offen für Vorschläge, möchte mich überraschen lassen und wünsche mir, dass sich neue, inspirierende Projekte mit einem gewissen Anspruch ergeben, mit Figuren und Geschichten, die mich faszinieren. Bis dahin konzentriere ich mich auf meinen zweiten Roman.»

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