Geld – das ewige Problem der Filmbranche
Filmstill aus «Thelma» von Josh Margolin. © Zurich Avenue

Geld – das ewige Problem der Filmbranche

Adrien Kuenzy & Teresa Vena 26. September 2024

Während das Bundesamt für Kultur seine Überlegungen zur Optimierung der Schweizer Filmförderung in Zusammenarbeit mit der Branche weiterführt, wird die Suche nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten unumgänglich. Beispiele neuer Modelle und Perspektiven.

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Am letzten Locarno Film Festival weckte die Vorstellung der Ergebnisse und der ersten Empfehlungen der Studie «Die öffentliche Filmförderung im Wandel», die Goldmedia im Auftrag des Bundesamts für Kultur (BAK) durchgeführt hatte, grosse Erwartungen. Die in Zusammenarbeit mit einem Beratungsgremium aus der Filmbranche durchgeführte Analyse hatte zum Ziel, Vorschläge zur Neugestaltung der Fördermechanismen zu erarbeiten, um dem Wandel im Filmsektor besser gerecht zu werden.

Die Studie brachte beachtliche Unterschiede zutage: 2022 investierte die Schweiz mit 0,88 Millionen Euro pro Film weitaus weniger als Belgien mit 1,55 Millionen Euro. Der Marktanteil einheimischer Filme beträgt in der Schweiz nur gerade 5 Prozent, in Belgien hingegen 14 Prozent und in Dänemark 30 Prozent. Obwohl die Schweiz viele Filme produziert (97 im Jahr 2022, wovon 66 Prozent Dokumentarfilme), tun sich nationale Produktionen schwer, ein breites Publikum zu erreichen.

Juliane Müller, Geschäftsführerin von Goldmedia, wies auf mehrere Schwachpunkte des Systems hin: Ein begrenztes Publikum, das einem breiten Angebot gegenübersteht, was die verfügbaren Mittel verdünnt, sowie mangelnde Transparenz im Auswahlverfahren und in den persönlichen Beziehungen unter den Akteuren der Branche. Die Budgets für die Filmstandortförderung (FiSS) und Succès Cinéma wurden auch von den befragten Branchenleuten als unzureichend eingeschätzt. Die Studie empfiehlt folglich, die Fördergelder zu erhöhen oder andere Förderformen zu suchen, zum Beispiel beim Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO). Goldmedia wirft auch die Frage auf, ob das Fördersystem teilweise überarbeitet oder komplett umgestaltet werden muss. Diese Entscheidung liegt bei den Institutionen, in Absprache mit der Branche. Carine Bachmann, Direktorin des BAK, erklärte während der Präsentation: «Wir müssen neue Finanzierungsquellen finden. Die Investitionspflicht ist eine Sache, doch sie zeigt nicht sofort ihre Wirkung.» Die Veröffentlichung der gesamten Studie im Herbst 2024 sowie die darauffolgenden Gespräche mit der Filmbranche werden entscheidend sein für die künftige Orientierung und die Ausarbeitung der Filmförderungskonzepte 2026-2028. Das Gesamtergebnis wird an den nächsten Solothurner Filmtagen offiziell präsentiert. Inzwischen ist man in der Branche bereits auf der Suche nach Alternativen.

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« Thelma », Josh Margolin. © Zurich Avenue
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« Sew Torn », Freddy Macdonald. © Orisono
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« Mad Heidi », Johannes Hartmann & Sandro Klopfstein. © Swissploitation Films

Andere Modelle

Die Geschichte der Künste zeigt, dass sich wohlhabende Menschen, Fürsten, Päpste, Königinnen, Unternehmer, immer wieder als Mäzene betätigt haben. Auf diese Weise entstanden von der Malerei, Architektur über die Musik und die Literatur über Jahrhunderte wesentliche Werke. Sie kamen weitgehend der Öffentlichkeit zugute. Kaiser Augustus hat Vergil und Horaz gefördert, die Medicis haben die Künste der Renaissance beflügelt, Ludwig II. ermöglichte Richard Wagner die Arbeit an seinen Opern.

Als Geldgeber im Filmgeschäft kann man sich schwer auf eine kalkulierbare Rendite einstellen. Es handelt sich um eine risikoreiche Investition, denn es ist bekanntlich schwierig, den Erfolg eines Filmes präzise vorauszusehen. Dennoch müssen Produktionsunternehmen, die eine Finanzierung ihrer Filme über ein Netzwerk von Investoren bewerkstelligen, darauf bauen.

In der Schweiz sind Silver Reel und Orisono zwei dieser Firmen. Sie produzieren Filme und Serien, die sich aus verschiedenen Gründen nicht durch die öffentliche Filmförderung finanzieren lassen. Zum Teil ist es auch eine ganz bewusste Entscheidung, auf private Mittel zu setzen. Ihre Projekte weisen eine internationale Ausrichtung auf, sie sollen ein möglichst grosses Publikum erreichen und müssen dafür gewisse marktspezifische Eigenschaften erfüllen.

Ablesen kann man diese auch an den Filmen, an denen sich das Produzententrio Karl Spoerri, Viviana Vezzani und Tobias Gutzwiller von Zurich Avenue beteiligt. Am ZFF feiert dieses Jahr «Thelma» von Josh Margolin seine Europapremiere. «Switzerland» von Anton Corbijn befindet sich in der Produktion. Zurich Avenue ist übrigens auch Anlageberater für den in der britischen Steueroase Guernsey ansässigen Fonds SPG3, dem vermögende Privatpersonen angehören. Eine solche investitionswillige Persönlichkeit ist Georges Kern, der Geschäftsführer des Schweizer Luxusgüterunternehmens Breitling. Auf seine Initiative soll die Verfilmung eines Romans des US-amerikanischen Autors John Fante zurückgehen. Dafür gewinnen konnte er den französischen Regisseur Yvan Attal, der den Stoff nach Frankreich versetzte, Attal und seine Partnerin Charlotte Gainsbourg spielen in «Mon chien stupide» zudem die Hauptrollen. In einem Blick-Interview betonte Kern, dass ihm der finanzielle Erfolg des Films sicher wichtig war, aber ebenso auch, ein «qualitativ hochstehendes» Werk hervorzubringen. Weltweit verbuchte der Film seit seiner Veröffentlichung 2019 bei Kosten von 9 Millionen bisher 4 Millionen Euro Einkünfte an Kinoeintritten. Für reine Schweizer Filme ist es schwer, sich mit diesen Grössenordnungen zu messen und für Investoren attraktiv zu werden.

Der Schweizer Film «Mad Heidi» schliesslich zeigt, wie ein Film dank des Engagements einer grossen Gemeinschaft entstehen kann (siehe nachfolgendes Interview). Das 2017 lancierte Projekt, das seine Premiere 2022 am Brussels International Fantastic Film Festival feierte, wurde zunächst durch «Crowdfunding» und anschliessend durch «Crowdinvesting» finanziert, bei dem die Geldgeber am Gewinn beteiligt werden. Gemäss dem Produzenten Valentin Greutert, der das Projekt am letzten Locarno Film Festival präsentierte, könnte dieses Modell, gepaart mit einer durchdachten Strategie, sich für kleine Produktionen durchsetzen. Für «Mad Heidi» kamen so zwei Millionen Franken von 538 Investoren in 19 Ländern zusammen. Während der ersten zwei Monate vertrieb das Team den Film direkt über die eigene Website und konnte so durch das Wegfallen der Verleiher den Gewinn optimieren. Valentin Greutert unterstreicht, wie wichtig der Direktvertrieb ist, denn auf Amazon verdient der Regisseur nur 20 Rappen pro Ansicht, auf der eigenen Internetseite hingegen 9,20 Franken.

“Für «Mad Heidi» kamen über «Crowdfunding» 2 Millionen Franken zusammen. ”

Über die Grenzen hinweg

Um Investitionen in Schweizer Projekte, die nicht zwangsläufig mit marktgängigen Erfolgschancen rechnen können, attraktiver zu machen, ist auch ein Weg, investitionswilligen Personen günstige Rahmenbedingungen zu bieten. Beispielsweise so, wie es Belgien und Italien mit einem System an Steuervergünstigungen offenbar erfolgreich gelingt.

Anlässlich der Podiumsdiskussion «Independent Film Production in Europe – Private and Alternative Funding» in Locarno stellten verschiedene internationale Akteure alternative Finanzierungsmethoden vor, die oft weit von der Schweizer Praxis entfernt sind, aber dennoch als Modell dienen können. Elisa Alvares, Gründerin von Jacaranda Group in London, stellte die sogenannten «Slate Deals» vor, bei denen durch Partnerschaften mehrere Filme gleichzeitig finanziert werden. Dank des diversifizierten Portfolios werden die Risiken verteilt und die Gewinne optimiert. Jacaranda hat sich bisher an Transaktionen im Wert von über 250 Millionen Dollar beteiligt, mit grossen amerikanischen Studios sowie unabhängigen Produktionsfirmen in Nordamerika, Europa und Lateinamerika. Die von Danielle DiGiacomo gegründete Gesellschaft Critical Mass Films hingegen bietet die Finanzierung von Marketing- und Vertriebsdienstleistungen für Filme in der Endphase der Produktion an, die noch keinen Verleiher gefunden haben. Dieses Modell versucht, eine Lücke auf dem Markt zu schliessen, indem der Vertrieb von Anfang an geplant wird, anstatt an Festivals auf Käufer zu warten. Critical Mass Films interpretiert auch das Akronym «P&A» («Prints and Advertising») neu als «Partnerships and Advertising», um die Einnahmen dank Partnerschaften mit Verlagen, Musikgesellschaften und anderen Marktakteuren zu erhöhen.

Alexandra Lebret, Geschäftsführerin des European Producers Club (siehe unten), unterstrich schliesslich die wachsende Attraktivität von TV-Serien für Investoren und erwähnte das mit 400 Millionen Euro dotierte Programm MediaInvest, das private Investitionen in europäische Filme fördert, indem es eine Verlustgarantie gewährt. In diesem Modell wenden sich Produktionsfirmen an Vermittler (Banken sowie in Frankreich das «Institut pour le financement du cinéma et des industries culturelles – IFCIC»), die einen Antrag stellen müssen, um von denen vom Europäischen Investitionsfonds (EIF) verwalteten Garantien profitieren zu können. «Die Europäische Union versucht, mehr und mehr private Akteure dazu zu bringen, in Fonds zu investieren, die von der Garantie des EIF profitieren, damit Filmgesellschaften Bankkredite erhalten, die ihnen normalerweise aufgrund der Skepsis der Banken nicht gewährt würden», so Corinna Marschall, Geschäftsleiterin von Media Desk Suisse. Leider ist dieses Instrument für Länder, die nicht am Programm Kreatives Europa teilnehmen – darunter die Schweiz – nicht zugänglich.

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