Anlässlich der letzten Kommunikationen aus der Filmsektion zur aktuellen Lage des Bundesamts für Kultur haben wir Reaktionen aus der Branche gesammelt. Die folgende Zusammenstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Der Newsletter des Bundesamts für Kultur über seine finanzielle Lage in Kombination mit der bereits vorangegangenen Präsentation einiger neuer Schwerpunkte für die Zukunft der Filmförderung hat eine Reihe kontrastreicher Reaktionen innerhalb der Branche hervorgerufen, die zwischen pragmatischem Verständnis und erklärter Besorgnis über die angekündigten Kürzungen schwanken.
Für AROPA, über seine beiden Co-Vorsitzenden Flavia Zanon und Max Karli, werfen die Budgetankündigungen, obwohl sie mit dem Willen zur Transparenz präsentiert wurden, eine grundlegende Frage auf: «Hinter den erwähnten technischen Anpassungen sind es besorgniserregende Signale, die sich für das Filmschaffen häufen». Der Verband betont die zentrale Rolle der selektiven Förderung, die «nicht ohne Konsequenzen gekürzt werden kann», und ruft dazu auf, das Kino nicht nur symbolisch, sondern auch konkret zu verteidigen: «Das Kino zu verteidigen bedeutet nicht nur, es zu feiern - es bedeutet, ihm die Mittel zu geben, um in allen Phasen voll und ganz zu existieren.»
Die Präsidentin des SSFV, Chantal Bolzern, erinnert daran, dass «die Kultur für das gute Funktionieren des Systems wesentlich ist» und spricht sich gegen weitere Kürzungen aus: «Wir haben daher in unserer Stellungnahme im Rahmen des Vernehmlassungsverfahrens zum Entlastungspaket 2027 gefordert, dass insbesondere auf weitere Kürzungen im Kulturbereich verzichtet wird.»
Christian Jungen, Künstlerischer Leiter des Zürich Film Festival plädiert genauso für ein eindeutiges Bekenntnis für die Aufrechterhaltung einer intakten und funktonierenden Filmförderung: «Sparen ist immer unangenehm und tut weh. Die Schweiz hat im Filmbereich eine gut austarierte Förderung. Wichtig ist nun, dass sich alle Players solidarisch verhalten und wir uns durch die Massnahmen und dringliche Eigeninteressen nicht auseinander dividieren lassen, sonst verliert die siebte Kunst als Ganzes.»
“Die Kultur für das gute Funktionieren des Systems wesentlich ist. Auf weitere Kürzungen im Kulturbereich muss verzichtet werden.” Chantal Bolzern, SSFV
Näheres Zusammenrücken
Das BAK alleine tragen nicht die gesamte Verantwortung für den Erhalt der Filmförderung in der Schweiz. Es gelte jetzt wie nie, dass man als Entscheidungsträger zusammenrücke: «Sparmassnahmen sind nicht einfach zu kommunizieren und noch schwieriger umzusetzen. Das BAK macht das sehr transparent und sucht nach Lösungen. Die bestehenden Mittel müssen möglichst effizient eingesetzt werden, deshalb unterstützen wir auch das Ziel des BAK, die Koordination unter den Filmförderinstitutionen in der Schweiz zu stärke», wie es Sven Wälti, Leiter Film bei der SRG sagt.
Das unterstützt auch Hercli Bundi, Geschäftsführer der Zürcher Filmstiftung: «Die Filmstiftung kann nicht das BAK entlasten. Unser Förderbudget wird regulär aufgebraucht, ohne dass wir andere entlasten. Wir (und damit meine ich alle Förderer und Branchenteilnehmer) müssen mit dem BAK dafür schauen, dass die angespannte Lage nicht aus dem Ruder läuft.»
Das Filmfestival von Locarno reagiere natürlich auch empfindlich auf Budgetkürzungen, doch der Künstlerische Leiter Giona A. Nazzaro, gibt sich bisher zuversichtlich, dass es keine Auswirkungen auf die Zusammenarbeit des Festivals mit Filmproduktionen auf nationaler Ebene geben wird. Dennoch hebt er hervor, dass, obwohl Veränderungen des Sektors nötig sein werden, eine Voraussetzung für diese fruchtbare Zusammenarbeit mit Schweizer Filmschaffenden «die Wahrung der Einzigartigkeit des kulturellen Ökosystems des Schweizer Kinos, der Förderung der Zusammenarbeit zwischen den zahlreichen und unterschiedlichen Akteuren, die Wahrung der kreativen Integrität der Filmschaffenden sowie ihrer Bereitschaft und Notwendigkeit, weiterhin neue Ausdrucksformen zu erforschen», sein werde. «Wir sind offen für einen konstruktiven Dialog und setzen uns dafür ein, Initiativen zu unterstützen, die die Sichtbarkeit und Vielfalt des Schweizer Films heute und in Zukunft stärken.»
Arbeitsweise der Fachausschüsse und strukturelle Zwänge
Die Kürzung der Mittel für die Expertenkommissionen gibt Anlass zu grosser Sorge. Stéphane Morey (Cinéforom) drückt seine Empathie in Massen aus: «Es gibt keine gute Lösung - jede Entscheidung hat einen menschlichen Preis. Zehn Stunden am Tag an Teams in drei Sprachen zu arbeiten, scheint mir unhaltbar.» Er betont, dass dieser strukturelle Druck die Qualität der Bearbeitung beeinträchtigt und dass «dies nur die Notwendigkeit einer solideren Finanzierung unterstreicht, für die wir gemeinsam eintreten müssen».
In seiner Stellungnahme von Anfang Mai spricht sich auch der ARF/FDS klar gegen dieses Vorgehen in Bezug auf Online-Kommissionssitzungen aus: «Der Qualitätsabbau durch solche Massnahmen steht in den Augen des ARF/FDS in keinem Verhältnis zu den dadurch erzielten geringen finanziellen Einsparungen.»
“Wir (und damit meine ich alle Förderer und Branchenteilnehmer) müssen mit dem BAK dafür schauen, dass die angespannte Lage nicht aus dem Ruder läuft.” Hercli Bundi, Zürcher Filmstiftung
Reaktion von Nadine Adler Spiegel und Laurent Steiert, Leitung Sektion Film BAK
«Wir verstehen die Reaktionen der Branche und möchten gerne betonen, dass die Newsletter-Information erfolgt ist, um maximale Transparenz zu schaffen. Die beiden Budget-Pfeiler der Filmförderung sind klar voneinander zu trennen. Gekürzt wurde derzeit im Verwaltungskredit und nicht im Förderkredit. Die Kürzungen kamen kurzfristig aus dem Parlament und wurden vom BAK mit der nötigen und der in der knappen Zeit überhaupt möglichen Umsicht umgesetzt. Bezüglich der Änderungen in den zukünftigen Abläufen der Kommissionssitzungen sind wir in engem Austausch mit deren Mitgliedern. Erste hybride Sitzungen wurden bereits durchgeführt. Wir garantieren auch unter diesen Bedingungen für einen reibungslosen und professionellen Ablauf im Sinne der Gesuchsteller und Gesuchstellerinnen. Die Auswertung der Branchenvernehmlassung für die neuen Filmförderkonzepte ist derzeit noch im Gange. Da die Konzepte auf den zahlreichen mit den BranchenvertreterInnen durchgeführten Gesprächen basieren, scheint uns die Zeit, die für die Konsultation zur Verfügung gestellt wurde, nicht zu kurz.
Wir sind der Meinung, dass nun – mehr denn je – Zusammenarbeit gefragt ist. Sowohl zwischen BAK und der Filmbranche. Als auch innerhalb der Filmbranche selbst.»
Kostensteigerung
Elena Pedrazzoli, Präsidentin von GARP warnt vor einer Kostensteigerung: «Wir müssen sparen, also sollen keine neuen Formate und Genres aufgenommen werden ohne zusätzliche Finanzierung. Zumal bei der selektiven Förderung die Erhöhung der Honorare für Techniker und Technikerinnen, Schauspielende und Autoren und Autorinnen, die Teuerung, neue Verpflichtungen und so weiter schon zu einer de-facto-Kürzung der Budgets geführt haben. Für die innovativen Formate (VR, XR, Games, und anderes) braucht es unserer Meinung nach auch eine separate Expertise.
Diese Position vertritt auch Hercli Bundi: «Wir müssen schauen, wie wir unser Wachstum finanzieren. Dass zusätzliche Aufgaben in die Filme integriert werden (Nachhaltigkeit, Gedanken zur Auswertung, angepasste Löhne) ist ein Teil des Wachstums, mit seiner zunehmenden Komplexität und Verantwortung.» Für ihn steht fest, dass alternative Finanzierungsquellen zwingend erforderlich sind und die längst von vielen regionalen Vereinen und Verbänden, die Filmkommissionen unterstützen und aufbauen, wirtschaftliche Kraft und Wertschöpfung der Filmindustrie genutzt und optimiert werden muss: «Es muss sich also etwas ändern! Was wir sofort brauchen, ist mehr Support, ein gutes und selbstbewusstes Image. Dabei müssen wir auch die Rückflüsse in die Wirtschaft aufzeigen. Wir brauchen neue Partnerschaften und Anreize, mit denen wir neue Quellen aufbauen können. Ohne neue Quellen wird sich das Wachstum nicht entfalten», so Bundi.
Es braucht mehr Geld. Anfang März hatte sich eine Gruppe von Verbänden, GARP, GSFA, Fonction:Cinema, SFP, IG, Aussociation romande de la production audiovisuelle und ARF/FDS in einem Brief (den wir lesen konnten) an die Direktorin des BAK, Carine Bachmann gewandt und setzten sich für eine Erhöhung des Förderbudgets bei der Filmherstellung ein. Angesichts der steigenden Kosten im Allgemeinen und in Bezug auf produktionstechnisch, geforderten Massnahmen wie Prävention von missbräuchlichen Arbeitsbedingungen oder umweltfreundliche Produktionsbedingungen im Speziellen, müsse auch der Förderbetrag angehoben werden, mindestens um 20 Prozent. Ein ähnliches Schreiben erreichte im Februar auch Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider. Sowohl sie als auch Bachmann mussten die Initianten enttäuschen, am Sparzwang sei nichts zu machen (Uns liegen die schriftlichen Antworten der beiden Parteien vor). Den aktuellen Aufschwung, der den Schweizer Film international und national erlebe, wie mit der Präsenz in Cannes 2024 oder dem hohen Marktanteil von 9 Prozent, konnten nichts ausrichten.
Beim ARF/FDS sieht man die Schwerpunkte, die die Filmförderung künftig legen will skeptisch, da noch weniger Geld an den richtigen Stellen eingesetzt werden könne. Gefährdet sieht man die unabhängige, künstlerisch orientierte Autorenfilmproduktion. Die Investitionen aus der «Lex Netflix», beispielsweise, würden in erster Linie in Serienformate fliessen. Durch die geplante Öffnung der Förderung für verschiedener Formate wie Serien, Dokumentarfilmserien, und die Priorisierung von Genres (Familienfilme) und publikumsstärkeren Filmen werden aufwendigere Projekte die öffentlichen Förderbudgets noch stärker belasten. Mit der geplanten Massnahme Zweitangaben künftig einzustellen, würden erfahrenere und etabliertere Produktionsunternehmen im Vergleich zu unerfahrene noch mehr gestärkt. Zudem sei das Problem nicht gelöst, dass kommerzielle Produktionen mit öffentlichen Geldern zum Teil ansehnliche Gewinne erzielten, die anschliessend privatisiert würden (als Vergleich führt ARF/FDS heran: Zodiac, unter anderem mit «Heidi» mit 40 Mio. Umsatz in Asien).
Dazu äussert sich Hercli Bundi: «Wir können auch nicht probieren, nur die ‘richtigen’ Filme zu fördern, wenn zu wenig Geld da ist. Wir müssen weiterhin erlauben, dass ein Teil der Filme künstlerisch oder kommerziell beim Zielpublikum nicht ankommt, denn in allen Branchen wird mehr entwickelt, als das, was sich am Ende durchsetzt.»
Konsultation und bleibende Herausforderung
Dass die Herausforderungen für das Bundesamt gross sind betonen alle. Stéphane Morey lobt «seine klare Position» bezüglich der Aufmerksamkeit für Filme mit Publikumspotenzial, warnt aber gleichzeitig: «Die Vernehmlassung zur Verordnung über die Filmförderung (FiFV) und zu den Filmförderungskonzepten 26-28 war sehr kurz.»