Unterhaltung in aller Kürze
Romantische Geschichten sind bei Mikroserien besonders beliebt. © tev

Unterhaltung in aller Kürze

Yun-hua Chen 9. Januar 2026

Die Produktion von Mikroserien ist in China eine Aufwärtstendenz, die Onlineplattformen Rekordumsätze beschert und den Konsum von audiovisuellen Erzeugnissen revolutioniert.

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Episoden, die zwischen 30 Sekunden und 15 Minuten lang sind, voller Konflikte und mit zahlreichen überraschenden Wendungen: Mikroserien erfreuen sich in China grösster Beliebtheit. Die Branche zieht junge Schauspieler und Schauspielerinnen an, die frisch von Schauspielschulen kommen, und arbeitet mit extrem straffen Drehplänen, die oft in den Studios von Hengdian spontan und sogar improvisiert gestaltet werden.

Auf YouTube finden sich Zusammenstellungen von Mikroserien, die aneinandergereiht werden – was zwar ihrer definierenden Kürze widerspricht, aber einen guten Überblick über die beliebtesten Inhalte bietet. Diese kurzen Formate sind besonders populär, da sie perfekt für Pendelzeiten oder kurze, fragmentierte Zeitfenster geeignet sind, in denen Menschen schnelle Unterhaltung oder Entspannung suchen.

Stereotype neu belebt

Die Inhalte von Mikroserien greifen häufig auf Geschlechter- und Beziehungsstereotype zurück und bedienen romantische Fantasien, oft durchzogen von vertrauten Klischees: Machtkämpfe in wohlhabenden Familien, Liebe, die aus arrangierten Ehen entsteht, Konflikte mit Schwiegereltern oder Geschwistern sowie «unmögliche» Liebesgeschichten, die in asiatischen Erzählungen weit verbreitet sind.

Die Figuren sind makellos und konventionell schön: Frauen sind schlank und sorgfältig geschminkt, Männer haben durchtrainierte Körper – alle sind entweder heimlich oder offen superreich und ausgesprochen modisch gekleidet. Wiederholt zielen manche Szenen mit Kämpfen in der Dusche oder durchnässten sowie durchsichtigen Hemden auf subtile Sexualisierung. Männliche Figuren werden als viril und dominant gezeichnet, ihr Wunsch ist es, die weibliche Hauptfigur zu retten und mit ihrem Reichtum und Einfluss zu beeindrucken. Weibliche Figuren geraten immer wieder in Bedrängnis, meist durch Angriffe von Schwiegereltern, die oft gewalttätig sein können. Schurken sind in der Regel Familienmitglieder, die um Gunst oder Erbe bei autoritären Älteren buhlen. Diese Muster finden sich auch in historischen Kontexten wieder. Manche Geschichten nutzen das Motiv der «Wiedergeburt», wenn etwa eine Grossmutter, die 1955 starb, 2025 im Körper einer 18-Jährigen wiedergeboren wird, oder eine Frau, die seit 3000 Jahren lebt, aber immer noch wie 18 aussieht.

Die Schattenseite eines blühenden Marktes

2024 erreichte der Markt für Mikroserien in China laut «White Paper on the Development of China’s Microdrama Industry» einen Umsatz von 50 Milliarden Yuan (etwa 5,40 -5,56 Milliarden Schweizer Franken). Führende Plattformen wie Hong Guo verzeichnen inzwischen über 212 Millionen monatlich aktive Nutzer und Nutzerinnen und konnten im Juni 2025 ein Wachstum von 179 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erzielen, womit sie die Langform-Videoplattform Youku überholt haben. Der internationale Markt wächst ebenfalls rasant, wobei die USA eine zentrale Rolle einnehmen.

Trotz ihrer Beliebtheit stehen Mikroserien vor grossen Herausforderungen. In China ist der Wettbewerb gnadenlos, und die Entwicklung neuer, origineller Inhalte gestaltet sich schwierig, da viele Serien einander ähneln. Produktions- und Marketingkosten sind gestiegen, während Regulierungsbehörden strengere Vorgaben machen, um Inhalte an die staatliche Linie der «positiven Energie» und Werte anzupassen. Die Dynamik des «Der-Sieger-nimmt-alles» verschärft sich, und kostenlose Inhalte untergraben kostenpflichtige Dienste, was viele Plattformen zwingt, ihre Geschäftsmodelle anzupassen oder umzustrukturieren. 2025 gab es Berichte von führenden Mikroserien-Unternehmen, die Zahlungen an Fachkräfte verzögerten oder Angestellte entliessen. Zusätzlich sind die Arbeitsbedingungen in dieser Branche alarmierend. Viele Regiepersonen arbeiten täglich bis zu 20 Stunden, um eine Mikroserie innerhalb einer Woche von Anfang bis Ende fertigzustellen, und einige junge Filmschaffende sind in diesem Jahr plötzlich durch Überarbeitung an Herzinfarkten verstorben.

Mikroserien mögen von manchen als trivial abgetan werden, doch sie sind ein gesellschaftliches Phänomen, das nicht ignoriert werden kann. Sie spiegeln eine Bevölkerung wider, die Unterhaltung als Ventil für alltägliche Frustrationen sucht. In der Welt der Mikroserien sind die Protagonisten und Protagonistinnen – Wunschprojektionen des Publikums – mühelos wohlhabend, atemberaubend attraktiv, von ihren Geliebten vergöttert und sehen ihre Probleme durch bequeme, oft an einen Deus ex machina erinnernde Lösungen beseitigt. Diese Sehnsucht wird wahrscheinlich durch die allgemeinen globalen wirtschaftlichen Schwierigkeiten nur noch stärker geschürt.

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