Während in Bezug auf Finanzierungsmöglichkeiten und Archivierung Medienkunst in der Schweiz mit einigen Herausforderungen konfrontiert ist, weil sie zwischen die Sparten Bildende Kunst und Film fällt (CB 552), mangelt es hingegen in der Regel nicht an geeigneten Auswertungsplattformen.
Unter Medienkunst ist hier eine Form der Bildenden Kunst verstanden, die mit filmischen Mitteln arbeitet – oder umgekehrt. Der Begriff Videokunst hält sich hartnäckig als Synonym für sowohl experimentellen Film und Medienkunst, auch wenn mit Video ursprünglich ein spezifisches technisches Medium gemeint war. Die Videotechnik wurde prägend für eine bestimmte künstlerische Ästhetik, vor allem aber regte sie das Experimentieren mit Film an, insbesondere deswegen, weil sie erschwinglicher und der Zugang dazu entsprechend niederschwelliger war.
Kunsträume
So sprach man auch im Rahmen der beiden Ausstellungen, die bis Mitte Mai im Kunsthaus Aargau in Aarau und im Kunstmuseum Solothurn zu sehen waren, von einer Werkschau der Schweizer Videokunst, obwohl digitale wie analoge Medien vertreten waren. Ausgehend von den eigenen, beachtlichen, Beständen haben die beiden Häuser unter dem Titel «Mehr Licht. Video in der Kunst» einen historischen Überblick von den 1960er Jahren bis heute ermöglicht. Erkennbar waren die starken ästhetischen und technischen Wechselwirkungen zwischen Videokunst und Kino.
Die Vielfalt der Videokunst spiegelte sich auch in den verschiedenen Präsentationsarten wieder: Als Installation im Raum mit grosser Projektion, als Wiedergabe über Fernsehmonitore und flachen Bildschirmen oder als weiträumigere multimediale Skulptur. Es bedeutet einen beträchtlichen Aufwand, jeder Arbeit technisch gerecht zu werden und ihre ursprüngliche Ausdrucksform zu respektieren und zu rekonstruieren. Über diese Expertise verfügt Videocompany aus Zofingen, und sie war es auch, die an der Umsetzung der Ausstellungen massgeblich beteiligt war.
Die Kunstschaffenden sind sich der technischen Herausforderungen bewusst, die mit der Präsentation von Videokunst im Vergleich zum «klassischen» Film verbunden sind, weswegen die meisten immer auch eine Version ihrer Arbeit herstellen, die über einfache kinoübliche Projektionstechnik abspielbar ist. So hält es auch die aktuelle Preisträgerin des Zurich Art Prize Rosa Barba, die zurzeit im Haus Konstruktiv in Zürich gezeigt wird.
Filmfestivals
In der Schweiz gibt es verschiedene Filmfestivals, die sich auf den Experimentalfilm und die Videokunst spezialisiert haben. Eines davon ist Videoex, das 1998 von Patrick Huber in Zürich gegründet wurde. «Die Qualität der Arbeiten ist in der Schweiz mit den Jahren immer höher geworden», sagt Huber, «das hängt auch damit zusammen, dass Experimentalfilm in den Schulen ernst genommen wird und nicht mehr nur Nebenprodukt ist». Videokunst sei ohnehin spartenübergreifend, genauso wie das Publikum des Festivals, das sich sowohl für Kino, Kunst, Theater oder auch Literatur interessiere. «Die Herausforderung besteht darin, alle Bereiche zu erreichen», so Huber, der auf eine feste Kollegin, Bettina Stehli, und auf verschiedene zeitlich begrenzte Mitarbeitende zählen kann. Die Ausstrahlung von Videoex ist stetig gewachsen, was auch an den bis zu 1900 Einreichungen für den Wettbewerbsteil des Programmes sichtbar ist. Mehrere Hundert Arbeiten kommen allein aus der Schweiz.
Seit sieben Jahren arbeitet der Kurator Bruno Z’Graggen von Video Window mit dem Festival zusammen und präsentierte dieses Jahr Arbeiten von Nicole Bachmann und Johanna Kotlaris. Beide Beiträge entdeckte er im musealen Kontext als Rauminstallationen. Z’Graggen kennt und bedient die Bedürfnisse einer Verwertung in diesem Umfeld genauso gut wie die im Kinobereich. Wie es dem Prinzip von Videoex entspricht, sucht er für ein Festivalpublikum nach filmischen Werken, die zwar experimentellen Charakter haben, aber einem inhaltlichen Leitfaden folgen und einen Anfang und ein Ende haben. «Das diskursive Element hat bei der Präsentation eine grosse Bedeutung», so Z’Graggen, «ich will im Gespräch den Austausch zwischen Kunstschaffenden und Publikum herstellen».
In dieser Rolle sieht sich auch der Architekt und Kunstkurator Stefano Rabolli Pansera, der das St. Moritz Art Film Festival gründete, das dieses Jahr vom 20. bis 23. August zum fünften Mal stattfindet. Anhand eines wechselnden Überthemas stellt er mit einem jährlich neu zusammengestellten internationalen Kuratorium das Filmprogramm zusammen, das von Gesprächen eingerahmt wird. Wie für Huber und Z’Graggen ist auch für Rabolli Pansera die Verschmelzung von Bildender Kunst und Film eine ganz natürliche. Er schätzt ebenfalls die Schweizer Videokunstlandschaft als reichhaltig ein und rühmt unter anderem das Engagement vieler Stiftungen in diesem Bereich.