Locarno Factory, das Festival als stetig wachsendes Ökosystem
BaseCamp PopUp, Istituto Sant’Eugenio, Locarno. ©️ Ti-Press

Locarno Factory, das Festival als stetig wachsendes Ökosystem

Chiara Fanetti 24. Juli 2026

Neue Standorte in der Stadt und die Einführung von Angeboten zu künstlicher Intelligenz und technischen Innovationen – Locarno Factory definiert das Verhältnis zwischen Festival und Bildung immer wieder neu.

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Das Locarno Film Festival ist längst nicht mehr bloss ein Ort, an dem man Filme schaut. In den vergangenen Jahren weitete das Festival seinen Wirkungsbereich aus und ergänzte das Filmprogramm um eine Reihe von Initiativen zur Entwicklung, Forschung und zur Förderung neuer Generationen von Fachleuten. Seit 2024 trägt dieser in ständigem Wandel begriffene Bereich den Namen Locarno Factory. Die Abteilung wird von Stefano Knuchel geleitet und umfasst unterschiedliche, aber zunehmend stärker miteinander verknüpfte Programme.

«Bildung spielte beim Festival schon immer eine Rolle, aber lange handelte es sich um ein organisches, fast spontanes Wachstum», sagt Knuchel. «Strukturiertere Initiativen entstanden erst später, 2011 und 2012, und aus diesen Programmen entwickelte sich nach und nach ein regelrechtes Ökosystem.» Dieser mehrspurige Ansatz veränderte im Laufe der Jahre auch das Wesen des Festivals. Es ist nicht mehr nur ein Ort, an dem Werke vorgestellt und verglichen werden, das Filmschaffen tritt nun in Dialog mit anderen Disziplinen und Formen des Wissens. «Heute ist das Kino nicht nur Industrie oder Unterhaltung», erläutert Knuchel. «Es ist ein Ort der Forschung, des Lernens und der Innovation.»

Den jungen Generationen stehen heute mehrere Möglichkeiten offen: Das Programm Residency, das Debütfilme begleitet, das Weiterbildungsangebot Locarno Academy für junge Regisseure und Regisseurinnen, Kritiker und Kritikerinnen und Produzenten und Produzentinnen, einige Sektionen der offiziellen Auswahl – etwa Cineasti del Presente und Pardi di Domani – sowie «Industry», in deren Rahmen Projektentwicklungen begleitet, Begegnungen mit Produzenten und Produzentinnen gefördert und der Branchennachwuchs für Marktdynamiken sensibilisiert wird. Die Rolle von Locarno Factory besteht darin, all diese Initiativen miteinander zu verknüpfen und sie an neue Bedürfnisse und Ausdrucksformen anzupassen. «Wir wollen keine starre Struktur schaffen, sie muss anpassungsfähig sein», erklärt Knuchel. «Wenn neue Fragen auftauchen, wie zum Beispiel im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz, müssen wir rasch Räume schaffen, in denen wir uns damit auseinandersetzen können.»

BaseCamp: das Festival als gemeinsames Erlebnis

Einer der Pfeiler dieses Wandels ist das BaseCamp, das jungen Filmschaffenden einen neuen Zugang zum Festival bietet. Die 2019 entstandene Initiative war ein Wendepunkt in Bezug auf den Umgang mit neuen Generationen. «Wir erkannten, dass das Festival jungen Schweizern und Schweizerinnen paradoxerweise schwer zugänglich war», erzählt Knuchel. «Viele konnten sich nur wenige Tage am Festival leisten, als Publikum. Das wollten wir mit BaseCamp ändern.» Heute nimmt das Programm jedes Jahr zweihundert Teilnehmende auf, stellt ihnen eine gemeinsame Unterkunft, Zugang zu den Aktivitäten des Festivals und sorgt für einen informellen Rahmen für Weiterbildung und Austausch. «Nicht nur die Workshops sollen einen Mehrwert bieten, sondern auch die Begegnungen, Gespräche, das gemeinsame Leben.»

Für Projekte wie Locarno Factory und BaseCamp sind gerade die nationalen Filmschulen natürliche Ansprechpartnerinnen. Doch wie erreicht man auch Talente, die ausserhalb institutioneller Lehrgänge heranwachsen? Knuchel sieht einen Teil der Antwort in der internationalen Dimension: «In den vergangenen Jahren haben wir junge Filmschaffende aus der Westsahara, Botswana, Burkina Faso, Indonesien, Pakistan und vielen anderen Ländern empfangen. Diese Kunstschaffende nutzen die Sprache des Films vor allem zur Dokumentation ihrer Lebensrealitäten. Sie bringen andere Fragen mit als Leute aus dem stärker kodifizierten, traditionellen europäischen Kontext. Dieser Austausch ruft uns in Erinnerung, dass am Anfang eines Films ein Blick steht und nicht die verfügbaren Ressourcen.»

Eher eine Methode als ein festes Modell

Falls es etwas gibt, das sich durch alle Initiativen von Locarno Factory zieht, dann die Logik des Ausprobierens. Knuchel bezeichnet diesen Ansatz als «Segeln»: Man geht nicht von einem festen Modell aus, sondern überprüft, wo echter kultureller Bedarf besteht. «Wir öffnen Denkräume, beobachten, ob sie zu Austausch und neuen Ideen führen, und entscheiden erst dann, ob sie zu Strukturen werden. Das ist etwas anderes, als am Schreibtisch ein Projekt zu erarbeiten, das dann mit Inhalt gefüllt wird.»

Auf diese Weise entstehen auch Kooperationen mit Akteuren ausserhalb des Filmschaffens, von wissenschaftlicher Forschung über Bildende Künste bis hin zur akademischen Welt. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der Universität der italienischsprachigen Schweiz. Seit 2021 teilen sich die beiden Institutionen einen Lehrstuhl für Zukunftsforschung im Bereich Film und Bildende Künste. Die jährliche Konferenz findet im Rahmen des BaseCamp statt.

Neue Räumlichkeiten und neue Initiativen

Das Festival 2026 bringt geografische Veränderungen mit sich. BaseCamp und Locarno Factory ziehen an einen neuen Standort um: Das Castello Visconteo wird zum Mittelpunkt der Aktivitäten des BaseCamp, besonders abends zwischen 18 und 22 Uhr, während das Museo Carolla neu die Angebote von Locarno Factory beherbergt – Meisterklassen, Gesprächsformate, Installationen und interdisziplinäre Projekte. «Das ist ein grosser Schritt», erklärt Knuchel, «nicht nur organisatorisch, sondern auch symbolisch: Wir schaffen klar erkennbare Orte des Austauschs und der Begegnung und verankern die Arbeit des Festivals noch stärker im Stadtraum von Locarno.»

Zeugt der erneute Umzug des BaseCamp, das zunächst in der Kaserne von Losone und dann im Istituto Sant’Eugenio angesiedelt war, nicht von Ungewissheit? «Stabilität war nie unser Ziel», sagt Knuchel. «Die Strukturen müssen flexibel sein. Wenn Ruhe und Frieden herrscht, könnte das zu einer Erstarrung führen.»

Neben diesen Veränderungen gibt es auch zwei Initiativen, die neue Themen in den Fokus stellen: eine «Academy» zur Künstlichen Intelligenz, die eher als «Thinktank» denn als traditionelles Ausbildungsprogramm konzipiert ist, und «Blueprint», das sich technischen Innovationen und der Beziehung zwischen Kultur und neuen Produktionsmitteln widmet. Knuchel stellt jedoch klar: «Es geht nicht darum, Technologien zu feiern, wir wollen sie ergründen und verstehen, wie sich durch sie die kreativen Prozesse verändern und welche Rolle die Kunst- und Kulturschaffenden dabei spielen können.»

Ein eigenständiger Mikrokosmos

Das Wachstum der Locarno Factory ging nicht etwa mit einer Aufstockung der finanziellen Mittel seitens des Festivals einher. Das Modell basiert vielmehr auf Eigenfinanzierung und dem Aufbau von Partnerschaften. «Die Entwicklung jeder Initiative hängt davon ab, wie viel Geld wir dafür auftreiben können. Deswegen liegt mir so viel an einem flexiblen Modell: Wenn wir mehr Geld zur Verfügung haben, können wir die Aktivitäten ausweiten, wenn in einem anderen Jahr die Beiträge sinken, passen wir das Projekt an, behalten aber die Struktur bei. Glücklicherweise erleben wir gegenwärtig eine Phase des Wachstums.»

Dadurch bleibt man auch unabhängiger: «Wir sind in erster Linie unseren Teilnehmenden gegenüber verpflichtet», sagt Knuchel. «Sie müssen ohne äusseren Druck arbeiten können, in einer Umgebung echter Forschung, ohne sich als Werbeträger einer Marke zu fühlen.»

Locarno Factory nimmt innerhalb des Festivals eine immer zentralere Rolle ein: Sie ist ein Eintrittstor für eine neue Generation professioneller Filmschaffender. Eher als eine Abteilung ist sie ein Organismus, der sich an die Anforderungen der Gegenwart anzupassen vermag, ein Labor, das die Veränderungen des Kinos von morgen vorwegnehmen soll.

Versione originale italiana

Locarno Factory, il Festival

come ecosistema in espansione

Tra nuovi spazi urbani e l’avvio di percorsi dedicati all’intelligenza artificiale e all’innovazione tecnologica, Locarno Factory continua a ridefinire il rapporto tra Festival e formazione.

Il Locarno Film Festival non è più soltanto il luogo dove si vedono i film. Negli ultimi anni ha allargato il proprio raggio d’azione, affiancando alla programmazione una rete di iniziative dedicate allo sviluppo, alla ricerca e alla crescita di nuove generazioni di professionisti. Dal 2024 questo insieme in continuo mutamento prende il nome di Locarno Factory, il dipartimento guidato da Stefano Knuchel che riunisce programmi diversi ma sempre più interconnessi.

«Il Festival ha sempre avuto una dimensione formativa, ma per molto tempo è stata una crescita organica, quasi spontanea», osserva Knuchel. «Le iniziative più strutturate sono arrivate più tardi, tra il 2011 e il 2012, con una serie di programmi che hanno progressivamente costruito un vero ecosistema». Negli anni, questa stratificazione ha modificato anche la natura stessa del Festival, che oggi non si limita a essere uno spazio di presentazione e confronto tra opere, ma un contesto in cui il cinema entra in dialogo con altre discipline e forme di sapere. «Oggi il cinema non è solo industria o intrattenimento», continua Knuchel. «È un luogo di ricerca, di apprendimento e di innovazione».

In questo quadro, per le nuove generazioni esistono oggi diversi punti di accesso: il programma di accompagnamento all’opera prima (Residency) e il percorso di formazione per giovani registi, critici e produttori (Locarno Academy); le sezioni della selezione ufficiale, come Cineasti del Presente e Pardi di Domani; e il lavoro dell’Industry, che accompagna lo sviluppo dei progetti, favorisce l’incontro con i produttori e offre ai giovani autori una maggiore consapevolezza delle dinamiche del mercato. Il ruolo di Locarno Factory è proprio quello di mettere in relazione queste iniziative, adattandole ai nuovi bisogni e ai nuovi linguaggi. «L’idea non è costruire un modello rigido», spiega Knuchel, «ma una struttura capace di adattarsi. Se emergono nuove domande, come quelle legate all’intelligenza artificiale, dobbiamo poter creare rapidamente spazi in cui affrontarle».

BaseCamp: il festival come esperienza condivisa

Uno dei nodi centrali di questa trasformazione è BaseCamp, l’iniziativa che ha ridefinito l’accesso dei giovani cineasti al Festival. Nato nel 2019, ha rappresentato una svolta concreta nel modo in cui Locarno si relaziona con le nuove generazioni. «Ci siamo resi conto che il Festival, paradossalmente, era poco accessibile ai giovani svizzeri», racconta Knuchel. «I costi facevano sì che molti potessero viverlo solo per pochi giorni, da spettatori. Con BaseCamp abbiamo voluto cambiare questo paradigma». Oggi il programma ospita ogni anno duecento partecipanti, offrendo alloggio, accesso alle attività del Festival e un contesto di formazione ed esperienza informale, basato sulla convivenza e lo scambio quotidiano. «L’idea è che il valore non stia solo nei workshop ma negli incontri, nelle conversazioni, nella vita condivisa».

Le scuole di cinema, soprattutto nazionali, sono interlocutori naturali per progetti come Locarno Factory e BaseCamp. Ma come raggiungere anche i talenti che si formano al di fuori dei percorsi istituzionali? Per Knuchel una parte della risposta sta nella dimensione internazionale: «Negli ultimi anni abbiamo accolto giovani cineasti sahrawi, partecipanti dal Botswana, dal Burkina Faso, dall’Indonesia, dal Pakistan e da molti altri Paesi. Sono artisti che utilizzano il linguaggio audiovisivo soprattutto per testimoniare la realtà che vivono. Portano domande diverse rispetto a quelle di chi è cresciuto all’interno dei tradizionali percorsi europei, più codificati. E questo confronto ci ricorda che il cinema nasce prima di tutto da uno sguardo, non dalle risorse disponibili».

Un metodo più che un modello

Se esiste un elemento che attraversa tutte le iniziative di Locarno Factory, è la logica sperimentale. Un approccio che Knuchel descrive come un modo di «navigare a vela»: non partire da un modello chiuso, ma verificare dove esista una reale domanda culturale. «Apriamo uno spazio di riflessione, osserviamo se genera confronto e nuove idee, e solo dopo decidiamo se strutturarlo. È un metodo diverso da quello di chi costruisce un progetto a tavolino e poi cerca di riempirlo».

Questo approccio ha permesso al Festival di attivare collaborazioni anche con ambiti esterni al cinema, dalla ricerca scientifica alle arti visive, fino al mondo accademico. Un esempio è la collaborazione con l’Università della Svizzera italiana. Dal 2021 le due istituzioni condividono una cattedra dedicata al futuro del cinema e delle arti audiovisive e il BaseCamp ne ospita la conferenza annuale.

Nuovi spazi e nuove iniziative

La prossima edizione segna un passaggio concreto nella geografia dell’evento locarnese. BaseCamp e Locarno Factory avranno infatti una nuova collocazione: il Castello Visconteo diventerà il fulcro delle attività del BaseCamp, soprattutto tra le 18 e le 22, mentre il Museo Casorella ospiterà le proposte di Locarno Factory, dalle masterclass agli incontri, fino alle installazioni e ai progetti interdisciplinari. «È un salto importante», spiega Knuchel. «Non solo organizzativo, ma anche simbolico: significa radicare ancora di più il lavoro del Festival nello spazio urbano di Locarno, creando luoghi riconoscibili di scambio e confronto».

Un ennesimo trasloco per il BaseCamp, dopo la caserma di Losone e l’Istituto Sant’Eugenio, non è sinonimo d’incertezza? «Non abbiamo mai considerato la stabilità come un obiettivo», osserva Knuchel. «Queste strutture sono nate per essere flessibili. Il rischio nel dar loro pace e quiete sarebbe quello di irrigidirle».

Accanto a questa trasformazione arrivano anche nuove linee di lavoro, attraverso due iniziative: un’Academy incentrata sull’intelligenza artificiale, concepita più come un think tank che come un programma formativo tradizionale, e Blueprint, dedicata all’innovazione tecnologica e al rapporto tra cultura e nuovi strumenti di produzione. Knuchel però precisa subito: «non vogliamo celebrare la tecnologia ma interrogarla, capire cosa cambia nei processi creativi e quale ruolo possono avere artisti e professionisti della cultura».

Un microcosmo autosufficiente

La crescita di Locarno Factory, al contrario di quanto potrebbe sembrare, non è stata accompagnata da un aumento delle risorse economiche da parte del Festival, ma da un modello basato sull’autofinanziamento e sulla costruzione di partnership. «Ogni iniziativa viene sviluppata in funzione delle risorse che riusciamo a raccogliere. Per questo insisto tanto sulla flessibilità del modello: se in un determinato anno disponiamo di maggiori finanziamenti possiamo ampliare le attività; se diminuiscono, il progetto si adatta senza perdere la propria struttura. Al momento, fortunatamente, stiamo vivendo una fase di crescita».

Questa caratteristica ha rafforzato anche l’indipendenza del progetto: «il nostro primo impegno è verso chi partecipa», afferma Knuchel. «Devono poter lavorare senza pressioni esterne, in un ambiente di ricerca reale, senza sentirsi una sorta di testimonial per un brand».

Locarno Factory oggi appare come uno spazio sempre più centrale all’interno del Festival: una porta d’accesso per una nuova generazione di professionisti dell’audiovisivo. Più che un dipartimento, quello guidato da Knuchel è un organismo capace di adattarsi alle domande che emergono dal presente. È il laboratorio attraverso cui Locarno prova ad anticipare le trasformazioni del cinema di domani.

La struttura di Locarno Factory

  • Locarno Academy, dedicata alla formazione dei giovani professionisti del cinema: registi, critici, produttori e operatori dell’industria.
  • Future of Cinema, raccoglie le iniziative sui nuovi linguaggi, l’innovazione tecnologica e il futuro dell’audiovisivo.
  • BaseCamp, programma che mette in relazione cinema, arti, ricerca, sostenibilità e pratiche collaborative.
  • Locarno Kids / Locarno Edu, rivolto alla formazione del pubblico più giovane e all’educazione all’immagine.

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