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Mitteilungen


30.08.2019

Programmvorschau der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur


Genau vor 110 Jahren wurde das futuristische Manifest verfasst. Die 23. Ausgabe der Kurzfilmtage greift dieses Konzept auf und stellt neue Thesen für die Zukunft vor: Die neun Programme können zwar die Probleme dieser Erde auch nicht lösen, setzen aber Denkanstösse mit Witz, Ernst und farbigen Visionen, entworfen von Filmschaffenden und weiteren interessanten Gästen. Nur etwas haben die Thesen der Kurzfilmtage und jene von 1909 gemeinsam: den Mut zur Provokation, um Diskussionen auszulösen, wie unsere Gesellschaft künftig aussehen soll.

Grosser Fokus: The Future Is ... 
Die Verherrlichung von Krieg als «Hygiene der Welt», die Aufforderung, «die Museen, die Bibliotheken» zu zerstören oder «die Verachtung des Weibes» – diese Provokationen stehen im ersten futuristischen Manifest von 1909, geschrieben vom Italiener Filippo Tommaso Marinetti. Heute scheinen solch radikale Ansichten wieder populär zu werden. Vorgelebt von lauten, in den Medien omnipräsenten Populisten – den Staatsmännern, die unsere Zukunft gestalten. Es ist an der Zeit, sich dagegen zu wehren. In neun Programmen legen wir den Fokus auf künftig relevante Themenbereiche. Das Publikum soll dabei mitdiskutieren.

Die Schweizer Frauen haben am Frauenstreik im Juni dieses Jahres bereits ein Ausrufezeichen gesetzt. The Future Is Sisterhood ist eine Hommage an diese Demonstrationen in verschiedenen Schweizer Städten. Ein Programm von Frauen über Frauen, dessen Filme normative Vor- und Darstellungen von Frauen untergraben. In «Night Soil: Economy of Love» pocht Melanie Bonajo auf die sexuelle Befreiung der Frau von der männlichen Dominanz. Sie bekämpft das von Männern erschaffene Rollenbild der «reinen Frau», die sich durch das Ausleben ihrer sexuellen Bedürfnisse angeblich beschmutzt.

Der Diskurs rund um den Klimawandel ist seit Längerem in vollem Gange. Das Programm The Future Is Melting setzt sich aber nicht dokumentarisch und informativ damit auseinander. Anstelle von didaktischen Schuldzuweisungen zeigen wir viel mehr kreative Visionen, Geschichten und Bilder, die zum Denken anregen. The Future Is Ctrl [space] beschäftigt sich mit Überwachung, Digitalisierung und Automatisierung. Unsere Gesellschaft wird durchleuchtet, transparent gemacht und dadurch schliesslich kontrolliert. Dies kann der Menschheit weiterhelfen, zum Beispiel in der Medizin: «Da Vinci» von Yuri Ancarani inszeniert Mikrochirurgie als grosses Kino. Riesige Roboter ermöglichen hier Präzisionsarbeit auf kleinstem Raum im menschlichen Körper. Omer Fast hingegen zeigt mit seinem Film «5000 Feet Is the Best» die Kehrseite solcher Technologien. Der Operateur einer unbemannten Drohne erzählt von seinem Alltag, davon, wie er auf Menschen schiessen lässt und wie seine Erlebnisse sich auf die Psyche auswirken.

Der Schweizer Filmwissenschaftler und Science-Fiction-Experte Simon Spiegel wird über Zukunftsvorstellungen aus der Vergangenheit berichten, denn im Grossen Fokus finden auch Kurzfilme Platz, die sich mit Träumen und Visionen von damals beschäftigen. Zum Beispiel inszeniert Nuotama Bodomo in «Afronauts» das erste und wohl auch einzige Raumfahrtprogramm von Zambia aus den 1960er Jahren. Eine klassische Zukunftsvision verkörpert zudem «The EPCOT Film». Dieser zeigt Walt Disneys ursprüngliche Vision für den Vergnügungspark Disney World, dessen Herz eine «Experimental Prototype Community of Tomorrow» – kurz EPCOT – bilden soll: eine futuristische Modellstadt, in der 20 000 Menschen die Zukunft vorleben.

Person im Fokus: James N. Kienitz Wilkins
James N. Kienitz Wilkins’ Stimme zieht das Publikum in seinen Bann. Seine Filme wirken literarisch, sind aber keine Hörbücher. Denn die simplen Bilder haben ihre Wirkung: In ihrer stoischen Präsenz brennen sie sich ein, sodass man nicht einfach nur auf die Leinwand schauen, sondern förmlich auf sie starren muss. Die Geschichten von Wilkins sind ein Mix aus alltäglichen Überlegungen, Halbwahrheiten, urbanen Legenden, Fakten und technischem Wissen. Der amerikanische Künstler und Filmemacher wird während den Kurzfilmtagen anwesend sein.

Land im Fokus: Brasilien
«Ich könnte einen homosexuellen Sohn nicht lieben. Ich würde es vorziehen, dass mein Sohn bei einem Unfall ums Leben kommt, als dass er hier mit einem Typen mit Schnurrbart auftaucht.» Das ist ein Zitat des brasilianischen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro. Dieser hat unter anderem die Unterstützungsgelder für Kultur massiv gekürzt oder gar ganz gestrichen. Gleichzeitig kämpft in Brasilien die wachsende christliche Pfingstbewegung gegen Schwule und Lesben. Unter diesen Umständen haben es die LGBTQI-Community und Minderheiten wie die indigene Bevölkerung schwer, sich eine Plattform zu verschaffen. Mit den Kurzfilmen kämpfen sie für mehr Anerkennung. Die Filmschaffenden zeigen persönliche Schicksale von Menschen, die für das Ausleben ihrer Identität grosse Opfer bringen müssen.

5x5x5: To Come, to Stay, to Leave
5 Filmschaffende produzieren 5 Dokumentarfilme in 5 Wochen. Das ist 5x5x5. Wir laden im Oktober 5 Filmschaffende aus Afrika nach Winterthur ein, um zusammen mit StudentInnen der Hochschule Luzern interessante Menschen und Geschichten aus Winterthur und Umgebung zu dokumentieren. So entstehen persönliche, berührende und überraschende Blicke auf die Schweiz. 5x5x5 findet zum dritten Mal statt, das Thema dieses Jahr lautet To Come, to Stay, to Leave. Dieser bewusst sehr offen gesetzte Titel soll die Filmschaffenden nicht künstlerisch einengen, sondern sie inspirieren. Der kulturelle Austausch steht im Vordergrund. Die Werke feiern an den Kurzfilmtagen ihre Weltpremiere und sollen an internationalen Festivals weiter ausgewertet werden. Die bisherigen 5x5x5-Kurzfilme liefen an Festivals wie IDFA, Hot Docs, REGARD – Saguenay International Short Film Festival, Palm Springs ShortFest, Dokufest (Prizren) und Molodist (Kiew). 

Restaurierte Farbenpracht, Black Cinema Now! und schräge Erotik
Mit Color Moods zeigen die Kurzfilmtage drei exklusiv kuratierte Programme, die sich der Wirkung von Farben im Film widmen. Einige Filmperlen wurden eigens dafür restauriert. Die Schwerpunkte Mode, sinnliche Wahrnehmung von Farben und seltene Schweizer Filmschätze wurden zusammen mit dem Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich erarbeitet.

Auch dank grossen Hollywoodproduktionen ist der afroamerikanische Film jüngst wieder in die Mainstreamkinos zurückgekehrt. Das Programm Black Cinema Now! zollt diesem Revival Tribut und zeigt fiktionale und dokumentarische Kurzfilme von und mit AfroamerikanerInnen. 

The Best of the New York Erotic Film Festival mischt Erotik mit Witz und Absurditäten. Nach dem Programm ist die Filmkritikerin Doris «Dolly» Kuhn zu Gast. Die Mit-Betreiberin des Werkstattkinos München verwandelte in den 1970er Jahren pornografische Filme in Kunst und machte so das Genre salonfähiger.

Kinder- und Jugendprogramme 
Die Filmvermittlung an Jugendliche ist ein wichtiges Anliegen der Kurzfilmtage. Die zwei spezifisch für Jugendliche ab 12 resp. 16 Jahren zusammengestellten Programme präsentieren ein breites Spektrum des gegenwärtigen Kurzfilmschaffens, geben Einblick in eine vielfältige Filmkultur jenseits von Instagram-Stories und Cat-Content und können sowohl mit Schulklassen als auch privat besucht werden. Die Jugendjury zeichnet in beiden Programmen den besten Film mit dem Jugendfilmpreis aus.

Die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur finden jährlich im November statt und werden vom gleichnamigen Verein in der Stadt Winterthur organisiert. Das Festival dauert sechs Tage und gilt als bedeutendstes Kurzfilmfestival der Schweiz. Herzstück der Kurzfilmtage sind der Internationale und der Schweizer Wettbewerb, die das Publikum an den Puls des aktuellen, weltweiten Filmschaffens bringen. Rund um das Kurzfilmprogramm finden zudem zahlreiche Events mit Musik, Tanz und Kunst statt.