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Sensorium für falsche Töne

Kathrin Halter
27. September 2018

Gabriela Kasperski

Schauspieler(innen) wie Drehbuchautor(inn)en beschäftigen sich mit Figuren und Dialogen. Ihre Zusammenarbeit ist selten, dabei würde das alle weiterbringen und Drehbücher besser machen. Ein Gespräch mit Gabriela Kasperski und Barbara Fischer.


Gabriele Kasperski, Sie bedauern, dass sich Autor(inn)en und Schauspieler(innen) ausser in der Leseprobe kaum je begegnen. Was geht da verloren?

GK: Es gibt da ein Potential, das wenig genutzt wird. In Workshops wie demnächst in Winter­thur wollen wir aufzeigen, wie eine solche Annäherung geschehen kann. Autoren wie Schauspieler machen eine ähnliche Arbeit: Sie entwickeln Figuren, bauen dazu eine Backstory, aber die Herangehensweise, die Berufsperspektive unterscheidet sich.


Worin unterscheiden sich die Perspektiven?

GK: Autoren entwickeln eine Figur aus dem Nichts heraus, am Anfang ist ein weisses Blatt. Schauspieler machen den umgekehrten Transfer – sie lesen, beginnen also mit dem Text und versuchen so zur Essenz einer Figur vorzustossen.

BF: Ein guter Schauspieler weiss bei jedem Satz, weshalb er ihn sagt. Aus diesem Wissen kommt seine Energie. Autoren tun das nicht zwingend, oder?

GK: Sie müssen es auch wissen, gehen aber einen ganz anderen Weg. Am Ende muss eine Figur dreidimensional gebaut, mit Leben erfüllt werden – von beiden Berufen. Diese Annäherung geschieht von zwei Seiten her, und irgendwo in der Mitte trifft man sich. Je mehr gemeinsame Ideen existieren, desto eher gelangt man an diesen Punkt.


Manchmal denken Drehbuchautoren beim Schreiben an eine bestimmte Schauspielerin, einen bestimmten Schauspieler. Ein Sonderfall?

GK: Bei Fernsehserien wissen Autoren ja meist schon, wer die Figur spielt, bei «Wilder» beispielsweise weiss Béla Batthyany schon, wer die Kommissarin verkörpern wird und welche Eigenheiten sie hat, er kennt den Sound ihrer Sprache und die Eigenarten ihres Spiels. Da ist es am offensichtlichsten.

BF: Auch bei «Recycling Lily» hat Pierre Monnardvon Anfang an an Bruno Cathomas gedacht, die Rolle hat er für ihn geschrieben. Manche denken bei der Entwicklung einer Figur auch an Hollywoodschauspieler, als Muster für einen bestimmten Typ – woraus eine Art Kopfkino entsteht, das beide Seiten weiterbringen kann.

GK: Auch in Drehbuch-Eingaben stehen manchmal schon Hinweise darauf, wen man sich für eine Rolle wünscht. Die produktionellen Vorgaben und die Wunschvorstellung von Autoren passen allerdings nicht immer zusammen.



Wie können Schauspieler Autoren dabei helfen, Figuren zu entwickeln?

GK: Schauspieler stellen andere Fragen, aber mit dem gleichen Ziel. Sie kritisieren an Drehbüchern ja oft die Dialoge, die sie als schwach empfinden. Man kann sich eben ganz verschieden ausdrücken: Sitz ab, hock ab, setze dich bitte, würdest du vielleicht absitzen, dort hat es noch einen Stuhl. Gerade beim Dialekt, wo es schwierig ist, Gefühle stimmig auszudrücken, bringt es viel, wenn man sich in der Figuren­arbeit Zeit nimmt, die Dialoge durchzuspielen. Da können Schauspieler etwas einbringen, denn sie sind extrem geübt darin, weil sie ja die ganze Zeit mit diesem Instrument arbeiten. Stattdessen werden Schauspieler oft erst in der Leseprobe einbezogen – auf dem Set ist es dann aber zu spät, wenn Schauspieler merken, dass ein Dialog hölzern klingen. Da gibt es keine Zeit mehr für eine Umarbeitung.



Schauspieler haben also ein besseres Sensorium für falsche Töne?

GK: Ja, Sprache ist auch ein Ausdruck von ­Körperlichkeit, und das hilft, um zur Essenz einer Figur vorzustossen. Man kann da mit wenig Aufwand viel erreichen.

BF: Schauspieler denken oft physisch und intui­tiv. Wenn man einer Figur einen Körper gibt, hört man die falschen Töne besser. So kann man Schauspieler wunderbar nutzen, wenn sie bereit sind, sich darauf einzulassen, auch wenn natürlich nicht alle gleich gut sind. Schon wenn verschiedene Schauspieler dieselbe Rolle spielen, wird augenfällig, was sich damit verändert. Das kann die Dynamik einer ganzen Szene und letzlich das Gleichgewicht eines Buchs verändern. Es geht also um Körpersprache, um Körperdialekte. So etwas kann man mit Schauspielern überprüfen – nicht in der Theorie, sondern in der konkreten Umsetzung.



Empfehlen Sie, Dialekt-Dialoge in Dialekt oder zuerst auf Hochdeutsch zu schreiben?

GK: Ich würde unbedingt Dialekt schreiben. Das ist allerdings eine eigene Kunst, die man trainieren muss, es gibt ja keine einheitliche Schreibweise. Aber es gibt Dialektberater. Die Schauspieler wiederum lesen unterschiedlich, da muss ein grosser Transfer geschehen. Drehbüchern merke ich an, ob sie auf Hochdeutsch geschrieben und dann übersetzt wurden. Leider wird bei Eingaben die Möglichkeit, eine Dialekt­fassung und eine hochdeutsche Fassung abzugeben, nicht oft genutzt.



Sind Dialoge in Hochdeutsch oder Französisch einfacher, weil Schriftsprache und Aussprache einander näher liegen?

GK: Ja, Dialekt ist oft schwieriger, weil viele Leute zu ihrem eigenen Dialekt ein zwiespältiges Verhältnis haben. Gleichzeitig ist es die Sprache deiner Identität, eine geradezu intime Sprache. In Drehbüchern wird daraus eine Kunstform, eine verdichtete Sprache. Damit kann man umgehen – und wiederum können da Schauspieler helfen, den richtigen Ton zu treffen.


Schauspieler sucht man sich also für die Weiterentwicklung bestimmter Figuren und Dialoge – Dramaturgen, die das grosse Ganze analysieren, sind sie nicht.

GK: Sie können sehr wertvoll für die Figuren­entwicklung und die Sprache sein. Da viele Geschichten «character-driven» sind, gerade bei uns, kann die Zusammenarbeit aber auch etwas für die Story-Entwicklung bringen.

BF: In Focal-Seminaren haben Autoren Stoffe mitgebracht, dabei hat es tolle Anstösse gegeben, weil es nur schon viel bringt, eine Szene mal zu hören, statt nur auf Papier zu lesen. Oft sind den Autoren beim Durchspielen von Möglichkeiten Lichter aufgegangen.



Worin liegt der Nutzen für die Schauspieler?

BF: Workshops und Classes sind eine Trainingsbühne, Schauspieler bieten diese zudem die Möglichkeit, Autoren und Regisseure in einem anderen Rahmen, ohne den Druck eines Castings, kennenzulernen. Es geht also auch um Networking. Zudem: Schauspieler sollten ihre Muskeln trainieren – niemand ist ständig am Drehen!

GK: Schauspieler lernen, präzise Fragen zu stellen, beim Drehbuchlesen genau hinzusehen und -hören. Gerade wenn Szenen unbestimmt sind und Schauspieler zunächst nicht recht wissen, wie sie spielen sollen, stellen sie oft automatisch die richtigen Fragen.



Arbeitstreffen zwischen Schauspielern und Autoren kosten – wird das nicht sehr teuer?

BK: Meine Klasse zum Beispiel kostet soviel wie eine Yogaklasse – man kommt, probiert aus, baut auch Ängste ab.

GK: Es braucht Labor-Formen, wo man Schauspielern keine Tagesgagen bezahlt, weil beide Seiten profitieren. In England zum Beispiel wird das viel häufiger gemacht als bei uns, da werden Schauspieler nicht bezahlt, weil diese solche Labs als Chance betrachten.

Es gibt noch einen anderen Aspekt: Wenn Autoren und Schauspieler während der Drehbuchentwicklung vier Stunden zusammensitzen, kann mit wenig Aufwand sehr viel herausgeholt werden. Ungelöste Fragen eines Drehbuchs sieht man dem fertigen Film an. Sind diese Fragen aber einmal gelöst, wird es auch beim Drehen billiger.


▶ Originaltext: Deutsch


Writers' Room: ­«Schauspiel & Autoren – eine Schnittstelle mit Potential»

Ein Workshop an den Winter­thurer Kurzfilmtagen

Schauspielende und AutorInnen vereint eine hohe Sensibilität für die Figuren einer Geschichte. Dennoch wird diese Schnittstelle kaum genutzt. Der diesjährige Writers' Room thematisiert Berufsbilder und Arbeitsweisen und zeigt Möglichkeiten auf, wie sich Autoren und Schauspieler ihren Figuren annähern können. Am Vormittag erhalten die Teilnehmenden einen Einblick in die beiden Tätigkeitsfelder. Am Nachmittag werden in Begegnungen und Übungssets neue Wege zur Figuren- und Plotentwicklung erprobt.


Samstag, 10. November

Alte Kaserne, Winterthur

Anmeldung bis 29. Oktoberunter

www.kurzfilmtage.ch/writersroom


Dozentinnen / Coaching:

Gabriela Kasperkiist Autorin, Dozentin für Synchronisation, Dialekte und Storytelling/Kreatives Schreiben.


Barbara Fischerist Schauspielcoach in Zürich, London und Paris.



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