Kein Verschnaufen auf dem Schleudersitz
Filmstill aus «Charles mort ou vif» von Alain Tanner

Kein Verschnaufen auf dem Schleudersitz

Pierre Lachat 12. Juli 2015

Lückenhafter Rückblick eines gewesenen Springinsfelds.

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Die Dinge waren im Fluss, als das Ciné-Bulletin 1975 gegründet wurde, oder sie trieben alle in den Flüssen. Dabei ist es bis heute geblieben, und daran wird sich kaum etwas ändern. Der Rhein führt in die Nordsee, Rhone und Ticino ergiessen sich, direkt oder indirekt, ins Mittelmeer. Dazwischen liegt die Schweiz, an ihre ansteigenden Landsperren geklammert; und hier, auf dem halben Höhenpfad, verwickeln sich die Überlappungen, ob sprachlich oder kulturell, in einen bleibenden Konflikt, der bald behindernd, bald förderlich werden kann.

Entsprechend gross ist das Bedürfnis, die gegenläufigen Einwirkungen sowohl zu nutzen wie sie zugleich einzudämmen. Abschottung und Weltläufigkeit, Originalität und Imitation, Makellosigkeit und schiere Schmiere reichen einander die Fingerspitzen, ähnlich wie es, in der Aussenpolitik, die Neutralität und das Knüpfen mehr oder weniger ausdrücklicher Allianzen tun. An- und abwesend, orientiert sich Helvetien nach dem Überall und Nirgendwo. Die Unstetigkeit ist permanent, und erst aus dem Kuddelmuddel erwächst so etwas wie Stabilität.

 

Ausstrahlender Provinzialismus

Filme entstehen im Land der Ab- und Einflüsse keineswegs von Beginn weg aus eigenem Anstoss. Die Periode des Stummfilms verzeichnet kaum mehr als isolierte Versuche, Ähnliches gilt für die ersten Tonfilmjahre. Erst der herannahende, schliesslich ausbrechende Weltkrieg macht es unumgänglich, mit anderen als nur militärischen Mitteln Distanz zu wahren. Kurzerhand erhebt die Schweiz das regelmässige Herstellen von eigenen Kinostücken zu einer Notwendigkeit, um ihren Willen zum Selbsterhalt mit jedem verfügbaren Mittel kundzutun.

Bis dahin freilich wurde das Importieren und Verleihen ausländischer Titel irreversibel institutionalisiert; und spätestens nach 1945 spitzt sich der Kontrast zwischen ihnen und den neuerdings selbstrealisierten Kinostücken zu. Nun hat sich auch in Friedenszeiten behauptet, was nachmals dauerhaft als «alter» Schweizer Film bezeichnet wird; zu dessen Hauptmerkmalen gehört, bis in die Ära des Fernsehens hinein und noch heute, die Verwendung der Mundart. Das nur regional gebräuchliche Idiom möchte die Autonomie von Volk und Ständen, oder eines Teils davon, mit hörbarem Nachdruck betonen, und wäre es auf Kosten von Ausfuhr und Verständlichkeit.

So gesehen ist es nur folgerichtig, dass von den späteren Fünfzigern an der so genannt «neue» Schweizer Film seine frühen Ursprünge, nebst einer Tendenz zum Dokumentarischen, namentlich auch in der Verwendung des grenzüberschreitenden Französischen findet. Von Genf aus profilieren sich bald einmal Autoren wie Alain Tanner und Michel Soutter mit Filmen wie «Charles mort ou vif» oder «Les Arpenteurs». Schwieriger gerät der Übergang zu den erhöhten Ansprüchen dort, wo die deutschsprachigen Produktionen, die etliche Jahre später nachziehen, sich zögerlich zu entscheiden haben: zwischen dem Dialekt und der Sprache von Schulen, Ämtern und Zeitungen, auch der meisten Bühnen.

Dennoch, zu einer gewissen Originalität zwischen provinziellem Charakter und wachsender Ausstrahlung trägt gerade der Umstand bei, dass die nun aufgekommenen Stilarten, wiewohl auf ungleiche Weise, in den beiden meistverbreiteten Idiomen des Landes gehalten sind, so dass sie öfter über ihre Grenzen hinaus Resonanz finden. «Régionalisme», so nennen es die Franzosen, halb gönnerhaft, halb herablassend und mühen sich, den Ausdruck als Ermunterung verstehen zu lassen. Von Zürich aus setzt Fredi M. Murer in «Swissmade 2069» erste Marken, Rolf Lyssy mit «Die Schweizermacher» und Richard Dindo mit «Schweizer im spanischen Bürgerkrieg». Wie eine Handelsmarke ziert der Name des Landes gewisse Titel. Der Rest ist schon fast Gegenwart..

 

Überschrittene Toleranzgrenzen

Mit seiner Berufung zum Redaktor des eben entstehenden Branchenblattes Ciné-Bulletin zieht sich der hier noch einmal zeichnende Journalist, mit damals kaum 32 Jahren, in mehr als einer Hinsicht Ungemach zu. Dabei ist er, den massvollen Anforderungen entsprechend, immerhin mehrsprachig, zudem mit der Mundart verwachsen und den nun vordrängenden Filmautoren aus freien Stücken verpflichtet.

Entsprechend vermag er nur für ein Gastspiel, und ohne erworbenes Verdienst, auf einem Sessel zu verschnaufen, der sich rasch als Schleudersitz entpuppt. Er muss am eigenen Leib erfahren, was ihm nur theoretisch bewusst gewesen ist: nämlich was für herbe Differenzen bestehen zwischen Verleihern und Kinobetreibern einerseits und, handkehrum, zwischen Produzenten und Filmemachern; schärfer noch machen sich die Gegensätze zwischen den Verfechtern einer erprobten Art und Weise des Realisierens und einer noch ungefestigten bemerkbar. Es hilft übrigens wenig, dass etwa der rundum geachtete Kurt Früh, als einziger Regisseur und Autor seiner Generation, zwischen Kinostücken wie «Bäckerei Zürrer» und, 13 Jahre danach, «Dällebach Kari», ernsthaft versucht, auf beiden Hochzeiten zu tanzen, wenigstens hintereinander.

Keine Rede ist beim aufspriessenden Ciné-Bulletin von einer Unabhängigkeit, wie sie bei den namhaften Tageszeitungen mindestens bekräftigt und zum Teil auch wahrhaftig eingehalten wird. Im Gegenteil, da überschreitet der naiv vermessene Anspruch eines Springinsfelds jede Toleranzgrenze; er gedenkt, zugleich für das Branchenblatt tätig zu sein und, mit der freien andern Hand und nach eigenem Gutdünken, wie bis anhin seine Kritiken in einer Anzahl sonstiger Blätter zu veröffentlichen.

Es kommt zu unmissverständlichen Pressionen und, im Ansatz, zu einer versuchten Instrumentalisierung. Wenn er hier drinnen redigieren wolle, so wird dem kaum Eingearbeiteten bedeutet, dann werde erwartet, dass er weiter draussen in der Presse nichts als Förderliches über die Schweizer Filme schreibe, auch wenn es im Einzelfall seinen Neigungen und Gewohnheiten zuwiderlaufe. Hingegen bleiben ausländische Titel, ohne transparente Absichten, zum Abschuss freigegeben. Freiheiten sind erst an ihren Restriktionen ganz zu erkennen, und die Verlockung, auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, ist immer bedenklich. Wohl darf das eine nicht gelassen sein, unter dem Vorbehalt, dafür bleibe das andere ungetan.

Offenen Auges, und auch einmal der Not gehorchend, wird der Querschädel von einem Skribenten auch später noch in Sperrgebiete hinein tapsen, vielleicht auch weil zu vielen verschiedenen Disziplinen aufs Mal zugewandt: der Literatur, dem Teater und den Sprachen, auch der Musik. Doch hat er bald kapiert, dass es sich aus jeder Sackgasse, ernüchtert und geläutert, wieder hinaus tasten lässt, um tapfer voran zu schreiten. Weitermachen, verlangte Billy Wilder von sich. Neue Fehler machen.

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