«Zu Beginn wollte man nicht einmal wissen, dass es weibliche Filmschaffende gibt.»
Lucienne Lanaz. © Régis Merillat

«Zu Beginn wollte man nicht einmal wissen, dass es weibliche Filmschaffende gibt.»

Die Fragen stellte Adrien Kuenzy 22. Mai 2025

Gespräch mit der Regisseurin Lucienne Lanaz, Pionierin des Schweizer Dokumentarfilms und bekannte Vertreterin des Autorenfilms. Von ihrem Bauernhof im Jura aus spricht sie über ihren Werdegang, die Kämpfe der Frauen in der Branche und die Entwicklung einer Zeitschrift, der es ihrer Meinung nach gelungen ist, sich neu zu erfinden.

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Erinnern Sie sich an Ihren ersten Kontakt mit dem Cinébulletin?

Wenn ich mich nicht irre, kenne ich die Zeitschrift seit ihren Anfängen. Das war um 1975, richtig? Ja, genau, ich begann 1974 meinen ersten Film und 1976 den zweiten. Das Cinébulletin war ein Teil dieser kreativen Zeit.

Sind Sie der Zeitschrift über die Jahre treu geblieben?

Ja, ich lese sie heute noch. Ich finde darin immer interessante Artikel. Natürlich nicht alle, aber ich schätze die Vielfalt. Vor allem die Dreisprachigkeit finde ich sehr wichtig. In einem Land wie unserem ist das ein rares Gut.

Welche Veränderungen sind Ihnen an der Zeitschrift besonders aufgefallen?

Ich würde sagen, dass heute technische Aspekte mehr im Vordergrund stehen und es weniger philosophische, humanistische Artikel gibt. Doch ich verstehe, dass dies den Bedürfnissen der jüngeren Generation entspricht: Sie braucht Werkzeuge, um ihre Filme zu machen.

Wie hat sich die Stellung der Frauen im Cinébulletin verändert?

Zu Beginn waren Frauen inexistent – wie überall. Man wollte nicht einmal wissen, dass es weibliche Filmschaffende gibt. An den Solothurner Filmtagen waren wir drei oder vier, und wir mussten kämpfen, um überhaupt zu Wort zu kommen. Das änderte sich, als man begann, Filme von Frauen zu zeigen, in Solothurn wie in Zürich. Dort habe ich um 1977 andere Regisseurinnen wie Isa Hesse getroffen, mit der ich mich anfreundete. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis, ich fühlte mich weniger allein.

Sie haben Ihre Filme oft selbst produziert. Trug das Cinébulletin zu deren Sichtbarkeit bei?

In der Anfangszeit nicht wirklich, wenn ich ehrlich sein soll. Die Zeitschrift war recht chauvinistisch, doch das war damals der Zeitgeist. Als später neue Redaktorinnen hinzukamen, änderte es sich. Heute ist das Cinébulletin meiner Meinung nach ein wertvoller Raum, wo man sogar in einem so zersplitterten Land wie unserem zusammenfinden kann.

Sie haben 1975 die Gruppe CH-Filmfrauen gegründet. Was waren ihre Ziele?

Es ging in erster Linie um Freundschaft. Wir trafen uns bei mir, sprachen über unsere Projekte und Schwierigkeiten. Wir hatten weder die Kraft, noch die Mittel, eine Produktionsstruktur aufzubauen, doch das Netzwerk bot uns moralische Unterstützung. Es war nichts Offizielles, ich glaube nicht einmal, dass das Cinébulletin darüber berichtete. Doch für uns war es wichtig.

Wie nehmen Sie heute die Debatten über Geschlechtergleichberechtigung im Cinébulletin und in der Gesellschaft wahr?

Offen gesagt geht mir das ein bisschen zu weit. Ich verstehe, dass man heute das Thema Geschlecht im weiteren Sinn behandelt, doch für mich zählt die reale Gleichstellung aller Menschen! In Bezug auf Entlöhnung, psychische Belastung, Anerkennung. Nicht die mediale Aufmerksamkeit. Meine Befürchtung ist, dass man vor lauter Debatten über Etiketten das Wesentliche vergisst.

Wie beurteilen Sie die heutige Schweizer Filmbranche?

Mich stört die mangelnde Vielfalt in den Jurys der Auswahlkommissionen: viele in den Vierzigern, kaum Senioren und Seniorinnen. Und die Kürzung der Kulturfördergelder ist dramatisch. Kultur ist ein Eckpfeiler unserer Gesellschaft. Wenn wir sie aufgeben, verlieren wir etwas Grundlegendes.

Arbeiten Sie zurzeit an einem neuen Projekt?

Ja, ich produziere den Film «Victorin et Mlle Bichcuits» von Julie Frund-Pozner, ein wunderschönes Projekt für Kinder, das Animation und Theater auf feinfühlige und fantasievolle Weise verbindet. Wir sind mitten in der Produktion.

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