Ein halbes Jahrhundert Schweizer Filmpolitik
Filmstill aus «Teddy Bär» von Rolf Lyssy. © Rolf Lyssy.

Ein halbes Jahrhundert Schweizer Filmpolitik

Teresa Vena und Adrien Kuenzy 22. Mai 2025

Von der Branche selbst gewollt, um die Branche zu repräsentieren und zusammenzuführen, ist das Cinébulletin nun schon seit fünf Jahrzehnten auf der Achterbahn der eidgenössischen Filmförderlandschaft mitgefahren. Eine Gelegenheit zurück- und gleichzeitig nach vorne zu schauen

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Im Herbst 1975 erschien die erste Ausgabe des Cinébulletins als Projekt des Schweizerischen Filmzentrums, der Vorgängerorganisation von Swiss Films, das die Zeitschrift bis 2001 herausgab und dann einem unabhängigen Verein übergab. Das neu gegründete Organ wollte «die Protagonisten und Protagonistinnen des neuen Schweizer Films, Produzenten und Produzentinnen, Regisseure und Regisseurinnen, technische Fachkräfte, Animatoren und Animatorinnen, Filmkritiker und -kritikerinnen sowie Filmclubs und Kinos zusammenführen», schrieb 2005 der Mitgründer der Zeitschrift Martin Girod. Das Projekt unter der Leitung des damaligen Direktors des Filmzentrums David Streiff vereinte sechs Berufsverbände zur Schaffung eines gemeinsamen Kommunikationsorgans. «Jeder und jede sollte wissen, was die anderen tun», so der erste Chefredaktor Pierre Lachat.

Das Ziel war, die bestehenden Verbandspublikationen durch eine gemeinsame Plattform mit informativem und symbolischem Charakter zu ersetzen. «Was kaum jemand für möglich gehalten hätte, wurde Wirklichkeit», analysiert heute Alex Bänninger, der von 1970 bis 1984 die Sektion Film im Bundesamt für Kultur leitete. «Was die Produzenten und Produzentinnen für richtig hielten, lehnten die Autoren und Autorinnen damals ab, die ihrerseits mit den Verleihern und Kinos über Kreuz lagen.» Diese brisante Ausgangslage machte die Gründung einer gemeinsamen Zeitschrift zu einem noch bedeutsameren Erfolg.

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Cover Cinébulletin nr. 98, November 1983. © Cinébulletin

Das Cinébulletin entstand also in einem konfliktbeladenen Umfeld, geprägt vom Gegensatz zwischen dem «Neuen Schweizer Film» und der «alten Garde» der Kinos und Verleiher. Diese Spannungen zeichneten sich auch in den Schwierigkeiten beim Vertrieb von Schweizer Filmen ab.

Die Anfänge waren geprägt von begrenzten Mitteln. Die handwerklich gefertigte Zeitschrift erfüllte jedoch eine wichtige Rolle in einer sich im Aufbau befindenden Branche. «Damals wartete man jeden Monat auf die Bulletins, um sich über laufende Projekte, Produktionen und politische Entscheide zu informieren», erklärt Mischa Schiwow, der von 1998 bis 2012 verantwortlicher Herausgeber des Cinébulletins war, zuerst unter dem Filmzentrum und ab 2004 unter Swiss Films. «Es gab sehr unterschiedliche Ansätze, doch auch einen Willen etwas Gemeinsamens zu erschaffen», so der derzeitige Vereinspräsident Vincent Adatte.

“Damals wartete man jeden Monat auf die Bulletins, um sich über laufende Projekte, Produktionen und politische Entscheide zu informieren”
Mischa Schiwow

Die Redaktion und thematische Gestaltung

Neben der Rolle als zentrale Sammelstelle der bis dahin auf verschiedene Verbandsblätter verteilte Mitteilungen wurde die Zeitschrift zu einer kuratierten Diskussionsplattform. Das inhaltliche Konzept wurde im Rahmen einer Redaktionskommission besprochen, in der neben den Redaktoren, das Filmzentrum und jeweils eine Person aus den beteiligten Verbänden vertreten waren. Für die Leitung der Redaktion engagierte man bereits ab der ersten Ausgabe mit Pierre Lachat einen professionellen Journalisten, was als Wunsch nach einer gewissen Seriosität und einem langfristig gesehen qualitativen Aufbau der Publikation gewertet werden kann. 

Dass die Erwartungen der beteiligten Verbände einerseits sowie die Eingliederung in das Filmzentrum und spezifischer in dessen Inlandpromotion andererseits, auf den Inhalt der Zeitschrift Einfluss hatten, scheint unmissverständlich. Um eine redaktionelle Selbstständigkeit haben sich die Redaktoren immer bemüht. Davon zeugt auch die Existenz und Erneuerung der redaktionellen Charta. 

Die Praxis sollte aber zeigen, dass es sich mitunter um einen zermürbenden Drahtseilakt zwischen den Interessengruppen handelte. «Man spricht von redaktioneller Freiheit und gewährt sie genau so lange, wie sie sich im eigenen Gesichtsfeld bewegt und nur den je eigenen Feinden an den Kragen rückt – darüber drückt man dem Redaktor jeweils den wärmsten Dank aus», zieht Walter Ruggle, Redaktor von 1983 bis 1985, 2015 für die 40 Jahre-Jubiläumsausgabe der Zeitschrift Bilanz. 

Diesen Druck, zwar der Filmbranche zu Dienste zu sein (müssen), aber sich von ihr nicht instrumentalisieren zu lassen, haben viele im Redaktionsposten empfunden. Die finanzielle Abhängigkeit macht sich hier natürlich ebenso spürbar. Die unruhigen Zeiten in der Filmpolitik selbst, geprägt von mehr oder weniger dramatischen Wechseln in der Leitung des Bundesamts für Kultur, hatten Auswirkungen aufs Cinébulletin: «so entlud sich doch in einer Art wiederkehrendem Ritual von Zeit zu Zeit der angesammelte Missmut der zerstrittenen Branche in seltener Einhelligkeit über den CB-Redaktoren als idealen Sündenböcken», schreibt Martin Girod, Redaktor von 1988 bis 1993. 

«Ich selber verstand mich als diplomatischer Berichterstatter im Dienste der Branchenkohärenz», sagt Michael Sennhauser, Redaktor von 1993 bis 1996 und von 1999 bis 2001. Auch Françoise Deriaz, die die Zeitschrift während über zehn Jahren leitete, betont diese Spannung: «Die Verbände wollten vertreten sein, doch sobald man ein heikles Thema anschnitt, fühlten manche sich verraten oder ausgegrenzt. Wir mussten eine gewisse Neutralität bewahren und halbherzigen Konsens vermeiden.» Sie spricht auch die Herausforderungen des Vereinsvorstands an, der die Vielfalt der Partner repräsentieren sollte, jedoch oft hin- und hergerissen war zwischen politischen Zielen und journalistischen Anforderungen.

«Wenn wir ein etwas kontroverses Thema behandelten, erhielten wir sofort Anrufe. Gewisse Leute waren der Meinung, das Cinébulletin sollte ein einfaches Informationsbulletin bleiben und keine Plattform für Debatten», so Deriaz weiter. Noch heute bleibt die Findung eines Gleichgewichts zwischen den Positionen Grundabsicht der Zeitschrift. Die Rolle einer «freundlichen Tante» einzunehmen, wie es Clemens Klopfenstein sieht, wirkt dabei attraktiv.

Begleitung der Branche

Was als dreimonatiges Pilotprojekt begonnen hatte, etablierte sich in der Folge zunehmend. «[...] in den drei Jahren seines Bestehens (ist es) zum unentbehrlichen Informationsorgan des Schweizer Filmschaffens (geworden)», heisst es im Tätigkeitsbericht des Schweizer Filmzentrums von 1978 unter der Leitung von David Streiff, ein Jahr später ist von einem «grossen Kreis an in- und ausländischen Interessenten» die Rede. 1980 wird die Bedeutung einer Sondernummer des Cinébulletins erwähnt, die «vor allem dazu bestimmt (war), die eidgenössischen Parlamentarier und Behörden über aktuelle Probleme des schweizerischen Filmschaffens zu informieren». Man wertete die Aktion als erfolgreich. 

Das Cinébulletin hat seine Bedeutung als Referenzwerk für die Errungenschaften und die Dynamik der Filmbranche. Dem stimmt Ivo Kummer zu. Während seiner Zeit als Direktor der Solothurner Filmtage diente die Zeitschrift als wichtiger, und dank seiner kritischen Begleitung, seriöser Beleg, den man bei der Finanzierungssuche vorlegen konnte. Walter Ruggle betont die historische Funktion des CB: «Blättert man heute in den alten Heften, so blättert man auch in einem Archiv des Schweizer Films mit unglaublich viel Rohmaterial, das die Wanderungen durch die Zeit dokumentiert».  

“Gäbe es (diese Plattform) nicht, sie müsste geschaffen werden, weil der freie Informations- und Gedankenaustausch innerhalb einer Branche wichtig ist”
Walter Ruggle

Gleichzeitig hebt Ruggle hervor: «Gäbe es (diese Plattform) nicht, sie müsste geschaffen werden, weil der freie Informations- und Gedankenaustausch innerhalb einer Branche wichtig ist». Davon ist auch Lucie Bader, Verlagsleiterin der Zeitschrift von 2014 bis 2022, überzeugt: «Für die ältere Generation ist es ein wichtiges Medium und eine Plattform für Debatten. Man hat sich gerne dort gelesen und tut es heute noch». Martin Girod erinnert sich, dass es auch viel Überzeugungskraft brauchte, Branchenmitglieder zu konkreten Textbeiträgen zu animieren: «Ich wollte, dass Alain Tanner nicht nur ausruft, sondern klar Position bezieht». 

Deriaz ihrerseits betont die Rolle des Druckmediums als physische Verbindung zwischen den Landesteilen: «Darüber wurde viel debattiert, doch für mich bleibt die Druckausgabe ein Muss. Sie ist ein Bindeglied zwischen den Sprachregionen, ein greifbares Mittel für die Filmschaffenden, um sich über Neuigkeiten in der Filmpolitik und den Verbänden zu informieren.»

Mit der Digitalisierung der Gesellschaft hat sich der Konsum von Information verändert. Die Aufbereitung von nackten Daten migriert ins Internet und bietet auf dem Papier mehr Platz für thematische Auseinandersetzungen. «Es ist gut, wenn das CB mehr als nur eine Nabelschau ist», sagt Bader. Die Vertiefung der aktuellen, internationalen Themen im Heft helfe bestimmt auch dabei, den Nachwuchs als Leserschaft zu gewinnen, ergänzt sie. 

Niccolò Castelli, Regisseur und künstlerischer Leiter der Solothurner Filmtage, sieht die Zeitschrift als wichtiges Beobachtungsinstrument: «Im Cinébulletin entdecke ich Gesichter, Themen und Projekte, die sonst noch nirgends auftauchen. So bleibe ich auf dem Laufenden über die Entwicklungen in der Branche». Dennoch würde er sich wünschen, dass die Zeitschrift zuweilen klarer Stellung bezieht, «insbesondere zu internen Konflikten oder den grossen Veränderungen in der Branche.»

“Die Zeitschrift muss sich trauen, Fragen aufzuwerfen, auch gegenüber ihren Geldgebern.”
Roland Hurschler

In einem Umfeld, wo die Sichtbarkeit ungleich verteilt ist, betont Lucienne Lanaz (siehe Interview) die Anerkennungsfunktion des Cinébulletins: «Es bringt Lebensläufe ans Licht, die sonst in geschlossenen Netzwerken verborgen blieben.»

In dieses Kapitel gehört auch die Bemühung der letzten zehn Jahre dem Filmschaffen aus der italienischen Schweiz eine Plattform zu geben. Die beschränkten Mittel ermöglichen immerhin die Produktion von zwei Seiten pro Nummer, die von einer italienischsprachigen Korrespondentin gestaltet werden. 

Die politische Funktion des Cinébulletins zeigt sich vor allem in Zeiten der Mobilisierung. So wurde die Zeitschrift bei wichtigen Kampagnen wie «No Billag» oder «Lex Netflix» zu einem strategischen Werkzeug, wie Roland Hurschler, Geschäftsleiter von ARF/FDS betont: «In diesen Zeiten spielte das Cinébulletin eine entscheidende Rolle, indem es die Branche in den politischen Debatten unterstützte und den Austausch zwischen den Berufsgruppen förderte». Eine solche Legitimität setzt seiner Meinung nach auch die Fähigkeit zur kritischen Beurteilung voraus – einschliesslich der eigenen Förderer: «Die Zeitschrift muss sich trauen, Fragen aufzuwerfen, auch gegenüber ihren Geldgebern.»

Produktion

Die Finanzierung war und ist das zentrale Thema, wenn es um die Herausforderungen für die Zeitschrift geht. Im Tätigkeitsbericht des Filmzentrums von 1981 steht, das Cinébulletin «hat mit zunehmenden finanziellen Problemen zu kämpfen». Von Anfang an kam das Budget über einen Beitrag des Bundes, über die Mitgliederbeiträge der Verbände, die Abonnements und Inserate zusammen. 

Von einem monatlichen Erscheinungsrhythmus ist man heute bei sechs Ausgaben im Jahr angelangt. Der Aufbau einer leistungsfähigen Internetseite gleicht den reduzierten Umfang zumindest teilweise aus. «Der Inhalt hat seine Kontinuität bewahrt», sagt Brigitte Meier von Suissimage, «Auch bei nur sechs Ausgaben im Jahr besteht eine sehr dichte Information und Aktualität».

Dieser Wandel widerspiegelt die veränderten Gewohnheiten und die Notwendigkeit, sich in der Zeitschrift auf Inhalte zu konzentrieren. Adatte betont, «die Frage der Dreisprachigkeit und ihrer Finanzierung» bleibe eine grosse Herausforderung. «Zudem versuchen wir, ein Gleichgewicht zu finden zwischen verstärkter Online-Präsenz und fortdauernder Druckausgabe.»

Um diesem doppelten Anspruch gerecht zu werden, muss der Verein, der über beschränkte Mittel verfügt, flexibel bleiben, damit es auf die verschiedenen Anforderungen reagieren kann. Die Zeitschrift muss ihre redaktionelle Unabhängigkeit bewahren und zugleich die institutionellen Förderorganismen von der Legitimität ihrer Entscheidungen überzeugen. Wie der ehemalige Leiter der Zeitschrift, Thomas Tribolet, betont, war bisher eine der Stärken des Cinébulletins immer, «klein zu bleiben, um fortzubestehen», und die Verankerung in der Branche im Fokus haben

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