Klaudia Reynicke: «Der Nachwuchs in der Schweiz ist vielversprechend»
Klaudia Reynicke. © Klaudia Reynicke
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Klaudia Reynicke: «Der Nachwuchs in der Schweiz ist vielversprechend»

Adrien Kuenzy 29. Juli 2024

Kurz vor der Präsentation ihres dritten Langfilms am Locarno Film Festival spricht die schweizerisch-peruanische Filmemacherin über ihren künstlerischen Werdegang und ihr Engagement für junge Filmschaffende.

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Im Lauf des Videogesprächs mit Klaudia Reynicke breitet sich die bezaubernde Atmosphäre von Lugano, wo sie sich gerade befindet, mit poetischer Intensität aus und lässt durch den Bildschirm das Rauschen der Tessiner Bäume erahnen. Der Blick der schweizerisch-peruanischen Regisseurin wurde durch ihren vielfältigen geografischen und kulturellen Hintergrund geprägt. In Lima geboren, kam sie im Alter von zehn Jahren in die Schweiz und zog mit 18 Jahren weiter in die USA, um dort Kunst zu studieren. Ihre ersten Dokumentarfilme, wie «¿Así son los hombres?» , in dem sie nach Florida zurückkehrt, um den Kontakt zu ihrer Familie wieder aufzunehmen, widerspiegeln ihre persönliche Geschichte und enthüllen einen von Empfindsamkeit geprägten Blick auf die Welt.

Ihr dritter Langfilm «Reinas» wird am nächsten Locarno Film Festival auf der Piazza Grande präsentiert, nachdem er an der Berlinale mit dem Grossen Preis der internationalen Jury in der Sektion Generation Kplus ausgezeichnet wurde und am Sundance Film Festival lief. Obschon fiktional, basiert das Werk teilweise auf realen Erfahrungen der Künstlerin. 1992 bereiten Lucía, Aurora und ihre Mutter Elena sich in Lima darauf vor, das krisengebeutelte Peru zu verlassen. Die unerwartete Rückkehr des Vaters kurz vor ihrer Abreise bringt ihre Pläne durcheinander. «Für 'Reinas' haben wir sorgfältig Orte ausgewählt, welche die Zeit und die Atmosphäre des Limas meiner Kindheit wiedergeben», betont sie. «Mit peruanischen Schauspielenden zu arbeiten und diese Epoche nachzustellen war enorm wichtig, um die Vergangenheit, die ich teilen wollte, zu vermitteln.»

Sich selbst treu bleiben

Reynickes Werdegang war trotz zahlreicher Hürden geprägt von ihrer Suche nach einer Arbeitsmethode, die in perfektem Einklang mit ihren künstlerischen Ambitionen steht. Heute betrachtet sie ihre ersten Studienfilme und ihren ersten Spielfilm «Il Nido» (2016) – ein Thriller in der bedrückenden Atmosphäre eines Dorfes, auf dem ein altes Verbrechen lastet – mit besonnener Distanz. «Auf dem Filmset fühlte ich mich, wie wenn eine Maschine mich verschlingen wollte. Heute identifiziere ich mich nicht mehr wirklich mit diesem Projekt, obwohl es ein entscheidender Schritt in meiner Entwicklung war», bekennt sie.

Statt sich von dieser Erfahrung blockieren zu lassen, stürzte Reynicke sich rasch in das nächste Projekt mit «Love Me Tender», einem Film, der dank der Unterstützung von RTS in Rekordzeit entstand und 2019 erschien. «Ich habe das Drehbuch in nur zwei Monaten geschrieben, während ich zum zweiten Mal schwanger war und mich um meinen fünfjährigen Sohn kümmerte. Diese besondere Situation regte mich dazu an, das Thema Agoraphobie zu behandeln», erklärt sie. Der Film kam bei der Kritik gut an und wurde unter anderem am BFI London Film Festival gezeigt.

Behind the scenes of «Reinas» © Simon Pampallona
Behind the scenes of «Reinas» © Simon Pampallona
«Reinas» © Diego Romero Suárez-Llanos / Alva Film, Inicia Films, Maretazo Cine
«Reinas» © Diego Romero Suárez-Llanos / Alva Film, Inicia Films, Maretazo Cine
«Reinas» © Diego Romero Suárez-Llanos / Alva Film, Inicia Films, Maretazo Cine
«Reinas» © Diego Romero Suárez-Llanos / Alva Film, Inicia Films, Maretazo Cine
Wissen vermitteln

Ihr Werdegang, der durch das Kunststudium in den USA und eine Ausbildung in Anthropologie bereichert wurde, bildet die Grundlage für ihre Entfaltung als Regisseurin. «Der Film ist für mich zu einem einzigartigen Mittel geworden, um mich auszudrücken und die Fähigkeiten, die ich als bildende Künstlerin erworben habe, umzusetzen», so Reynicke. Als prägende Einflüsse nennt sie Agnès Varda, Ruben Östlund, Alfonso Cuarón, Jacques Audiard und Lucrecia Martel sowie die Fotografen Sophie Calle und William Eggleston, die ihre kreative Welt formten. «Diese Inspirationsquellen waren ausschlaggebend für die Bildung meines eigenen Regiestils, der persönliche Selbstbetrachtung und kulturelle Erkundung vereint», so die Regisseurin.

Zurzeit arbeitet Reynicke an mehreren fiktionalen Projekten und freut sich darauf, zu Beginn des nächsten Schuljahres ein neues Kapitel als Dozentin an der ECAL aufzuschlagen, wo sie selbst im Rahmen des Master ECAL/HEAD eine Regieausbildung absolvierte. In Zusammenarbeit mit der Ticino Film Commission plant sie für ihre Studierenden ein Seminar im Tessin, um inspirierende Orte zu entdecken und die Kreativität anzuregen. «Der filmische Nachwuchs in der Schweiz ist dynamisch und vielversprechend. Es ist auch wichtig, die praktischen Aspekte des Berufs wie Finanzierung und Vertrieb zu beherrschen, sowie einen offenen und grosszügigen künstlerischen Ansatz zu bewahren und vor allem Imperfektion in einem Film zuzulassen», so ihre weisen Schlussworte.

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