Trotz beständiger institutioneller Förderung für Erstlings- und Zweitfilme müssen junge Filmschaffende in der Schweiz zu Beginn ihrer Karriere zahlreiche Hürden überwinden.
In der Schweiz ist die strukturelle Förderung für junge Filmschaffende vergleichbar mit derjenigen für erfahrene Filmemacher und -macherinnen. Gemäss der Sektion Film des Bundesamts für Kultur (BAK) sind 35 bis 40 Prozent der seit 2012 jährlich mithilfe von öffentlichen Fördergeldern (BAK, Regionen und SRG) produzierten Langfilme Werke von jungen Filmschaffenden. 2022 finanzierte das BAK 11 von 30 Langfilmen (37 Prozent) und 21 von 52 Dokumentarfilmen (40 Prozent) von Nachwuchstalenten. «Die Nachwuchsförderung ist wichtig. In den vergangenen zehn Jahren hat das BAK zahlreiche Projekte junger Talente unterstützt. Diese positive Bilanz müssen wir in den kommenden Jahren beibehalten», betont Nadine Adler Spiegel, Ko-Leiterin der Sektion Film. Die Förderkonzepte 2021-2024 des BAK sehen vor, dass bei den Förderungen für Drehbuch und Projektentwicklung Nachwuchsautoren und -autorinnen sowie (ausdrücklich) Drehbuchautorinnen prioritär behandelt werden. Auch bei der Herstellung und Postproduktion werden Projekte von Regisseurinnen und Nachwuchstalenten bevorzugt, insbesondere wenn sie umweltfreundliche Kriterien berücksichtigen. Erkenntnisse zur Wirksamkeit dieser Massnahmen sollten demnächst vorliegen.
Auch auf Westschweizer Ebene ist die Unterstützung für den Nachwuchs in der Filmbranche in der Regel ähnlich, wie bei Cinéforom. Die Statistiken der Institution belegen, dass durchschnittlich 50 bis 60 Prozent der von ihr geförderten Langfilme Erstlings- oder Zweitfilme sind. Zählt man die Kurzfilme hinzu, so steigt der durchschnittliche Anteil in den letzten elf Jahren auf 64 Prozent. Stéphane Morey, Geschäftsführer von Cinéforom, zieht daraus seine Schlüsse: «Die Zahlen zeigen, dass die grösste Herausforderung für den Nachwuchs nicht unbedingt in der Finanzierung des ersten oder zweiten Langfilms liegt. Gemäss unseren Analysen und Gesprächen stehen vielmehr der Eintritt und Verbleib auf dem Markt, der Mangel an technischen Nachwuchsfachkräften sowie der Einstieg und langfristige Erfolg junger Produzenten und Produzentinnen im Vordergrund.»
Die SRG unterstützt im Rahmen des Pacte de l’audiovisuel ebenfalls den Nachwuchs, auch wenn sie keine spezifischen Statistiken dazu führt. «Wir fördern jedes Jahr Abschlussfilme von Filmschulen, entweder direkt mit den Schulen oder via Produktionsfirmen», erklärt Sven Wälti, Leiter des Bereichs Film bei der SRG. «Projekte wie 'Futura!' sind sehr wichtig für uns, denn sie zielen speziell auf die Nachwuchsförderung ab.» Für ihre Serien greift die SRG bei der Ko-Regie regelmässig auf Nachwuchstalente zurück, wie bei Timo von Gunten für die zweite Staffel von «Die Beschatter» und Cosima Frei für die dritte Staffel von «Neumatt».
Es gibt also Unterstützung für Filmschaffende, und sie ist ziemlich gerecht aufgeteilt zwischen erfahrenen Branchenleuten und solchen, die ihr Erstlingswerk realisieren. Doch eine Laufbahn in der Filmbranche zu beginnen, ist nicht nur eine Frage des Geldes oder der Statistiken. Derzeit verfügen weder das BAK noch Cinéforom über Zahlen zu vorzeitigen Berufsabbrüchen im Filmsektor. Hier braucht es eine qualitative Erhebung, um den tatsächlichen Werdegang der Filmschaffenden zu untersuchen. Das Westschweizer Kulturobservatorium führt eine Studie über künstlerische Laufbahnen durch, doch die Filmbranche wird darin nicht gesondert betrachtet. Auf jeden Fall muss zwischen strukturellen Hindernissen, die auf den ersten Blick nicht sehr gross scheinen, und persönlichen Erfahrungen unterschieden werden.
Institutionelle Unterstützung ist gewiss wertvoll, doch sie garantiert den künftigen Filmschaffenden keinen einfachen Eintritt in die Arbeitswelt. In einem Umfeld, in dem die Konkurrenz hart und die finanziellen Mittel knapp sind, liegt die wahre Herausforderung auch darin, den Einstieg in den Beruf zu finden. Gemäss den Aussagen der jungen Filmschaffenden besteht eine der grössten Schwierigkeiten darin, Geldgeber von einem Projekt zu überzeugen, das sich noch in der Planungsphase befindet.
Lisa Gerig, Regisseurin des Dokumentarfilms «Die Anhörung», erinnert sich an die Hürden, die sie überwinden musste: «Die Filme mussten schriftlich vorgestellt werden, mit einer klaren Leitlinie, obwohl wir nicht wirklich wussten, was beim Dreh herauskommen würde.» Für ihren ersten Langfilm musste sie lernen, der ursprünglichen Version treu zu bleiben, trotz zahlreicher Anregungen für formelle oder inhaltliche Änderungen. Indem sie sich Referenzen suchte, wie die Filme von Raymond Depardon, konnte sie ihre künstlerischen Entscheidungen durchsetzen und ihre kreative Perspektive gegenüber der Kritik verteidigen. «Für die Gesuche musste ich lernen, Dinge zu schreiben, die ich im Film noch nicht sah, um die Kommissionen zu beruhigen und ihnen zu zeigen, dass eine emotionale Bindung zu den Protagonisten und Protagonistinnen besteht.»
«Vieles ist schwer vorhersehbar, wenn man mit jungen Filmschaffenden zusammenarbeitet», betont auch Flavia Zanon, Produzentin des mehrfach ausgezeichneten «Foudre» von Carmen Jaquier. «Heutzutage wird verlangt, dass mit dem Förderantrag bereits ein Vertriebs- und Verwertungskonzept vorgestellt wird. Zudem ist es aufgrund der internationalen Ausweitung der Verwertungskette selten und schwierig, für einen Erstlingsfilm eine Absichtserklärung eines grossen Vertriebs zu erhalten, da der Markt gesättigt ist und es keine Garantien gibt.»
Eine weitere Herausforderung ist der richtige Zeitplan. Nadège de Benoit-Luthy, die junge Regisseurin von «Pauline grandeur nature», bereut es, Zeit verloren zu haben, da sie dachte, sie müsse vor der Kontaktaufnahme mit Produktionsfirmen bereits ein fixfertiges Projekt haben: «Ich begann vor neun oder zehn Jahren allein, das Drehbuch zu meinem ersten Langfilm zu schreiben, im Glauben, ein perfekt ausgearbeitetes Projekt sei nötig, um die Produzenten und Produzentinnen zu überzeugen. Danach brauchte ich sechs Monate, um einen Produzenten zu finden, weitere sechs Monate, um die richtige Person zur Fertigstellung des Drehbuchs zu finden, und drei Jahre Arbeit. Das zog die eh schon lange Entwicklungszeit zusätzlich in die Länge.»
Auch der Übergang zu den Dreharbeiten ist komplex: «Ich tat mich schwer damit, meinen Platz auf dem Set zu finden; das ist überhaupt nicht mit einem Kurzfilm vergleichbar», so de Benoit-Luthy weiter. «Zuerst verbringt man Jahre mit Schreiben, und auf einmal muss man in kürzester Zeit mit einem grossen Team allerlei Entscheidungen treffen. Für mich war es schwierig, dass ich die Inszenierung erst am Ende des Prozesses mit dem Kameramann besprechen konnte. Eine vorgängige Unterstützung wäre hier sehr hilfreich gewesen. Auch das perfekte Drehteam zu finden war eine Herausforderung, denn ich musste mir unbekannten Technikern und Technikerinnen vertrauen und blind den Empfehlungen der Produktion folgen.»
Ein Filmteam für einen ersten Langfilm zusammenzustellen ist gemäss Flavia Zanon ein Balanceakt: «Für junge Filmschaffende ist es sehr wichtig, die Teammitglieder sorgfältig auszuwählen. Die Produktionsleitung und die Regieassistenz müssen sich bewusst sein, dass es sich um einen Erstlingsfilm handelt, und volle Unterstützung bieten, damit der oder die Filmschaffende nicht untergeht!» Zanon fügt hinzu: «Ausserdem muss man Kompromisse eingehen, insbesondere in finanzieller Hinsicht. Kann man es riskieren, unerfahrenere Techniker oder Technikerinnen zu engagieren, oder sollte man besser auf routinierte Fachleute setzen, die dafür mehr kosten?» Für Branchenneulinge ist es schwierig dieselben Budgets wie etablierte Filmschaffende zu verlangen, doch die Konkurrenz ist hart und der finanzielle Druck allgegenwärtig.
Regisseur Piet Baumgartner musste für seinen ersten Dokumentarfilm «The Driven Ones» über zehn Jahre mit einem sehr knappen Budget arbeiten: «Zu Beginn ist es psychologisch schwierig, feststellen zu müssen, dass man von dem, was man verdient, nicht leben kann. Ich habe immer an mehreren Projekten parallel gearbeitet und weiss nicht, ob sich das je bessern wird. Wie dem auch sei, ich werde immer weiter nach Lösungen suchen.»