«Nachts sind alle Katzen grau», das Porträt eines Mannes und seiner symbiotischen Beziehung zu seinen beiden Katzen, wurde an über 100 Festivals gezeigt und gewann den Preis für den besten Kurzfilm der Europäischen Filmakademie. Mit diesem Senkrechtstart begann die Karriere des Diplom-Kurzfilms des Sankt-Gallers Lasse Linder, der 2019 an der Hochschule Luzern – Design Film Kunst einen Bachelor in Filmwissenschaften erwarb. Von Natur aus eher schüchtern, musste er sich rasch anpassen und lernen, vor Publikum zu sprechen. Dieser erste Erfolg belastete Linder anfänglich, da er ihn nicht nur als Überraschung, sondern auch als Druck empfand. Er, der sich selbst als Perfektionist bezeichnet, wollte für sein nächstes Werk den gleichen Werdegang.
Christian, der Mann mit den Katzen, war Stammkunde einer Bar, in der Linder als Jugendlicher arbeitete. So lernten sich die beiden kennen, und später besuchte Christian mit den Katzen Marmelade, Katyusha und ihrem «Leibwächter» alle Filmvorführungen. Zahlreiche Medienschaffende zogen eine Parallele zum österreichischen Regisseur Ulrich Seidl, der Fiktion und Dokumentation vermischt und für seinen provokanten und zuweilen verstörenden Stil bekannt ist. Linder kann den Vergleich nachvollziehen, erkennt sich selbst darin jedoch nicht wieder. Er übt keine Kritik an seinen Hauptfiguren, sondern möchte neutral bleiben und mit den Personen, die er filmt, auf Augenhöhe arbeiten. Sein Zweitjahres-Kurzfilm «Bashkimi United» zeichnet das Porträt des Dentalhygienikers und Frisörs Bashkim, zu dessen Kunden der Regisseur gehört und der im Film von einer Karriere als Filmemacher träumt. Um seine Figuren zu finden, braucht Linder nicht weit zu gehen: Es reicht, sein Umfeld mit offenen Augen zu betrachten.
Nach Abschluss der Dreharbeiten findet sich der Filmschaffende zwischen Postproduktion, Finanzierungssuche und der Planung neuer Projekte oft in der Einsamkeit wieder – ein Gefühl, das auch Legacy kennen muss, ein Springpferd mit streng geregeltem Tagesablauf, das 2024 an den Olympischen Spielen in Paris teilnahm. Als Linder und sein Team der Stute zum ersten Mal begegneten, wurde ihnen rasch bewusst, dass ihr Leben und ihr Charakter von Einsamkeit und Unfreiheit geprägt sind. In seinem neusten Film «Air Horse One», der in Locarno im nationalen Wettbewerb der Sektion Pardi di Domani Weltpremiere feiert, möchte der junge Regisseur aufzeigen, wie ein Mensch über das Leben eines Tieres bestimmt, das zwar gut umsorgt, aber komplett von seinen Artgenossen isoliert wird.
Da er die Flexibilität eines kleinen Teams schätzt, übernimmt er selbst verschiedene Rollen und ist beispielsweise sowohl als Regisseur als auch als Tonmeister tätig. Nach den ersten Erkundungen gilt es, das richtige Gleichgewicht zu finden: Einen flüchtigen Moment erhaschen, der nie wiederkommt, oder auf eine Szene setzen, die sich höchstwahrscheinlich in einigen Tagen wiederholen wird. Um in die elitäre Welt des Springreitens vorzudringen, war ein Jahr Vorarbeit mit Vorsprechen und Recherchen nötig. Der Reiter Daniel Coyle ist untypisch für das Milieu: Ein bodenständiger Ire, der gerne Witze reisst und eine Familie hat. Auf menschlicher Ebene hat der Filmemacher einmal mehr ins Schwarze getroffen.
2025 kann Linder erstmals von seinen Dokumentarfilmen leben und schätzt sich deshalb privilegiert. Parallel zu «Air Horse One» entwickelt er zwei Projekte, die von der Stadt Zürich und SRF unterstützt werden. Der gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Alexandra Rüegg realisierte Film «Sunsets Don’t Matter» handelt von einer schweizerisch-thailändisch-amerikanischen Patchwork-Familie. Die Hauptfigur und Grossmutter seiner Lebenspartnerin lebt sehr zurückgezogen in Florida. Im anderen Film, «Translating Love», geht es um Partnervermittlungsagenturen, die Männer und Frauen aus unterschiedlichen Ländern und sozialen Schichten zusammenbringen. Darunter sind viele US-Amerikaner, die in die Ukraine reisen, um dort die Liebe zu finden – und einen Weg aus der Einsamkeit.