Von der dringlichen Wichtigkeit
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Von der dringlichen Wichtigkeit

Pablo Callisaya, Filmemacher 29. Oktober 2026

Pablo Callisaya über das Verhältnis zwischen Inhalt und künstlerischer Form im Schweizer Film.

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Im zeitgenössischen Deutschschweizer Kino beobachte ich vier häufig wiederkehrende Motive. Es sind Geschichten, die ihre Bedeutung bereits mitbringen, statt sie erst durch den Film zu behaupten. Der Film gilt als wichtig wegen seines Themas, nicht wegen seiner Form. Für uns Filmschaffende ist die Versuchung gross, uns an Stoffe zu klammern, deren Dringlichkeit ausser Frage steht. Wer im Dossier die geforderte gesellschaftliche Relevanz nicht nachweisen kann, hat es schwer bei der Förderung. Doch eine relevante Thematik garantiert noch keinen guten Film. Das Schweizer Kino hat offenbar weniger Angst davor, schlecht zu sein, als davor, unwichtig zu sein.

Erstens, Neo-Misérabilisme: Das Anliegen ist dringlich, die Haltung eindeutig, die Empörung immanent. Beim neo-misérabilistischen Film steht nicht die eigene Erfahrung im Zentrum, sondern die Betroffenheit über fremdes Leid, das aus sicherer Distanz zum relevanten Gegenstand erklärt wird. Die Geschichte soll nicht nur interessieren oder berühren, sondern etwas beweisen. Film und Publikum wissen stets, auf welcher Seite sie stehen. Das macht den Film fast immun gegen Kritik, denn diese wird schnell als Herabwürdigung des Anliegens verstanden. Besonders deutlich wird das bei Podiumsgesprächen. Man spricht über das Problem, nicht über den Film, denn dieser dient als Mittel zum Zweck. Am Ende steht die gemeinsam erlebte Empörung. Man ist betroffen, hat hingeschaut und verstanden und geht mit dem Gefühl nach Hause, auf der richtigen Seite zu stehen.

Zweitens, Der postironische Heimatfilm: Ein Tal im Nebel, Bauern beim Kühemelken, Handwerker mit schmutzigen Händen, ein ungewöhnlicher Dialekt, ein altes Brauchtum. Der postironische Heimatfilm steckt im Clinch zwischen Nostalgie und Idealzukunft. Der Blick ist liebevoll, aber nicht auf Augenhöhe. Die Figuren wirken authentisch, eigenwillig, wortkarg, werden aber meist mit einem Augenzwinkern betrachtet. Man bewundert ihre Welt, beneidet ihre Einfachheit, belächelt aber ihre Weltsicht. Damit schafft der Film die Distanz, die es dem kulturaffinen Publikum erlaubt, diese Nostalgie zu geniessen, ohne sich zu ihr bekennen zu müssen. Die Vergangenheit darf schön sein, solange klar bleibt, dass man selbst nicht zurückwill. Die Heimat darf Heimat sein, solange man ein wenig über sie lachen kann.

Drittens, Museumskino: Schweizer Geschichte wird aufwendig rekonstruiert und pflichtbewusst, unpersönlich und durchschaubar profitorientiert nacherzählt. Es sind Grossproduktionen mit der Hoffnung auf kulturelle und pädagogische Relevanz. Was historisch wichtig war, muss auch wichtiges Kino ergeben. Die Filme wirken wie verfilmte Wikipedia-Artikel. Man arbeitet Fakten ab und setzt mehr auf korrekte Ausstattung als auf Haltung. Geschichte wird nicht neu interpretiert, sondern überliefert. Eine Vollkasko versicherte Equipe und Besetzung runden das Profil ab. Das Ergebnis ist dossierfest, aber leider auch etwas mutlos. Das Kinoerlebnis fühlt sich an wie ein sonntäglicher Familienbesuch im Museum.

Viertens, Der Selfiefilm: Das eigene Leid, die Risse in Familie, Freundeskreis und Beziehung dienen als Themenquellen. Traumadeutung wird zum cinematischen Selbstporträt, die Kamera zur Therapiecouch und das Publikum zum Analytiker. Die intime Katharsis wird festgehalten und zur Kunst aufgewertet. Über das eigene Wohlbefinden lässt sich kein Kino machen. Nur was wehtut, ist sehenswert. Die persönliche Notwendigkeit der Aufarbeitung wird zur künstlerischen Dringlichkeit. Wer nicht berührt ist, ist herzlos. Kritik am Film ist auch hier riskant, weil, wie beim Neo-Misérabilisme, das Leid real ist und sie dadurch als Kritik an dessen Anliegen verstanden wird.

Ich wünsche mir ein Deutschschweizer Kino, das den Mut hat, sich nicht über seine Thematik abzusichern. Ein Kino, das vertraut, dass Relevanz erst durch Haltung, Form und das Risiko des Filmemachens selbst entsteht, auch auf die Gefahr hin, damit zu scheitern.

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