«Was wir haben, ist unsere Kultur, unsere Kunst, unser Kino», sagt Rashid Mashrawi. Schon mit seinen ersten Worten gibt der palästinensische Regisseur und Gründer des Masharawi Film Fund in Gaza den Ton an: «Wir haben keine grosse Wirtschaft, keine guten Politiker, keine grosse Armee. Aber wir haben das, und das ist es, was uns auf der Erde hält.» Für ihn ist das Kino ein lebenswichtiger Pfeiler der palästinensischen Identität. «Wir brauchen Brot und Kino, um zu existieren», schloss er.
Die am 16. Mai im Rahmen des Marché du Film in Cannes in Zusammenarbeit mit dem Palestine Film Institute und dem Arab Cinema Center veranstaltete Podiumsdiskussion «Palestinian Cinema Under the Spotlight» brachte sechs starke Stimmen des palästinensischen Kinos zusammen: Rashid Mashrawi; May Odeh, Produzentin und Regisseurin aus Ramallah; Mohamed Jabaly, Filmemacher aus Gaza, der heute in Norwegen lebt; Rakan Mayasi, Filmemacher aus Brüssel und Beirut; Cherien Dabis, amerikanisch-palästinensische Regisseurin und Schauspielerin; und Rasha Salti, Kuratorin und Forscherin, die sich auf die Kulturen der arabischen Welt spezialisiert hat.
Das Wort «Gaza» wirkt wie ein Schrei. Mohamed Jabaly, dessen Film «Life is Beautiful» die sieben Jahre dokumentiert, die er in Norwegen fernab seiner Familie in Gaza verbrachte, beschreibt das Dilemma, in dem sich palästinensische Filmschaffende befinden: den Horror filmen, ohne sich selbst darauf zu reduzieren. Für ihn ist das Filmemachen zu einer Form der Heilung geworden: «Filme zu machen hilft mir, das zu erleben, was ich immer noch durchmache.»
May Odeh, eine Produzentin und Regisseurin aus Ramallah im Westjordanland, verkörpert eine andere Form des Eingesperrtseins: die von der Besatzung auferlegte Fragmentierung. «Wir sind in einer winzigen Stadt eingesperrt, ich kann weder nach Gaza, noch nach Haifa oder Nazareth fahren», erklärt sie. In diesem Kontext wird das Schaffen zu einer ständigen Herausforderung. «Das Problem ist nicht der Krieg, sondern die systematische Besatzung, die versucht, uns zu trennen und zu fragmentieren. Und das Kino braucht Freiheit.» Sie erzählt dann von den heimlichen Dreharbeiten zu «Maradona's Legs», die sie auf israelischem Gebiet trotz der Kontorllstützpunkte, der Gefahr einer Verhaftung und eines Koffers voller Bargeld durchführte. «Ich bin mit 30.000 Euro in bar in einen Bus gestiegen. Mein Herz schlug so laut. Wenn mich jemand um etwas gebeten hätte, wäre ich wohl zusammengebrochen.» Aber sie bleibt dabei: «Niemand wird mir sagen, dass ich keinen palästinensischen Film machen kann.»
Filmen aus dem Exil
Rakan Mayasi, der in Deutschland geboren wurde und zwischen Jordanien und dem Libanon aufwuchs, konnte nie nach Palästina reisen. Also erschafft er sein eigenes, auf der Leinwand. «Für mich ist das eine Fantasie. Da ich nicht dorthin reisen kann, erschaffe ich Palästina neu. Wir müssen es durch das Kino existieren lassen.» Seine Kurzfilme, wie «Bonboné» oder «Trumpets in the Sky», bringen eine durch Fiktion neu zusammengesetzte Erinnerung zum Vorschein.
Rasha Salti, eine libanesische Kuratorin und Forscherin, die zwischen Beirut und New York gearbeitet hat, betont den revolutionären Aspekt des palästinensischen Kinos. «Von den Kolonisierten war nicht erwartet worden, dass sie ihre eigenen Bilder produzieren. Das palästinensische Kino hat von Anfang an eine Form für die Kolonisierten erfunden.»
Schaffen in der Not
Angesichts des aktuellen Horrors in Gaza weigert sich Rashid Masharawi jedoch, aufzugeben. Vom Ausland aus koordiniert er den Masharawi Film Fund, der die Produktion von 22 Kurzfilmen ermöglicht hat, die während des Krieges in Gaza gedreht wurden und in dem Projekt «From Ground Zero» zusammengefasst sind. «Das ist kein Kino im klassischen Sinne. Es ist eine Reaktion. Aber ich möchte, dass aus dieser Notsituation ein richtiges Kino entsteht».
Die Filmemacher in Gaza drehen, schneiden und schreiben unter den Bomben, manchmal in Zelten, manchmal im Exil. «Wir suchen zwischen Rafah und Khan Younès nach einer Festplatte und fragen: Ist die Person, die sie transportiert, noch am Leben?» Rafah Mashrawi sagt: «Solange der Krieg weitergeht, werden unsere Kameras weiterlaufen und die Welt wird es sehen.»
Die Podiumsdiskussion unterstreicht auch den Krieg der Bilder. May Odeh, Leiterin der palästinensischen Filmplattform, spricht über den Kampf gegen die Propaganda der Medien. «Wir antworten mit unseren Filmen». Unmittelbar nach den Angriffen auf Gaza koordinierte sie eine Auswahl palästinensischer Filme über Gaza, die auf der ganzen Welt gezeigt wurden. «Wir Filmemacher sind das Verteidigungsministerium Palästinas», fügt sie hinzu und prangert die Untätigkeit der Welt an. Humor, auch wenn er schwarz ist, bleibt ein Akt des Widerstands. «So halten wir durch».
Rasha Salti betont die Vielfalt der Filmkunst: Spielfilm, Dokumentarfilm, Experimentalfilm, Animation... «Das palästinensische Kino ist eines der grosszügigsten und erfindungsreichsten in der Region. Es bricht mit den Regeln. Es entwaffnet das Publikum durch seine Kraft, seine Anmut und seine Menschlichkeit.»
Trotz des Schmerzes und der Wut geht das Schaffen weiter. Aber was soll man erzählen und wie? «Die Narbe sitzt tief», sagt May Odeh. «Wir müssen darüber nachdenken, was wir archivieren und was wir weitergeben wollen.» Und während die Grenzen weiterhin die Körper einschliessen, überwinden die Filme die Mauern. Getragen von einer Lebensnotwendigkeit formt diese neue Generation von Filmemachern ein kollektives Gedächtnis - vibrierend, lebendig und unbezwingbar. Das palästinensische Kino ist nicht nur eine Kunstform: Es ist ein Archiv, eine Waffe, ein Beweis. Es bezeugt, pflegt, leistet Widerstand. Und es sagt der Welt unermüdlich: «Wir sind hier».