Es ist offensichtlich, dass die Notwendigkeit besteht, zu einer ökologisch nachhaltigeren Filmindustrie überzugehen. Die von den verschiedenen Akteuren der Branche durchgeführten Initiativen zeigen, auch wenn sie sich in der Vorgehensweise nicht unbedingt einig sind, dass doch zumindest eine wachsende Besorgnis über den ökologischen Fussabdruck des Sektors vorhanden ist: Zu den Initiativen gehören beispielsweise die Einführung eines CO₂-Rechners für Filmproduktionen seit Ende 2022.
Wenn es jedoch darum geht, über die Form der Massnahmen und ihre Umsetzung zu entscheiden, gibt es weitaus mehr Meinungsverschiedenheiten. Der Grund dafür ist die Vielzahl der Akteure und das breite Spektrum der Verantwortlichkeiten, die ihnen obliegen. Während ein Produktionsteam versucht, seinen Fussabdruck zu verringern, indem es mit einem kleineren Mitarbeiterstab dreht oder eine bestimmte Vorrichtung perfektioniert, denken Festivalveranstalter über die Zukunft ihrer vergänglichen Installationen nach und die Filmförderung vergibt zusätzliche Punkte für Projekte, die bestimmte Standards garantieren.
Darüber hinaus widersprechen grüne Initiativen oft dem vorherrschenden Wirtschaftsmodell. Das stetige Wachstum von Festivals zum Beispiel macht es, solange es fortgesetzt wird, noch schwieriger - wenn nicht gar unmöglich -, die Emissionen zu reduzieren. Daher kann es verlockend sein, auf ineffektive Halbherzigkeiten, wie CO₂-Ausgleich oder «Greenwashing» zurückzugreifen, um sich moralisch zu entlasten und das Gefühl zu erhalten, dabei gleichzeitig die Umwelt zu schonen.
Kreativität verdoppeln
«Nichts opfern wollen» - eine Art Motto, das bei der Podiumsdiskussion mit dem Titel ‚Towards a Sustainable European Film Industry‘ im Rahmen des Locarno Film Festivals mehrfach ertönte. Dieses Motto wirkt glaubhaft, wenn es um die künstlerische Qualität oder die Arbeitsqualität der Produktionen geht, aber es bekommt einen seltsamen Unterton, wenn es dafür verwendet wird, dass auf Geschenke und Vermarktungsartikel, die auf vielen Festivals verteilt werden, nicht verzichtet werden soll. Sie hätten nur eine «unbedeutende» Auswirkung auf die Emissionen, so Fabienne Merlet, Sustainibility Officer für das Locarno Film Festival. In einer Zeit, in der selbst einfache symbolische Stellungnahmen erwartet werden, können solche Aussagen kontraproduktiv erscheinen.
Eine weitere Initiative, die während des Treffens diskutiert wurde, sind Preise, die nach verschiedenen Nachhaltigkeitskriterien an verdiente Institutionen oder Produktionen verliehen werden. Mit seinem Pardo Verde, der 2022 in Zusammenarbeit mit dem WWF ins Leben gerufen wird, zeichnet das Tessiner Festival Filme aus, die «zum kollektiven Bewusstsein und zu entschlossenem Handeln beitragen». Eine ähnliche Initiative sei im selben Jahr von der European Film Academy ins Leben gerufen worden, erklärt Matthijs Wouter Knol, doch der European Sustainability Award werde heute nicht mehr verliehen. «Wir haben aufgehört, diesen Preis zu vergeben, weil wir keine Personen mehr finden konnten, die verdienstvoll genug waren», erklärt der Geschäftsführer der European Film Academy.
Ähnliche Überlegungen haben das Team von Eurimages dazu veranlasst, auf die Einführung eines Nachhaltigkeitspreises zu verzichten. Thierry Hugo erklärte, Eurimages wolle nicht noch mehr administrative Schritte in das ohnehin schon komplexe und von Land zu Land unterschiedliche System der Filmfinanzierung einbauen und ziehe es vorerst vor, andere Wege als die Anwendung neuer Standards zu erkunden, um das Bewusstsein der Produktionen für ihre ökologischen Auswirkungen zu schärfen. Eine Online-Schulungsplattform, die in Zusammenarbeit mit dem französischen Verband Ecoprod entwickelt wurde, soll bis 2025 entstehen. Ziel dieser Initiative ist es, Informationen und bewährte Verfahren im Hinblick auf nachhaltige Produktionen zu erfassen.
Ob es sich nun um die Einführung spezifischer Nachhaltigkeitskriterien bei Finanzierungsanträgen, die Bereitstellung spezieller Budgets in den verschiedenen Förderinstitutionen oder bei Filmfestivals oder um die Information der Branche handelt, die Vielfalt der Wege scheint derzeit die beste Option für die Entwicklung einer grüneren Industrie zu sein. Knol sieht in den wachsenden ökologischen Zwängen sogar eine Möglichkeit für Filmschaffende und ihre Teams, ihre Kreativität zu verdoppeln. Und obwohl es noch keinen Konsens oder Standard in diesem Bereich gibt, zeigen die Diskussionen und die Vielfalt der Vorschläge zum Thema Nachhaltigkeit, dass viele Akteure in der Branche daran interessiert sind.
«Towards a Sustainable European Film Industry»
Moderiert von Susan Newman-Baudais, Executive Director, Eurimages
Gäste:
Patrizia Pesko, Head of Film funding, Federal Office of Culture
Matthijs Wouter Knol, CEO and Director, European Film Academy
Thierry Hugot, Programme Manager and Financial Controller, Eurimages
Fabienne Merlet, Sustainability Officer, Locarno Film Festival
Die Videoaufnahme ist für Industrie-Akkreditierte auf der Internetseite des Locarno Film Festival erhältlich
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