Gemeinsam mit Fernanda Valadez erzählen Sie in diesem Film die Geschichte eines Waisenkindes in Mexiko im Kontext dessen Kartelle. Was hat Sie dazu inspiriert?
Die Idee zu diesem Film entstand, als wir für unser vorheriges Projekt «Was geschah mit Bus 670?» recherchierten. Wir verbrachten einige Zeit in ländlichen Gemeinden in Guanajuato, Fernandas Heimatort, in Mexiko. Diese Region ist von starker Armut geprägt. Während unserer Recherchen trafen wir auf Jugendliche, die manchmal erst 13 oder 14 Jahre alt waren und versucht hatten, die Grenze in die USA zu überqueren, deportiert worden waren oder in schrecklichen Situationen wie in der Wüste festsassen. Diejenigen, die aufgrund mangelnder Möglichkeiten zurückblieben, endeten manchmal damit, für die örtlichen Kartelle zu arbeiten. Diese Geschichten passten nicht in «Was geschah mit Bus 670?», aber Fernanda und ich wussten, dass wir sie eines Tages erzählen mussten.
Wieso ist es wichtig, diese Geschichte heute zu erzählen?
Weil in Mexiko die Kollateralopfer der Drogenkriege, insbesondere die Kinder der Gewalttäter, ein fast tabuisiertes Thema sind. Zwei Generationen sind in diesem Kontext aufgewachsen. Für diejenigen, die wie ich ein friedlicheres Mexiko erlebt haben, stellt dies einen Bruch dar. Diese Jugendlichen haben nicht nur ihre Eltern verloren, sie werden auch stigmatisiert, ohne dass die Gesellschaft eingreift und sie unterstützt.
Waren Sie bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema mit Widerständen oder Hürden konfrontiert?
Geld für einen Film zu beschaffen, ist immer eine Herausforderung, ganz gleich, worum es geht. Nach «Was geschah mit Bus 670?», einem sehr düsteren Projekt, wollten wir jedoch mit «Sujo - Hijo de Sicario» einen anderen Ansatz verfolgen. Es ist ein Film, der von Hoffnung geprägt ist. Dieser Tonfall ermöglichte es uns, Partner zusammenzubringen, die von der Idee motiviert waren, ein Projekt zu unterstützen, das mit den aktuellen Sorgen in Mexiko in Resonanz steht.
Welche waren die Schwierigkeiten während der Dreharbeiten?
In Guanajuato zu drehen, einer Region, die zu einer der gefährlichsten des Landes geworden ist, war kompliziert. Wir haben ein Team, das hauptsächlich aus Frauen und Jugendlichen besteht, was dabei hilft, keine unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen, aber wir haben trotzdem einige erschreckende Momente erlebt. Beispielsweise wurden wir kurzzeitig von bewaffneten Männern als Geiseln festgehalten. Diese Vorfälle sind nicht regionalspezifisch; sie sind eine Realität, die das ganze Land betrifft. Um die Sicherheit zu gewährleisten, entschieden wir uns für ein kleines Team und vermieden explizite Gewaltszenen. Darüber hinaus pflegten wir eine starke Verbindung zur lokalen Gemeinschaft, was für einen ruhigen Dreh in Mexiko unerlässlich ist.
Wie gehen Sie in Ihren Filmen mit der Darstellung von Gewalt um?
In Mexiko sind wir extrem grausamer Gewalt ausgesetzt, insbesondere durch die makabren Bilder, die von den Kartellen verbreitet werden. Dadurch werden die Opfer entmenschlicht. Für uns sollte Gewalt im Film nicht nur ein ästhetischer oder spektakulärer Effekt sein. Wir ziehen es vor, ihre Konsequenzen und emotionalen Auswirkungen zu zeigen, um die Menschlichkeit hinter diesen Dramen wiederherzustellen.
Wie wählen Sie Ihre Schauspieler und Schauspielerinnen aus?
Wir suchen nach Darstellern, die in der Lage sind, die Emotionen der Figuren tief zu empfinden, auch wenn sie keine Profis sind. Juan Jesús Varela zum Beispiel, der die jugendliche Hauptfigur spielt, stammt aus der Gegend, in der wir gedreht haben. Er ist unglaublich talentiert und hat der Rolle durch seine eigene Lebenserfahrung eine einzigartige Aufrichtigkeit verliehen.
Wie würden Sie Ihre Zusammenarbeit mit Fernanda Valadez beschreiben?
Wir arbeiten seit unseren Anfängen zusammen. Unsere Partnerschaft ist ein ständiges Gespräch. Bei diesem Film habe ich angefangen, das Drehbuch zu schreiben, aber Fernanda hat dann ihre Vision in die Geschichte eingebracht. Am Set teilen wir uns die Aufgaben: Ich arbeite hauptsächlich mit den Schauspieler und Schauspielerinnen, während Fernanda sich mehr auf die technischen Aspekte konzentriert. Wir ergänzen uns sehr gut.
Der Film wurde als mexikanischer Oscarbeitrag für 2025 ausgewählt. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Das ist eine grosse Ehre. In diesem Jahr war ein anderer, sehr populärer und traditioneller Film im Rennen. Die Tatsache, dass unsere Kollegen und Kolleginnen ein kleineres Projekt ausgewählt haben, in dessen Mittelpunkt ein Junge steht, der vom Verbrechen verführt wird, aber versucht, diesem zu entfliehen, ist sehr bewegend. Dies spiegelt eine wichtige Bewusstseinsbildung wider.
Welchen Einfluss des Films auf das Publikum erhoffen Sie sich?
Wir hoffen, das Bewusstsein für die Situation chancenloser Jugendlicher in Mexiko und anderswo zu schärfen. Diese Problematik überschreitet Grenzen. In unserem Land sind mehr als 1,6 Millionen Kinder aufgrund von Gewalt zu Waisen geworden. Auf internationaler Ebene hallt die universelle Geschichte eines Kindes auf der Suche nach seiner Identität bei verschiedenen Zielgruppen nach.
Und danach? Welche sind Ihre nächsten Projekte?
Wir haben einen neuen Film über Gewalt in Mexiko in Vorbereitung, aber ich arbeite auch an einem Projekt, das sich mit den Gefahren befassen wird, denen Journalisten in unserem Land ausgesetzt sind. Journalist in Mexiko zu sein ist einer der gefährlichsten Berufe der Welt, und ich möchte dieser Realität eine Stimme verleihen.
Einen letzten Gedanken?
Wir freuen uns sehr, diesen Spielfilm in der Schweiz zeigen zu können. Es ist unglaublich zu sehen, dass eine Geschichte, die so tief in unserem Land verwurzelt ist, einen universellen Widerhall finden kann. Das Kino hat diese Kraft, uns zu verbinden, über alle Grenzen hinweg.