Treffpunkt mit Frances McStea und Anja Kofmel
© Ayse Yavas

Treffpunkt mit Frances McStea und Anja Kofmel

Sarah Stutte 31. Oktober 2025

Asako Film produziert seit einigen Jahren Animations-, Dokumentar- und Hybridfilme – viele davon sind Kurzfilme. Gründerin Anja Kofmel und Produzentin sowie Miteigentümerin Frances McStea sprechen über Visionen, Herausforderungen und die unterschätzte Kraft des Kurzfilms.

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Welche Vision hatten Sie bei der Gründung von Asako Film und wie ist diese im Laufe der Zeit gewachsen?

Anja Kofmel (AK): Die Idee zur Gründung von Asako Film entstand im Umfeld meiner Arbeit an «Chris the Swiss». Mir war wichtig, ein Studio zu gründen, das mehr ist als eine reine Produktionsfirma: Ein Ort, an dem sich Talente entfalten können und der Verbindungen zwischen der Schweiz und dem Ausland schafft. Unsere Hochschulen bringen viele junge Animationskünstler und -künstlerinnen hervor, und ich wollte Strukturen aufbauen, damit sie nicht zwingend ins Ausland gehen müssen, um ihre Filme zu realisieren. Mit Frances an meiner Seite ist die Firma gewachsen. Uns verbindet die Haltung, dass Asako Film für künstlerisch anspruchsvolle Filme stehen soll, ob animiert, dokumentarisch oder hybrid. Unsere Vision hat sich präzisiert: Wir möchten eine Plattform bieten, auf der kreative Ideen Form finden und mutige Geschichten entstehen können.

Mit welchen Herausforderungen haben Sie als unabhängige Produzentinnen, in der Schweiz zu kämpfen?

Frances McStea (FM): Ganz klar mit Unsicherheit. Man weiss nie, welche Projekte tatsächlich realisiert werden können, ob Finanzierungen zustande kommen und ob die Firma damit langfristig stabil bleibt. Kurzfilme sind eine gute Möglichkeit, sichtbar zu werden, aber sie sind ökonomisch anspruchsvoll und verlangen viel Idealismus.

AK: Gerade Animation ist sehr aufwendig. Die Charaktergestaltung, der Bau von Welten und eine eigene Bildsprache ist bei einem Kurzfilm genauso anspruchsvoll wie bei einem langen. Der Unterschied zum Langfilm liegt in der Länge, nicht im Aufwand pro Minute. Deshalb brauchen wir mehrere Projekte parallel, um als Firma überleben zu können. Gleichzeitig ist die Schweiz ein hervorragender Standort: Unsere Animationsfilme sind international oft erfolgreich und eröffnen uns neue Perspektiven. Diese Balance zwischen Risiko und Chancen bestimmt unseren Alltag.

Wie würden Sie die Handschrift Ihrer Produktionsfirma beschreiben?

AK: Wir produzieren grösstenteils für ein erwachsenes Publikum. Uns interessieren ehrliche, emotionale Geschichten, die auch ungewöhnlich oder schräg sein dürfen. Science-Fiction, essayistische Formen oder dokumentarische Ansätze haben bei uns ebenso Platz.

FM: Uns ist visuelle Qualität und eine klare Haltung wichtig. Wir springen auf Projekte an, die etwas zu sagen haben, die mutig sind. Genres legen wir nicht fest – gerade die Vielfalt macht es spannend. Jede Produktion soll ihre eigene Stimme entwickeln und sich vom Massenprodukt unterscheiden.

Warum legen Sie einen besonderen Fokus auf Kurzfilme?

AK: Wir legen unseren Fokus nicht ausschliesslich auf Kurzfilme. Doch das Format bietet viele Vorteile, gerade für experimentierfreudige Köpfe: Künstlerisch frei, prägnant und unabhängig von standardisierten Vorstellungen des Marktes kann er eine Kraft entwickeln, die sich nur teilweise in längere Formate übertragen lässt. Aber es geht nicht darum, Lang- und Kurzfilm gegeneinander auszuspielen. Jeder Stoff hat ein richtiges Format und eine richtige Länge und einige Geschichten lassen sich einfach besser als Kurzfilme erzählen. Der Kurzfilm ist für uns also kein «Nebenprodukt», sondern ein Raum voller Möglichkeiten.

FM: Für eine junge Firma war es zudem realistischer, über Kurzfilme einen Leistungsnachweis zu erbringen. Ohne diese Referenzen ist es in der Animation kaum möglich, ein Langfilmprojekt zu stemmen. Doch wir betrachten den Kurzfilm nicht nur als Sprungbrett – er ist ein eigenständiges Format, das Geschichten pointiert und wirkungsvoll erzählt.

Was fasziniert Sie beide persönlich am Kurzfilm, gerade in der Animation?

AK: Kurzfilme sind oft radikaler. Sie erlauben Experimente und sind weniger durch Marktmechanismen eingeschränkt. Man kann als Regieperson seine Handschrift sehr klar zeigen und zugleich Dinge ausprobieren, die in einem Langfilm vielleicht kein Budget finden würden.

FM: Animation eröffnet zusätzlich die Möglichkeit, abstrakte oder allegorische Themen zu behandeln, die im Realfilm schwer darstellbar wären. Sie bietet eine Freiheit, die uns immer wieder begeistert. Leider wird Animation noch oft als «Kinderformat» wahrgenommen – dabei steckt darin enormes künstlerisches Potenzial, das sich gerade im Kurzfilm eindrücklich entfalten kann.

Wird der Kurzfilm unterschätzt?

FM: Auf künstlerischer Ebene ja. Viele unterschätzen, wie präzise Kurzfilme Geschichten vermitteln können. In wenigen Minuten muss alles stimmen: Dramaturgie, Bildsprache, Ton.

AK: Und auch in der Filmpolitik und im Markt wird er häufig übersehen. Die Schweiz hat zwar gute Förderstrukturen, doch Kurzfilme gelten selten als «richtige» Filme, obwohl sie international sehr erfolgreich sind. Sie besitzen grosses Potenzial, können komplexe Themen auf sinnliche Weise zugänglich machen, regen Diskussionen an und lassen sich gezielt einsetzen, um Inhalte zu vertiefen.

Warum haben sich viele Verleiher in der Schweiz vom Kurzfilm zurückgezogen?

AK: Es ist wohl eine Frage des Aufwands. Ein Kurzfilm verlangt in der Auswertung fast gleich viel Einsatz wie ein Langfilm, bringt aber deutlich weniger Ertrag. Früher liefen Kurzfilme häufiger als Vorfilme im Kino – das ist heute fast verschwunden. Für Betreiber bedeutet es zusätzliche Kosten bei sinkenden Margen. Was bleibt, sind engagierte Einzelinitiativen, doch systematisch ist es kaum mehr verankert.

Wie steht es um die Sichtbarkeit nach der Festivalkarriere?

FM: Nach zwei Jahren Festivalzirkulation droht vielen Filmen ein Loch. Deshalb versuchen wir, sie gezielt weiter zu positionieren, etwa in Museen, Schulen oder thematischen Programmen. Gerade in fächerübergreifenden Kontexten entfalten Kurzfilme eine besondere Wirkung.

AK: Kurzfilme haben grosses Potenzial in pädagogischen Kontexten, wo oft die Zeit knapp ist. Sie sind kompakt, erzählerisch stark und passen perfekt in die 45-minütige Unterrichtseinheit. Ein Kurzfilm am Anfang einer Lektion kann Diskussionen anregen und die theoretische Vertiefung erleichtern – sei es bei historischen Themen oder gesellschaftlichen Fragestellungen. Dadurch bleiben die Filme auch über Festivals hinaus relevant und finden neue, nachhaltige Einsatzfelder.

Was würden Sie sich für den Kurzfilm in der Schweiz wünschen?

AK: Dass er in der Förderung gleichwertig anerkannt wird und nicht nur als «kleine Form». Erfolg sollte nicht ausschliesslich an der Kinokasse gemessen werden. Ein starker Kurzfilm kann kulturell genauso prägend sein wie ein abendfüllender.

FM: Und dass das Potenzial des Kurzfilms noch besser erkannt und genutzt wird. Dazu braucht es ein gewisses Umdenken. Zum Beispiel zu einem bestimmten Thema kuratierte Programmblöcke wären eine Möglichkeit, so dass Kurzfilme auch ausserhalb von Festivals sichtbar werden. In Frankreich funktioniert das hervorragend. Wieso sollen solche Modelle nicht auch für die Schweiz möglich sein?

Zum Schluss: Was treibt Sie bei Asako Film an?

AK: Wir wollen mutige Filme produzieren und Talente fördern, die eine klare künstlerische Vision haben. Für uns bedeutet das, immer wieder Risiken einzugehen, weil wir überzeugt sind, dass sich nur so wirklich Neues entwickelt.

FM: Und wir möchten zeigen, dass Kurzfilme viel mehr sind als nur eine Visitenkarte für den Langfilm – sie sind ein starkes, eigenständiges Format mit internationaler Strahlkraft und gesellschaftlicher Wirkung. Genau dieser Gedanke treibt uns täglich an.

Das Interview ist in Zusammenarbeit mit dem CINEMA Jahrbuch 2026 entstanden.

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