Treffpunkt mit Fabien Gaffez
© Laurie Bisceglia

Treffpunkt mit Fabien Gaffez

Adrien Kuenzy 24. Juli 2026

Nach acht Jahren beim Forum des Images in Paris ist Fabien Gaffez nun für die Neugestaltung des Plaza in Genf verantwortlich, das Anfang 2027 wiedereröffnet werden soll. Er spricht über seine Vorstellung von Popkultur und über den Platz des Kinos angesichts neuer kultureller Gebräuche.

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Sie leiten das Plaza seit bald einem Jahr, jedoch ohne Publikum und ohne offene Säle. Was lernt man bei einem solchen Projekt, das man übernimmt, bevor es überhaupt existiert?

Erst einmal Geduld. Für mich existiert es bereits zu grossen Teilen, denn ich habe es für diesen Ort entwickelt, und nun wird es strukturiert und angepasst. Vor allem aber ist es eine faszinierende Erfahrung: Obwohl ich bereits in verschiedenen Institutionen tätig war, habe ich noch nie an der vollständigen Neueröffnung eines Ortes mitgewirkt. Über die Bestimmung jedes Raums nachzudenken, den Saal bis ins kleinste Detail zu planen, ist zugleich schwindelerregend und sehr stimulierend.

Bedeuten die aussergewöhnlichen finanziellen Mittel eher Freiheit oder zusätzlichen Druck?

Die Mittel sind gar nicht so aussergewöhnlich. Wir haben ein begrenztes und präzises Budget. Die wahre Freiheit besteht darin, sich in erster Linie auf das Projekt konzentrieren zu können. Was den Druck betrifft, so kommt er nicht von aussen. Wir machen uns vielmehr selbst Druck. Ich möchte zeigen, dass es auch heute noch möglich ist, ein Kino zu eröffnen, mit neuen Arten der Filmvorführung zu experimentieren und den Film anderen Kunstformen gegenüberzustellen. Lange argumentierten wir, es brauche Kinos, weil man Filme auf einer grossen Leinwand sehen muss. Das stimmt, aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob dieses Argument für eine junge Generation, die Filme auf diverse Arten entdeckt, noch ausreichend ist. Ich bin vielmehr daran interessiert, eine umfassendere Erfahrung rund um den Film zu erschaffen: eine Ausstellung, ein immersives Werk, einen Dialog mit Videospiel, Comic oder anderen Kunstformen. Alles soll miteinander verbunden sein.

Wie weit sind Sie in der Vorbereitung der Programmgestaltung?

Dazu kann ich leider noch nichts verraten. Das klingt vielleicht bin bisschen abgedroschen, aber es steckt auch ein gewisser Aberglaube dahinter: Ich möchte lieber nichts ankündigen, das noch nicht konkret feststeht. Wir bereiten ein grosses Eröffnungswochenende mit verschiedenen künstlerischen Angeboten vor. Danach werden wir unser Programm rund um grosse Themenbereiche und Retrospektiven gestalten. Die ersten vier Monate werden wir ein bisschen experimentieren, mit dem Ziel, unsere Popkultur-Identität zu festigen und rund um eine Figur aufzubauen, die sie in unseren Augen verkörpert.

Entsteht durch ein Projekt wie dem Plaza eine besondere Verantwortung gegenüber der restlichen Genfer Kulturszene und den Festivals?

Ja, sicher. Genf verfügt bereits über ein besonders reichhaltiges Angebot und ein dichtes Programm. Eine der Aufgaben des Plaza besteht zum Beispiel darin, lokale Festivals wie GIFF, Black Movie, FIFDH, Everybody’s Perfect oder Animatou zu fördern und zu unterstützen. Wir ziehen auch engere Zusammenarbeiten in Betracht. So erörtern wir zum Beispiel mit dem GIFF die Möglichkeit, gemeinsam ein immersives Werk zu produzieren. Ein Kinosaal mit 600 Plätzen bietet den Festivals eine ideale Projektionsfläche, als Teil eines regulären Programms mit durchschnittlich 16 Filmvorführungen pro Woche.

Die Popkultur steht im Zentrum Ihres Projekts für das Plaza. Wie würden Sie sie definieren?

Für mich hat sie eine soziale, ja sogar eine politische Funktion. Popkultur bringt Werke – und mit ihnen Publikumsgruppen – zur Geltung, die sonst oft eher am Rand stehen. Das ist nicht gleichzusetzen mit Demagogie. Nehmen wir Harry Potter: Vor seinem Einzug in die Popkultur ist es einfach nur ein Buch. Dann folgen Adaptationen, die Begeisterung einer ganzen Generation, und schliesslich wird das Werk Teil der kollektiven Vorstellungswelt. Deshalb sage ich, dass wir nicht vorschreiben können, was Popkultur ist. Das weiss man immer erst im Nachhinein. Unsere Rolle besteht darin, zu beobachten und die Phänomene, die aus Filmen, Comics, Videospielen oder dem Internet hervorgehen, zur Geltung zu bringen. Das bedeutet, dass man die realen kulturellen Gepflogenheiten aufmerksam verfolgen muss. Um auf den Film und das Kino zurückzukommen: Es gibt wohl eine Krise, doch gleichzeitig beobachte ich viele Phänomene, die mich optimistisch stimmen. So entdeckt die Generation Z gerade DVD und Blu-ray wieder. Popkultur hat genau diese Fähigkeit, ein generationenübergreifendes Programm zu gestalten. Die Arbeit des Illustrators Laurent Durieux ist ein weiteres gutes Beispiel. Seine Plakate wirken auf verschiedenen Ebenen. Zunächst vermitteln sie eine sofort erkennbare Schönheit, eine klare Botschaft. Dann würdigen sie Filme, die zu unserer Vorstellungswelt gehören. Und schliesslich enthalten sie immer ein Detail, das eine andere Interpretation suggeriert. Auf seinem Plakat zu «Der Weisse Hai» sieht man einen Strand und einen Sonnenschirm. Doch ein Segment des Sonnenschirms ist schwarz, als Anspielung auf die Haifischflosse. Das Projekt des Plaza muss auf die gleiche Art funktionieren. Unser Angebot muss sofort verständlich und mit unserer Vorstellungswelt verbunden sein. Zugleich muss es aber auch mit der Filmgeschichte spielen und dem wirklich passionierten Publikum gerecht werden, um es nicht zu enttäuschen.

Wann wurde Ihnen klar, dass diese Idee der Popkultur im Zentrum des Projekts stehen würde?

Ich interessierte mich schon früher dafür. Beim Forum des Images hatten wir Projekte rund um Videospiele, Comics und andere Kulturformen entwickelt. Doch es gibt auch einen persönlicheren Aspekt. Als ich zum Bewerbungsgespräch nach Genf kam, reiste ich bereits am Vortag an und schaute mir das Plaza an. Auf der Anzeigetafel prangte ein Zitat aus «Jurassic Park». «Jurassic Park» wiederum beruft sich auf «King Kong», und zu «King Kong» habe ich eine ganz besondere Beziehung. Er ist ein Mythos der Popkultur, der durch den Film entstand und danach eine ganze Reihe von Werken und Geschichten hervorbrachte. Für mich war das bereits eine Art «Mise en Abyme». Da ist ein Kino aus den 1950er Jahren, das im 21. Jahrhundert wiederauferstehen soll, mit einem Schild, das auf «Jurassic Park» verweist, ein Film, der wiederum auf einen Gründermythos des populären Kinos zurückgeht. Ich sah darin ein Zeichen. In dem Projekt, das ich vorgestellt habe , hatte ich einen ganzen Gedankenstrang rund um diese Figur ausgearbeitet. Der Titel des Dossiers lautete «Macht ihn grösser!», in Anlehnung an den Erfinder von «King Kong», Merian C. Cooper, der diesen Satz stets wiederholte, wenn er die Modelle des Gorillas sah. Der Entdecker, Regisseur und Produzent steht für eine Mischung aus Abenteuer und Spektakel, die mir sehr zusagt.

Gibt es eine berufliche Überzeugung, die sich mit der Zeit geändert hat?

Ja. Wenn man beginnt, Programme zu gestalten oder zu schreiben, ist man zuweilen überzeugt, das absolute Wissen und den besten Filmgeschmack zu besitzen. Man denkt, man müsse mit dem Programm eine Vision durchsetzen. Zu Beginn hatte ich wohl ein wenig diese Einstellung. Heute bin ich vielmehr überzeugt, dass man für eine gute Programmgestaltung in erster Linie zuhören muss. Beim Forum des Images hatten wir eine künstlerische Leitung zusammengestellt, die quer durch die ganze Institution Ideen sammelte, nicht nur bei den Programmverantwortlichen. Natürlich bleibt Programmgestaltung ein Beruf. Und natürlich sind Kenntnisse in Filmgeschichte wichtig. Doch das allein reicht nicht. Popkultur lässt sich nicht vorschreiben, und man kann keine Lektionen erteilen. Man muss mit den realen Gepflogenheiten verbunden bleiben. Ich habe diese Selbstüberzeugung aufgegeben, und paradoxerweise habe ich dadurch viel mehr Vertrauen gewonnen.

Das Plaza wurde vor dem Abriss bewahrt. Was könnte das Kino heute noch bedrohen?

Wenn es noch eine Bedrohung gibt, dann die, dass der Ort sein Publikum und sein Ziel verfehlt. Ich meine damit nicht Rentabilität, sondern Besucherzahlen, Ruf und Publikumsanklang – dass wir uns irgendwie geirrt hätten . Zurzeit spüre ich nichts von der finanziellen Bedrohung, die vielen anderen Kulturinstitutionen zu schaffen macht. Diese Sicherheit gibt uns eine grosse Freiheit. Die wahre Herausforderung liegt anderswo: Viele Leute kennen das Plaza. Zwei oder sogar drei Generationen werden mit ihren Erinnerungen, die sich im Lauf der Zeit geändert haben können, an den Ort zurückkehren. Diese Erinnerungen tragen das Projekt, aber sie können auch zu einer gewissen Enttäuschung führen, denn es ist unmöglich, genau das Gleiche wieder aufzubauen. Um ein einfaches Beispiel zu nennen: Viele erwarten vielleicht wieder rote Sitze, doch die neuen Sitze sind blau, wie sie der Architekt Marc-Joseph Saugey 1952 entworfen hatte. Jeder und jede hat eigene Erinnerungen an den Ort. Das Ziel ist nicht, die Vergangenheit zu rekonstruieren, sondern mit ihr in Dialog zu treten und die Geschichte des Kinos mit seiner Wiederentdeckung durch das Publikum in einer neuen Form zu bereichern

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