Glauben Sie, dass man Sie tendenziell für einen bestimmten Rollentyp besetzen möchte?
Im deutschsprachigen Raum, ja. Hier werde ich fast ausschliesslich in ausländischen Rollen besetzt. Letztes Jahr habe ich einen argentinischen Geschäftsmann, einen costa-ricanischen Biologen und einen kubanischen Geheimagenten gespielt. Dieses Jahr, in einem Serienpiloten, war es ein arabischstämmiger Vater. Ich denke, mein ausländischer Nachname schubladisiert mich da schon etwas. Obwohl das etwas Trauriges ist, verstehe ich es auch: Wenn man eine Geschichte erzählt, hat man nicht immer Zeit, den Hintergrund jeder einzelnen Figur zu erklären. Das Arbeiten mit Stereotypen oder Klischees macht das Drehbuch und den Film effizient. Das ist aber auch weniger mutig. Kreativität bedeutet nämlich, sich neuen Herausforderungen zu stellen, nicht Altbekanntes, Erprobtes zu replizieren.
Können Sie von Ihrer Erfahrung in einer Rolle erzählen, die von einer solchen «Herkunftstypisierung» befreit war?
Vor zwei Jahren spielte ich in einer spanischen Serie, in einer Hauptrolle, einen lokalen Politiker. Ich weiss noch, wie es sich anfühlte, als ich für die Rolle angefragt wurde: Es war ein Gefühl ernst genommen zu werden, und zwar nicht als Schauspieler, sondern als Mensch. Mal jemanden zu sein, der nicht erst mal irgendwo herkommt. Dieses Gefühl spiegelte sich auch während meines ganzen Aufenthaltes in Sevilla, wo der Dreh stattfand. Ich fühlte mich akzeptiert. Meine Familie stammt übrigens aus der Region. Aber eigentlich ist Sevilla nicht mein Zuhause, wenn dann das meiner Eltern. Ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen.
Sie haben bereits mehrfach von vor der Kamera zu hinter der Kamera gewechselt. Gab es einen bestimmten Auslöser, sich auch als Autor und Regisseur ausprobieren zu wollen?
Ich habe die Regiearbeit schon immer geliebt. Erst als ich vor vielen Jahren einmal in einer Theaterproduktion eine Hauptrolle spielte, wurde auch meine Leidenschaft für das Schauspiel angefacht. Diese ganze Aufmerksamkeit… Das macht schon süchtig. Filmemachen ist hundertmal komplexer und erfordert - oder eben ermöglicht - hundertmal mehr Kreativität als Schauspiel. Das liebe ich.
Sie haben erst vor ein paar Wochen Ihren ersten Langspielfilm abgedreht. Wie hat die Arbeit an «Brennende Themen» begonnen?
Ich wollte eigentlich nur eine kurze Szene für mein Portfolio für mich schreiben. Aber ehe ich es mich versah, hatte ich zehn Drehbuchseiten und damit viel zu viel geschrieben. Doch ich hatte mich in die Figuren verliebt und schrieb weiter bis es 130 Seiten wurden. Ich hatte keine Ahnung, wie ich ein Projekt dieser Grösse stemmen sollte. Den Stein ins Rollen brachte dann die zufällige Bekanntschaft mit einer Szenenbildnerin, die ins Projekt einstieg, nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte. Es war auch sie, die den entscheidenden Impuls dafür gab, wo der erste Teil meines Historienfilmes gedreht werden konnte.
Sie sind Autor, Regisseur und auch einer der Hauptdarsteller des Films. Wie haben Sie diese Mehrfachbelastung empfunden?
Als sehr stressig. Vor allem, weil ich zusätzlich auch noch Produzent war. Das bedeutete, den ganzen Dreh auf die Beine zu stellen, Mitarbeiter und Schauspielende zu finden, den Drehort zu organisieren, manchmal auch die Technik abzuholen, aufbauen, oder - wenn ich niemanden für die Verpflegung gefunden habe - am Vorabend für alle zu kochen, die Regie vorzubereiten, zu proben, und auch noch meinen eigenen Text und das Schauspiel zu meistern. Dazu kommt, dass wir aufgrund der knappen Mittel einen sehr engen Drehplan hatten. Am Drehtag blieb deswegen keine Zeit für Experimentieren und Zweifeln. Jedes Detail musste vor dem Dreh vorausgesehen, besprochen und entschieden sein. Es hier zu erzählen, fühlt sich fast schon therapeutisch an. Ich glaube nämlich, dass ich von dem Stress etwas traumatisiert bin (lacht). Aber ich habe sehr viel dabei gelernt. Vor allem, dass Film Organisation ist und je besser die Vorbereitung, desto besser macht es den Film.
Die Dreharbeiten fanden über mehrere Jahre statt. Welche waren die grössten Herausforderungen?
Weil zwischen den Drehblöcken manchmal mehr als ein Jahr verging, war etwas vom Schwierigsten, jedes Mal aufs Neue Mitarbeiter zu finden, was wiederum zu Verzögerungen geführt hat. Die grösste Angst war, dass die Hauptdarstellerin aus irgendeinem Grund - das Leben ist da bekanntlich sehr erfinderisch - plötzlich nicht mehr mitspielen kann. Die ganze Arbeit wäre umsonst gewesen. Was macht man mit einem halben Film?
Mit welchem Budget sind Sie ausgekommen?
Das Budget liegt im fünfstelligen Bereich und kam privat zusammen. Ein Teil stammt von mir und ein Teil von grosszügigen Freunden. Ohne anerkannte Erfahrung als Filmemacher und bei der Besonderheit dieses Projektes sah ich die Chance auf öffentliche Förderung bei Null. Darum wollte ich keine Zeit mit Förderanträgen verschwenden, sondern diese lieber in die Produktion stecken. Zudem merkte ich, dass ich meine Unabhängigkeit nicht aufgeben wollte. Ich konnte meine eigenen Erfahrungen sammeln und daraus lernen. Mit einer Produktionsfirma und einer offiziellen Finanzierung hätte ich mehr Zeitdruck gehabt und auch gewisse Entscheidungskompetenz abgeben müssen. Abgesehen davon hatte ich zwar eine genaue Vision, aber ich hätte keine Argumente gehabt, um für sie zu kämpfen. Das bedeutet aber auch, dass die meisten Beteiligten, insgesamt waren wir zwischen 5 und 14 Personen, auf ein Honorar verzichtet haben, weil sie an das Projekt glauben. Ich bin ihnen unendlich dankbar und vertraue darauf, dass sich der Film für sie als günstige Gelegenheit herausstellt.
Was treibt Sie an, Filme unter diesen bescheidenen Bedingungen zu machen?
Definitiv Masochismus. Und die Vorfreude auf die Reaktionen der Zuschauer, sie mit der Besonderheit dieses Filmes zu überraschen. Und damit, dass so ein Film mit so wenigen Mitteln umgesetzt werden kann. Ich hoffe aber schon, für meinen nächsten Film mehr Ressourcen zur Verfügung zu haben. Vor allem, weil alle Beteiligten es verdienen, gebührend entlöhnt zu werden.
«Brennende Themen» ist ein episodischer Film. In einer Sequenz spielt Corinna Harfouch, immerhin eine Grösse des deutschen Films mit. Das könnte für ein nächstes Projekt auch hilfreich sein. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit ihr?
Ich habe Corinna an einem anderen Filmdreh kennengelernt, bei dem ich ihren Liebhaber – den erwähnten kubanischen Geheimagenten - gespielt habe. Wir sassen in einem Café, als ich ihr spontan den ersten Teil meines Filmes zeigte. Sie hat mich von selbst gefragt, ob es eine Rolle für sie gäbe. Ich fühlte mich sehr geehrt. Und mit einer Sache werde ich mein Leben lang prahlen: Als ich ihr den Text schickte und wir für eine Probe zusammensassen, schaute sie mich ernst an und meinte: «Also dieses Buch ist richtig gut». Ich hoffe, ihre Beteiligung hilft, die Neugier von Festivals sowie eines Verleihs und eines Filmverkaufsagenten zu wecken. Übrigens spielt auch Katharina Thalbach im Film mit.
Biografie
Alberto Ruano ist in St. Gallen aufgewachsen, wo er auch seine ersten Erfahrungen als Schauspieler gemacht hat. Seitdem hat er vor allem in Deutschland und Spanien Fuss gefasst und spielt sowohl in Filmen als auch in Serien. Beides habe seinen Reiz, erklärt er. Während man im Spielfilm («Kundschafter des Friedens 2» - Veröffentlichung im Januar 2025, «Cronofobia», «La piel del tambor») detailliert arbeite, um ein makelloses Endresultat zu erzielen, vergleicht er seine Erfahrung in verschiedenen Telenovelas («Gute Zeiten schlechte Zeiten», «Rote Rosen», «Warrior Nun», «The Queen's Gambit») mit einer rasanten Skifahrt: «Man geniesst die Geschwindigkeit, ohne auf jeden Baum zu achten, an dem du vorbeirast. Man versucht trotzdem, jede Kurve mit Eleganz zu nehmen und dabei nicht mit anderen Ski- oder Snowboardfahrern zu kollidieren.». Ruano spielt sowohl auf Deutsch, Spanisch als auch Englisch. Seine Filmografie als Darsteller reichert er mit eigenen Regiearbeiten an. «Brennende Themen» ist sein erster Langspielfilm, den er selbst geschrieben und realisiert hat. Als Nächstes kümmert er sich um den Schnitt, sucht gleichzeitig nach einem Festival für die Premiere und Fördergeldern, um die Postproduktion abzuschliessen.