Treffpunkt mit Hans Kaufmann
© Hans Kaufmann

Treffpunkt mit Hans Kaufmann

Teresa Vena 4. Juni 2026

Für Hans Kaufmann ist der Auftragsfilm nicht nur sicheres Einkommen, er vermittelt ihm auch wertvolles Fachwissen, das die Basis seiner freien künstlerischen Projekte bildet, wie bei seinem Debütfilm «Der Büezer» mit Joel Basman in der Hauptrolle.

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Sie haben an der ZHdK Film im Bachelor studiert. Wie präsent war das Thema Auftragsfilm bereits während der Ausbildung?

In meiner Studienzeit gab es kein Seminar, das speziell auf Auftragsfilm ausgerichtet war. Das Thema hat uns nicht so sehr beschäftigt. Die Ausrichtung der ZHdK war damals, vor über zehn Jahren, auf Spiel- und Dokumentarfilm fokussiert.

Ich habe schon vor dem Studium im Auftragsfilm gearbeitet, zunächst assistierte ich bei einem Fotografen. Weil ich sagte, dass ich gerne Filme machen wolle, hat er mich mit einer Werbefilmproduktionsfirma vernetzt. Dort habe ich herausgefunden, dass ich gut mit Werbung bin und auch selber filmen kann. Mit dieser Arbeit konnte ich mein Studium finanzieren. Viele aus meiner Klasse haben sich ganz auf das Studium konzentriert. Für mich war aber klar, dass ich Geld verdienen muss. Da ich mit 18 Jahren anfing zu studieren und keine andere Ausbildung hatte, war meine einzige Fähigkeit letztlich, kreative Dienstleistungen im Filmbereich anzubieten.

Was haben Sie sich vom Studium erhofft oder hat Ihnen daran gefallen, wenn Sie schon mitten in der Praxis waren?

Es war toll, andere Personen kennenzulernen, mit denen man gemeinsam an freien Projekten arbeiten konnte. Zudem konnte man auf Ausrüstung zurückgreifen, die man sich selbst nicht hätte leisten können.

Konnten Sie sich nach dem Studium eine stabile Kundenbasis aufbauen?

Ja. Vor allem 2013 und 2014 habe ich viel Werbung gemacht, über Produktionsfirmen, aber auch direkt für Kunden. Ich lebe bis heute von Auftragsarbeit. Aber der Kundenstamm ist nicht stabil im klassischen Sinn. Für zwei Firmen, mit denen ich seit dieser Zeit direkt zusammenarbeite, gestalte ich den öffentlichen Auftritt. Darüber hinaus habe ich in der Modewelt weitere verschiedene Kunden, für die ich international Kampagnen umsetzen kann, die dann vor allem für Online entstehen. Vieles hat sich auf dem Markt verändert. Werbung ist extrem schnelllebig. Personalwechsel bei Agenturen führen oft zu neuen Teams und die Ansprechpersonen ändern sich. Zudem basiert vieles auf Präsentationen und Bewerbungen, es ist ein permanenter Wettbewerb.

Welche Veränderungen haben Sie in den letzten Jahren im Auftragsfilmgeschäft festgestellt?

In den letzten fünf Jahren habe ich mehr Projekte selbst übernommen, von der Konzeption bis zur Produktion, weil es einfacher ist und so bleibt mehr Wertschöpfung bei mir. Kunden mit kleineren oder mittleren Budgets schätzen die schlankeren Strukturen. Das Werbegeschäft hat sich stark verändert. Der Kostendruck ist stark gestiegen. Früher war klar, dass Fernsehwerbung ein guter Kanal sei. Heute ist vieles online. «Influencer» sind zu neuen Multiplikatoren geworden. Ein grosser Teil der Werbebudgets fliesst heute an Plattformen wie Meta oder Google statt in die Produktion. Das sind die grossen Profiteure. Der Schweizer Markt ist dadurch benachteiligt. Und jetzt kommt künstliche Intelligenz dazu, die die Branche weiter verändert. Niemand weiss genau, wohin das führt, aber es passiert bereits. Zudem bauen viele Unternehmen interne Agenturen und eigene Produktionsstrukturen mit eigenen Fotografen oder Videografen auf, um mehr Wertschöpfung intern zu behalten.

Sie arbeiten von Zürich aus. Welche Vorteile sehen Sie in diesem Standort?

Ich habe in der Stadt mein Netzwerk. Wenn man die Stadt wechselt, beginnt man oft wieder von vorne. Zudem denke und schreibe ich auf Schweizerdeutsch. Das gilt für alle meine Projekte. Meine Spielfilmstoffe sind hier kulturell verankert. International zu arbeiten interessiert mich, aber auch dort ist der Wettbewerb härter geworden.

Wie kommen Sie an Ihre Aufträge?

Bei grossen Kampagnen verläuft der klassische Weg so: Ein Kunde beauftragt eine Agentur. Die Agentur entwickelt ein Konzept und schickt es an Produktionsfirmen. Diese schlagen Regisseure vor, die ihnen ihre Ideen vorstellen. Am Ende entscheiden Kunde und Agentur, wer den Auftrag bekommt. Bei grossen Projekten werde ich über Produktionsfirmen angefragt und arbeite als Regisseur. Bei kleineren und mittleren Projekten läuft viel über mein persönliches Netzwerk und meine bisherigen Arbeiten fungieren als Referenzen. Kontinuierliche Sichtbarkeit ist entscheidend. Mittlerweile habe ich ein umfangreiches Portfolio, das mich auszeichnet. Die Kunden erkennen darin meine Handschrift und entscheiden sich deswegen für mich.

Wie würden Sie Ihre Handschrift beschreiben?

Im Spielfilm stehe ich für authentisches Kino. Ich interessiere mich für Milieus, Geschichten und Figuren, die ich genau beobachte. Ich recherchiere viel, fotografiere Schauplätze, mache Testaufnahmen, besetze sorgfältig. Es ist ein collageartiger Prozess. Beim Auftragsfilm habe ich die gleiche Herangehensweise. Wenn ich etwa einen Film über ein Unternehmen mache, gehe ich zuerst hin, beobachte, spreche mit den Menschen und entwickle daraus eine Bildsprache. Meine Arbeitsweise besteht zudem darin, alles selbst zu machen. Ich filme und schneide selbst. Der Schnitt ist für mich zentral, egal ob im Spielfilm oder Werbefilm, der Schnitt definiert das Endresultat. Ich schneide meine Filme selbst, dort entsteht die eigentliche Handschrift. Je mehr man über den Schnitt versteht, desto effizienter kann man auch drehen.

Sie haben einen ersten Langspielfilm mit «Der Büezer» gemacht und schreiben an verschiedenen Drehbüchern für weitere Spielfilme. Wie lassen sich die beiden Bereiche, der Auftragsfilm und die eigenen freien Projekte, verbinden?

Ich sehe mich nicht primär als Werberegisseur. Ich habe mich bewusst etwas von der klassischen Agenturwelt gelöst und arbeite vor allem an Projekten, die zu mir passen, oft, wie gesagt, direkt mit Kunden. Ich mache Auftragsarbeit, um davon zu leben und meine eigenen Projekte voranzutreiben. Der Auftragsfilm bildet meine wirtschaftliche Grundlage, aber ist nicht mein alleiniger Fokus. Es ist allerdings durch das Schrumpfen der Budgets immer schwieriger geworden, davon künstlerische Arbeiten zu subventionieren. Im Moment arbeite ich an verschiedenen eigenen Stoffen gleichzeitig, und bereite gerade ein «True Crime»-Projekt vor.

Worin liegen für Sie die grössten Unterschiede der beiden Arbeitsweisen?

Im Auftragsfilm muss man herausfinden, was der Kunde will, was die Agentur will. Man muss lernen, wie man sich in diesem System verhält. Das ist sehr anders als beim Spielfilm. In der Werbung hat man ab Tag eins ein Projekt und ein Budget. Jemand kommt mit einer Idee, und man weiss, was zu tun ist. Beim Spielfilm muss man erst etwas entwickeln, durch die Entwicklungsstufe gehen und dann weiter Geld beantragen. Erst wenn man den Herstellungsbeitrag bekommt, existiert das Projekt wirklich. Wenn nicht, sterben die Projekte.

Welche Fähigkeiten haben Sie sich aus der Arbeit im Auftragsfilm für Ihre eigenen Projekte angeeignet?

Der Zeitfaktor ist ein entscheidendes Element. Im freien Bereich entstehen viel längere Zwischen- und Wartezeiten. Man blockiert Zeit, um an einem Projekt arbeiten zu können. Klappt es mit der Finanzierung nicht, ist man dann ab dem Moment faktisch arbeitslos. Diese Unsicherheit ist im freien Bereich gross. Der Auftragsfilm hingegen verlangt klare Fristen und Professionalität. Werbung ist eine extrem gute Schule. Man durchläuft den gleichen Prozess wie bei einem Spielfilm, aber in viel kürzerer Zeit, innerhalb von zwei bis drei Monaten. Auf diese Weise bekommt man viel Übung. Das hat mir sehr geholfen, mich zu entwickeln. Man kann nicht warten, bis «die Inspiration kommt». Man muss liefern. Ich habe gelernt, effizient zu sein, beim Drehen sowie im Schneideraum.

Die ZHdK bietet mit dem Studiengang «Cast» eine Ausbildung als «Audiovisual Storyteller», die es Studierenden ermöglicht, mit digitalen Formaten zu experimentieren, um verschiedene Zielgruppen und Plattformen zu erreichen.

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«Ein Tag im Sonnendorf», Hans Kaufmann, Vogue Germany © Hans Kaufmann
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