Der in Pontarlier geborene Jura-Liebhaber ist seit über fünfzig Jahren als «Locationscout» tätig. An den Solothurner Filmtagen spricht er über seine Erfahrung im Rahmen einer Podiumsdiskussion zur Bedeutung von Drehorten.
Die Welt des Films entdeckte Pierre Jouille im Filmclub Jacques Becker von Pontarlier, im französischen Jura. «Dort begegnete ich Filmschaffenden, und es faszinierte mich, wie sie Geschichten in Bilder umwandeln», erklärt er. Diese Faszination, gepaart mit seiner umfassenden Kenntnis der Region, führte dazu, dass er sich 1972 erstmals als «Locationscout» für «Les Granges brûlées» von Jean Chapot betätigte. Für den Spielfilm mit Simone Signoret und Alain Delon wurde ein verschneiter Bauernhof als Hauptkulisse gesucht. Jouille erinnert sich: «Dank meiner Kontakte konnte ich einen Hof auf einer hochgelegenen Alm im Jura anbieten, der im Winter leer stand und die Anforderungen des Regisseurs bestens erfüllte». Dieser Erfolg legte den Grundstein für seine Karriere und machte ihn zur ersten Adresse für Filmdrehs in seiner Region.
«Der Locationscout verwandelt Vorstellung in visuelle Realität», erklärt Jouille. Seine Rolle beginnt mit dem Lesen des Drehbuchs, um die Bedürfnisse zu bestimmen. Danach gilt es, Orte zu finden, welche die Ideen verkörpern und logistisch praktikabel sind. «Man muss praktische und ästhetische Anforderungen in Einklang bringen. Ein Ort kann wunderschön sein, doch das nützt nichts, wenn er für das Filmteam nicht zugänglich ist», so Jouille. Gemäss dem «Drehortsucher» braucht es für seinen Beruf eine Kombination aus Intuition, Anpassungsfähigkeit und technischem Wissen. «Für ‹Place Vendôme› wollte die Regisseurin Nicole Garcia eine verschneite Strasse, und das im März, wenn der Schnee oft schon geschmolzen ist. Da ich das lokale Mikroklima gut kenne, fand ich im Jura einen entsprechenden Ort», erinnert er sich.
“Die richtige Kulisse zu finden, ist wie ein Rätsel zu lösen” Pierre Jouille
Ein Leben im Zeichen des Juras
Jouille wurde in Pontarlier geboren und wuchs in einer Umgebung auf, die ihn nachhaltig prägte. «Als Kind tat ich nichts lieber, als die Berge um mich herum zu erkunden. Mit zwölf Jahren stieg ich auf den Larmont und sah zum ersten Mal die Alpen. Das war ein unvergesslicher Moment», erzählt er. Auch heute noch fühlt er sich seiner Region tief verbunden. «Der Jura ist eine einzigartige Gegend. Man findet dort eine unglaubliche Vielfalt an Landschaften: dichte Wälder, verschneite Hochplateaus, schroffe Täler. Wir haben im Jura sogar Filme gedreht, die in Kanada oder in Sibirien spielten. Niemand hat den Unterschied bemerkt», so Jouille voller Stolz. Doch der Klimawandel erschwert seine Arbeit. Schnee, ein Schlüsselelement vieler Filme, wird immer schwieriger zu finden. Deshalb muss man vorausschauender arbeiten, schneller reagieren und «sich an neue Einschränkungen gewöhnen».
Technologischer Fortschritt
Der Beruf des «Locationscouts» hat sich stark gewandelt. «Anfangs arbeitete ich noch mit analogen Fotos, die ich per Post verschickte. Heute läuft alles digital: Datenbanken, Mails, GPS», erklärt er. Dieser Fortschritt macht einiges einfacher, ersetzt jedoch nicht die Arbeit vor Ort. «Einen Drehort findet man nicht auf Google Maps! Man muss zu Fuss gehen, die Atmosphäre spüren, das Lichtspiel zu unterschiedlichen Tageszeiten beobachten», betont er. Das Aufkommen von «Greenscreens» und Studiodrehs ist eine weitere Entwicklung, die zwar Kosten spart, doch für Jouille einen Teil des Zaubers wegnimmt. «Ein realer Drehort bringt Tiefe und Struktur, die virtuell nicht nachgeahmt werden können», bekräftigt er.
Mit achtzig Jahren widmet sich Jouille der Weitergabe seines Wissens. «Kürzlich bildete ich eine junge ‹Locationscout› aus. Sie hat grosses Potenzial, doch wie viele junge Leute ist sie zu sehr von digitalen Werkzeugen abhängig. Ich bringe ihr bei, der Landschaft und den zwischenmenschlichen Kontakten mehr Bedeutung beizumessen», erklärt er.
Trotz seiner beeindruckenden Karriere bleibt Jouille bescheiden. «Dieser Beruf hat mich das Zweifeln gelehrt, denn Zweifel spornen mich an, weiterzusuchen und noch kreativer zu sein». Sein wichtigstes Werkzeug ist sein Gedächtnis für Orte. Er erinnert sich noch Jahrzehnte später an jeden Ort, den er besucht hat, und weiss instinktiv, welcher die Bedürfnisse eines Films am besten erfüllt.
Jouille verkörpert eine lebendige Erinnerung des Films. Im Verborgenen trug er zur Realisierung von über 150 Filmen bei, darunter einige unvergessliche Werke. «Jedes Drehbuch ist ein Abenteuer. Die richtige Kulisse zu finden, ist wie ein Rätsel zu lösen. Und jedes Mal kommt es mir so vor, als würde ich meinen Beruf neu entdecken», schliesst er.
An den Solothurner Filmtagen tritt er für einmal an die Öffentlichkeit und teilt im Rahmen einer Podiumsdiskussion seine einzigartige Sicht auf die Kunst der Drehortfindung und seine unerschütterliche Liebe zum Jura, der ihn auch heute noch auf seiner Suche nach der perfekten Kulisse inspiriert.