Bricht eine neue audiovisuelle Ära an?
Nadine Adler Spiegel und Laurent Steiert, Co-Leitung der Sektion Film im Bundesamt für Kultur. © OFC / Susanne Goldschmid

Bricht eine neue audiovisuelle Ära an?

Adrien Kuenzy 24. Januar 2025

Kurz vor der offiziellen Präsentation an den Solothurner Filmtagen hat uns Nadine Adler Spiegel, Co-Leiterin der Sektion Film des Bundesamtes für Kultur, die Stossrichtungen für die künftige Filmförderung des Bundes erläutert. Die wichtigsten Schwerpunkte sind Auswertung, neue Formate und Massnahmen für ökologische Nachhaltigkeit.

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An den Solothurner Filmtagen 2025 präsentierte das Bundesamt für Kultur (BAK) Vorschläge für Massnahmen im Rahmen seiner audiovisuellen Strategie 2026–2028. Diese wird als nächstes in eine Branchenkonsultation gehen. Die Vorschläge, die aus der Studie «Die Schweizer Filmförderung im Wandel» hervorgegangen sind und in den letzten Monaten Gegenstand eines intensiven Dialogs mit den Akteuren und Akteurinnen der Branche waren, zielen darauf ab, den Schweizer Film in einer sich verändernden audiovisuellen Landschaft neu zu positionieren.

Einige Tage vor ihrer offiziellen Präsentation hat uns Nadine Adler Spiegel, Co-Leiterin der Sektion Film des BAK, die Grundzüge dieser Veränderungen erläutert: «Diese Anpassungen beschränken sich nicht darauf, Antworten auf einen schwierigen Kontext zu liefen, sondern sie zeigen auch Perspektiven für die Zukunft auf». Sie unterstrich zudem, dass zur Vorbereitung der Vorschläge ein Austausch mit der Branche stattfand: «Der Prozess war dank eines partizipativen Dialogs fruchtbar und angenehm. Aber natürlich war er nicht nur einfach. Bei so vielen verschiedenen Stimmen und Interessen, die es zu berücksichtigen gilt, bleibt die Schwierigkeit, eine sinnvolle Lösung zu finden, die möglichst viele Menschen zufrieden stellt».

Priorität auf Sichtbarkeit und Auswertung

Eine der Herausforderungen betrifft den Zugang der unterschiedlichen Publikumsgruppen zu Schweizer Filmen, der seit langem als Schwäche bezeichnet wird. Um dies zu ändern, hat das BAK bereits beschlossen, den Auftrag von Swiss Films um die Filmpromotion im Inland auszuweiten. «Es reicht nicht aus, gute Filme zu produzieren, sie müssen auch gesehen werden», betont Adler Spiegel. Swiss Films, bisher auf das internationale Geschäft fokussiert, wird ab diesem Jahr unter anderem nationale Marketingkampagnen begleiten, um das Publikum für Schweizer Filmproduktionen zu sensibilisieren. Diese Aufgabe wird von einem beratenden Gremium («Sounding Board») begleitet, das aus Vertretern und Vertreterinnen der Branche besteht und die Massnahmen und deren Wirkung überwachen soll.

Parallel dazu schlägt das BAK vor, die Förderkriterien zu überarbeiten. Jedes Projekt soll bereits in der Entwicklungsphase eine Auswertungsstrategie beinhalten. «Die Produzenten und Produzentinnen sollten in der Lage sein, eine einfache Frage zu beantworten: Für wen ist dieser Film gedacht? Ob Festivals, Kinos oder Streaming –diese Ausrichtung ist entscheidend», erklärt sie.

«Wenn man davon ausgeht, dass nicht jeder Film im Kino laufen muss, dann sind auch neue Modalitäten für die Verteilung der Erfolgspunkte zu definieren», fährt Adler Spiegel fort. «Erfolge auf Festivals würden künftig genauso gezählt wie Erfolge im Kino. Das bedeutet, dass Filme aufgrund ihrer Anerkennung auf Festivals auch ohne eine systematische Auswertung in den Kinos Succès-Gelder erhalten könnten». Und wie sieht es mit Streaming-Erfolgen aus? Bisher sind die Daten, die nötig sind, um sie in dieses Modell einzubeziehen, noch nicht verfügbar, und daher ist das Thema nicht aktuell, bleibt aber auf dem Radar des BAK.

Bessere Unterstützung für Filme für Kinder und Familien

Unter den neuen Schwerpunkten für die Förderkriterien möchte das BAK unter anderem Kinder- und Familienfilmen besondere Aufmerksamkeit schenken. «Kein anderes Genre hat ein entsprechendes Bewusstsein für sein Zielpublikum. Stoffe für Kinder sollen helfen, das Publikum von morgen zu begeistern», erklärt Adler Spiegel. Die Initiative beruht auf einer Feststellung, die die Branche selbst während der Diskussionen am letzten Locarno-Filmfestival formuliert hat.

Konkret hätten diese Filme als solche eine bevorzugte Stellung. «Wenn eine Kommission zwei Projekte von gleicher Qualität vorliegen hat, von denen eines ein Familienfilm ist, kann sie den Familienfilm bevorzugen», erläutert sie. Ziel ist es, die Auswahl besser zu strukturieren und gleichzeitig sicherzustellen, dass die geförderten Projekte über ein Zuschauerpotenzial verfügen. «Das bedeutet nicht, dass wir nur Filme für ein breites Publikum bevorzugen werden: Sowohl Nischenfilme als auch Filme für ein breiteres Publikum haben alle ihre Daseinsberechtigung».

Neue Formate und Nachhaltigkeit

Um sich an die Entwicklungen im audiovisuellen Bereich anzupassen, soll das BAK als nächstes seine Förderung auf neue Formate ausweiten. Dokumentarfilmserien sollen für FiSS-Anträge (Filmstandortförderung) und selektive Förderung ebenfalls in Frage kommen. Fiktionale Serien hingegen würden weiterhin nur von der Investitionspflicht für Streaming-Plattformen profitieren können. «Wir müssen realistische Entscheidungen treffen. Mit einem begrenzten finanziellen Rahmen konzentrieren wir unsere Förderung auf Elemente, die eine Wirkung erzielen können», so Adler Spiegel.

Die derzeitige Förderung für «Transmedia-Projekte» soll umgewandelt werden, um innovative Ideen für etwa XR (Extended Reality) oder KI-Projekte in der Entwicklungsphase zu stärken, «Film ist nicht mehr auf das Kino beschränkt. Auch die neuen audiovisuellen Formate verdienen eine Beachtung».

Darüber hinaus gehört auch das Thema Nachhaltigkeit zu den Prioritäten. Ab 2026 müssen Produktionen, die bestimmte Schwellenwerte überschreiten (Budgets von 2 Millionen Franken für Spielfilme, 800’000 Franken für Dokumentarfilme), einen «Green-Consultant» (Berater für Umschutzfragen und nachhaltiger Produktion) verpflichten und ihren CO2-Rechner einsetzen. Im Sinne einer Transparenz muss der Einsatz von künstlicher Intelligenz in kreativen Prozessen bereits in der Entwicklungsphase deklariert werden.

Nachwuchsförderung und Strukturierung von Entscheidungen

Nachwuchsregisseure und -regisseurinnen sind bei der Vergabe von Fördergeldern bereits gut vertreten. Um junge Talente aber noch stärker zu unterstützen, soll in Zusammenarbeit mit Focal ein Begleitcoaching für junge Produktionsfirmen eingeführt werden. Die Gespräche mit Focal haben gerade erst begonnen. «Es geht darum, dem Nachwuchs nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, die ihnen helfen, ihren Karrierestart zu strukturieren», sagt Adler Spiegel.

Die Reformen sehen auch eine Neugestaltung der Fachkommissionen vor. Sie sollen sowohl aus festen als auch aus wechselnden Mitgliedern bestehen, um sowohl Kontinuität als auch eine Vielfalt an Standpunkten zu gewährleisten. Ein Experte oder eine Expertin im Bereich der Auswertung soll systematisch integriert werden, um den Auswertungsstrategien besser Rechnung zu tragen. Darüber hinaus sollen strengere Regeln eingeführt werden, um das Antragsvolumen zu reduzieren und eine gründlichere Vorbereitung der Projekte zu gewährleisten. So soll es beispielsweise nicht mehr möglich sein, ein Gesuch im Bereich der Projektentwicklung mehrmals einzureichen. Bei der Produktion soll eine zweite Einreichung möglich bleiben, wenn die Meinungen innerhalb des Ausschusses weit auseinandergehen. Diese Massnahme soll die Anzahl der eingereichten Anträge korrigieren und die Projektträger und Projektträgerinnen dazu ermutigen, nur wirklich prüfungsreife Anträge einzureichen, so Adler Spiegel.

Den Erwartungen gerecht werden

Es bleibt abzuwarten, ob diese Reformen die hohen Erwartungen der Branche erfüllen werden. Ihre Umsetzung wirft Fragen auf, insbesondere hinsichtlich der finanziellen Ressourcen, die zur Erreichung der gesteckten Ziele erforderlich sind. «Wir haben mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln das Maximum herausgeholt», räumt Adler Spiegel ein.

Zu den mittelfristigen Massnahmen gehört es im Übrigen, eine bessere Koordinierung der finanziellen Mittel unter den verschiedenen Filmförderinstanzen in der Schweiz zu erzielen, und insbesondere die Standortförderung (FiSS und Film Commissions) zu stärken. Diesbezüglich laufen derzeit Gespräche, unter anderem mit dem SECO.

Schliesslich wird der Erfolg dieser Massnahmen zu einem grossen Teil auch davon abhängen, ob sie von den Fachleuten des Sektorsangenommen werden und ob sie in der Lage sind, auf die Herausforderungen einer sich ständig verändernden audiovisuellen Landschaft zu reagieren. Wenn sie angenommen werden, müssen diese Reformen in den kommenden Jahren auf jeden Fall ihre Wirksamkeit unter Beweis stellen.

Erste Reaktionen

Die Reaktionen der Branchenmitglieder auf die Präsentation des BAK während der Solothurner Filmtage ist verhältnismässig schmal ausgefallen. Viele haben danach, während des traditionellen Apéros über die einen oder anderen Aspekte der angekündigten Stossrichtungen in Einzelgruppen diskutiert.

Den einen fehlten in der Vision des Leitungsduos Massnahmen zur Filmvermittlung bei einem jungen Publikum, andere machten sich Sorgen, um die, seit jeher diskutierte, strukturelle Förderung der Kinosäle und wieder andere begrüssten die Erkenntnis, dass die Standortförderung an Bedeutung gewinnen soll.

Gerade der letzte Aspekt warf aber mehr Fragen auf, als sie während der offiziellen Präsentation geklärt wurden. Wird die Entwicklung von konkreten Fördergefässen den Kantonen im Austausch mit dem Wirtschaftsdepartement SECO überlassen? Wird das FiSS-Programm ausgebaut werden (können)? Welche Rolle fällt dem BAK genau zu? Bisher verpflichtete es sich, zum Thema Sensibilisierungsarbeit leisten zu wollen.

Mit einer gewissen Skepsis wurde die Tatsache zur Kenntnis genommen, dass fortan Zweiteinreichungen von Gesuchen nicht mehr möglich sein werden. Könnte diese Entscheidung Nachwuchsprojekten zum Nachteil werden? Eine erfahrene Produktionsfirma könne das verhindern, war die eine Stimme. Doch auch dort könne es sich um Nachwuchs handeln. Man werde die ersten Erfahrungen abwarten müssen. Das Streichen der Zweiteinreichung soll in erster Linie dazu dienen, der steigenden Anzahl von eingereichten Gesuchen mittelfristig Herr zu werden.

Bevor in Locarno die endgültigen Richtlinien für die Förderkonzepte 2026-2028 präsentiert werden, konsultiert die Filmsektion des BAK die Branche noch einmal.

Von Teresa Vena

Nächste Schritte

  • Frühling 2025: Konsultation Mitglieder der Branche und der Verwaltung
  • Sommer 2025: Validierung der allgemeinen Ausrichtung der Filmförderungskonzepte
  • Januar 2026: Inkrafttreten der neuen Förderkonzepte 2026-2028

Swiss Films und die Inlandpromotion

Im Rahmen einer Präsentation an den Solothurner Filmtagen stellte Swiss Films der Schweizer Filmbranche sein neues Mandat für den Zeitraum 2025-2028 vor, das einen Wandel in der Mission der Institution markiert. Während sich die Stiftung bisher auf die internationale Promotion von Schweizer Filmen konzentrierte, wird nun ein Pilotprojekt ins Leben gerufen, das sich auf die nationale Sichtbarkeit konzentriert und mit einem Budget von 0,7 Millionen Franken ausgestattet ist. Nadja Scherrer, die neue Projektleiterin für die Inlandsförderung, führte die Initiative ein: «Ich habe sowohl auf dem Schweizer als auch auf dem Weltmarkt gearbeitet und freue mich, mit allen Akteuren und Akteurinnen der Branche zusammenzuarbeiten. Für mich ist es sehr wichtig, Ihre Projekte sichtbar zu machen, den kritischen Dialog zu fördern und die kulturelle Vielfalt zu schätzen. Mein Ziel ist es, die nationale Förderung in all ihren Formen zu stärken». Das Projekt wird auf einer erweiterten Zusammenarbeit mit zusätzlichen Partnern aus Unternehmen und Stiftungen beruhen. Scherrer sagte: «Wir wollen 'Campaign Booster' einsetzen, um die Sichtbarkeit von Filmen zu erhöhen. Der Schlüssel dazu ist eine gute Zusammenarbeit».

Zu den Auswahlkriterien für die ausgewählten Projekte gehört, dass Swiss Films Filme mit hohem Publikumspotenzial fördern, aber auch Nischenproduktionen in verschiedenen Gebieten unterstützen möchte. Der vorläufige Zeitplan sieht die Projektentwicklung im ersten Quartal 2025 vor, gefolgt von der Planung des Boosters im zweiten Quartal, dem Start der ersten Aktivitäten im dritten Quartal und deren Ausweitung im vierten Quartal.

Von einer Person aus dem Publikum auf die Risiken einer Bevorzugung bestimmter Filmtypen auf Kosten der Vielfalt angesprochen, räumte Swiss Films ein, dass «die grosse Masse an Produktionen in der Schweiz nicht vollständig gefördert werden kann. Unsere Aufgabe ist es, strategische Entscheidungen zu treffen und auf der Grundlage solider Projekte einen Marketingerfolg aufzubauen». Die Identifizierung zukünftiger Partner ist ebenfalls eine Priorität für die Institution, wie Nicola Ruffo, Direktor von Swiss Films, betonte: «Wir müssen noch potenzielle Partner kartografieren und die Modalitäten der Zusammenarbeit festlegen».

Von Adrien Kuenzy

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