Boris Lojkine und Souleymanes Geschichte
Unser Gespräch mit dem Regisseur von «L'histoire de Souleymane» über die Verantwortung für die Geschichte eines anderen. Der Film wird in der Schweiz über Trigon-Film vertrieben.
Tania Stöcklin 29. Oktober 2024
Einzigartige Künstlerfigur zwischen den filmischen Gattungen.
«Ich wünsche mir für das eigene Schaffen eine möglichst radikale Offenheit, vor allem aber die Energie, nie den Mut zu verlieren zur Hinterfragung der eigenen Position» (Peter Liechti 1951-2014).
Wenn ich mich zurückversetze in den Schneideraum mit Peter, befinde ich mich sinnbildlich in einer Hochleistungsmaschine, in der intellektuelle Analyse und empirisches Experiment in schnellem Wechsel interagieren. Mir scheint, der ständige Prozess von Inspiration und Kreation bildete den Nährboden für Liechtis Existenz.
Als wir uns an der Universität Zürich kennenlernten - beide machten wir noch keine Filme - zeigte mir Peter, wie er sich eben gründlich von der Malerei verabschiedet hatte: Mehrmals hatte er das gleiche Landschaftsbild gemalt, immer das Gleiche, doch jedes Mal kleiner. Als es nicht mehr kleiner ging, war Schluss mit malen, definitiv.
Vier von Peter Liechtis zahlreichen Filmen habe ich montiert. So subjektiv und persönlich diese sein mögen, spannen sie den Bogen zu gesellschaftlicher Relevanz ohne je ins Private zu kippen. «The Sound of Insects» ist vielleicht sein formal radikalstes Werk. Es basiert auf der von einer wahren Begebenheit inspirierten Novelle «Miira ni narumade» von Shimada Masahiko. Jolanda Gsponer, Musikfachfrau und Liechtis Partnerin, hatte ihn auf den Text aufmerksam gemacht. «Was mich fasziniert an dieser Novelle, ist die verstörende Sachlichkeit, mit der hier von einer traurigen und auch fürchterlichen Begebenheit berichtet wird. Leben und Tod sind in der Wertigkeit schlicht gleichgesetzt, wie im Protokoll eines wissenschaftlichen Selbstversuchs», sagte Liechti damals. Durch den Film führt das im Off gesprochene Tagebuch eines anonymen Mannes, der sich in den Wald begibt, um durch Verhungern zu sterben – der Grund für den Suizid bleibt unerklärt.
Wie bei vielen seiner Filme hat sich Liechti auch bei diesem Strapazen ausgesetzt: Tagelanges Verharren im moorigen Wald, bei Hitze, Nässe und Kälte und langweilig wurde es obendrein, denn «es passiert ja nichts im Wald». Ebenso später, auf den Schnittmonitoren passierte wenig, so dass uns, wenn der Wind die Tannenzweige auf den Aufnahmen wiegte, ein begeistertes «Action!» entfuhr. Durchsetzt mit assoziativem Material aus Liechtis persönlichem Archiv und Bildern aus einer namenlosen Stadt enthält der Film seine spezifische persönliche und niemals sentimentale Handschrift.
«The Sound of Insects» ist ein Werk, das sich nicht einordnen lässt und das Liechti auch nicht eingeordnet haben wollte. Es erhielt zwar den Europäischen Filmpreis (2009) für den besten Dokumentarfilm, doch der Protagonist ist eine fiktive Figur. Diese fiktive Figur wiederum ist kein einziges Mal zu sehen. Lediglich ihre Texte werden gesprochen, die Kamera fängt eine mögliche Interpretation dessen ein, was sie mit ihrem äusseren und inneren Auge sieht. So flirrt der Film ständig auf dem Grat zwischen dokumentarisch, fiktiv und essayistisch und fordert die Imagination des Publikums heraus.
Über einen Freund zu schreiben, der vor zehn Jahren verstorben ist, ist ein wenig wie einander wiederzutreffen. Für den Austausch mit ihm hat Peter Liechti uns sein reiches Werk hinterlassen.