Seine Weltpremiere feierte «L'histoire de Souleymane» am letztjährigen Festival in Cannes. Dort gewann er den Preis der Jury in der Rubrik «Un certain regard» und den Preis für den besten Hauptdarsteller. Von aussen unauffällig und mit einer unprätentiösen Form entwickelt der Film eine einnehmende Stärke, die nicht zuletzt an der Darstellung des Protagonisten durch Abou Sangaré hängt. Sangaré hat auch den Europäischen Filmpreis für den besten männlichen Schauspieler gewonnen.
Mit «L'histoire de Souleymane» schreiben und interessieren sich weiter für Geschichten über Migration, Asyl und auch über soziale Verantwortung. Was ist der Antrieb, der Sie dazu bringt, diese Art von Geschichten zu erzählen?
Die Wahrheit ist, ich weiss es nicht. Das ist die ehrlichste Antwort, die ich geben könnte. Ich weiss, was mich daran interessiert, aber warum interessiert es mich? Ich weiss, wie ich durch meinen ersten Film «Hope» angefangen habe, mich für Migration zu interessieren. Ich hatte weniger das Gefühl, dass mich die politische Dimension des Themas dazu veranlasst hatte, als vielmehr die Faszination, die ich für das Reisen empfand, für die Reisen der Migranten nach Europa, die meiner Meinung nach eine epische Dimension haben. Und das verbindet sich mit meinem Wunsch, ein Kino zu machen, das ich ebenfalls als episch bezeichnen würde. Ein Kino, das von Dingen erzählt, die grösser sind als der Einzelne, und das gleichzeitig ein Kino der Realität ist, das sehr stark in der Realität verwurzelt ist. Auch wenn es in meinen Filmen eine sehr politische Dimension gibt, bin ich mir nicht sicher, ob ich mich selbst als politischen Filmemacher sehe. Aber sobald ich anfange, mich für eine Geschichte zu interessieren, werde ich mich in den Dienst dieser Geschichte stellen und jemandem eine Stimme geben.
Wie ist «L'histoire de Souleymane» entstanden?
Ich wollte die Geschichte eines Migranten nach seiner Ankunft in Europa erzählen. Dann gab es einen ganz bestimmten Moment, der mich inspiriert hat. Während der Corona-Pandemie und der Ausgangssperren, waren die Strassen von Paris plötzlich leer. Man sah nur noch die Lieferanten. Und alle diese Lieferanten waren Afrikaner und fast alle hatten keine Papiere.
Ist Abou Sangaré, der die Rolle des Souleymane spielt, einer von ihnen?
Ja, wir haben ihn nach einem langen Prozess des Vorsprechens für nicht-professionelle Schauspieler gefunden. Wir haben über zwei Monate lang etwa 200 Personen auf den Strassen von Paris und anderen Städten getroffen. Sangaré haben wir über einen Verein kennengelernt, der von jungen Guineern besucht wird.
Wenn jemand in Frankreich keine Papiere hat, darf er dann in Filmen mitspielen und Geld verdienen?
Nein. Die Produktion hat mir gesagt, dass wir Leute mit Papieren einstellen würden, und den französischen Gesetzen entsprechen. Aber 80 Prozent der Leute, die wir trafen, hatten keine Papiere und Sangaré auch nicht. Daher war es für mich sowohl künstlerisch als auch moralisch und politisch konsequent, diesen Film mit Menschen ohne Papiere zu machen. Und so folgten wir dem Beispiel verschiedener staatlich finanzierter Theater, die Aufführungen mit papierlosen Migranten machen und dies ihren Aufsichtsbehörden melden. Wie sie, und das ist möglich sobald die Personen eine Sozialversicherungsnummer haben, meldeten wir also unsere Darsteller an und bezahlten sie zu den normalen Industrietarifen.
Wie hat sich das Drehbuch nach der Ankunft von Sangaré verändert?
Wenn man mit nichtprofessionellen Schauspielern arbeitet, ist das Drehbuch eine Grundlage, die sich weiterentwickeln wird, sobald man die Leute gefunden hat, die die Rollen spielen werden. Das Geschriebene ist keineswegs dazu gedacht, von den Darstellern auswendig gelernt zu werden, sondern es ist die Basis, von der aus man arbeiten wird. Nachdem die Darsteller gefunden waren, begann ein grosser, mehrmonatiger Probenprozess, in dem die Szenen ausgearbeitet wurden. Es war wichtig, dass die Schauspieler ihre eigene Art des Ausdrucks finden konnten. Ausserdem waren sie es, die beurteilen mussten, ob die Szenen funktionieren würden. Ein Beispiel ist eine Szene, in der Guineer und Ivorer miteinander interagieren. Sie mussten mir sagen, was richtig wäre, und wir haben es dann gemeinsam angepasst. Da ich dann deutlich Dinge aus Sangarés Biografie übernommen habe, hat er das Drehbuch entscheidend beeinflusst.
Wie vermeidet man die Ausbeutung einer persönlichen Geschichte?
Es gibt die Frage der Richtigkeit und es gibt die Frage der Ausbeutung. Die Frage der Richtigkeit ist, inwieweit der Film in der Lage ist, diese Geschichte auf eine Weise zu erzählen, die den Menschen, die diese Geschichte erleben, gerecht wird. Kann ich, der ich ein weisser Filmemacher bin, diese Geschichte erzählen, obwohl sie mir sehr fremd ist, ich sie nicht erlebt habe, ich weder Afrikaner noch Lieferjunge bin? Es gibt eine Reihe von Richtlinien, die man beachten sollte. Die erste besteht darin, sich sehr viel zu informieren. Das heisst, viele Menschen zu treffen, ihnen zuzuhören, so viel wie möglich von ihrem Leben zu verstehen. Die zweite Richtlinie besteht darin, nicht-professionelle Darsteller zu nehmen. In unserem Fall ist es, Menschen mit einem Leben zu haben, das in mancher Hinsicht das der Figuren nahesteht, das gilt für die Lieferanten, für den Asylberater und die Sicherheitsleute. Und dann ist der dritte Punkt die Art und Weise, wie man mit ihnen arbeitet. Das heisst, mit ihnen in diesen Prozess des Umschreibens zu gehen und auch während der Dreharbeiten immer ein offenes Ohr für die verschiedenen Bedürfnisse zu haben. Was die wirtschaftliche Ausbeutung betrifft, kann ich nur sagen, dass alle ziemlich gut bezahlt wurden und die sozialen Standards des französischen Kinos eingehalten wurden.
Sie haben mit einem eher geringen Budget gearbeitet. War das eine Einschränkung?
Es ist ein Film, der mit 1'650'000 Euro gemacht wurde und das entspricht dem unteren Bereich eines normal finanzierten Films im französischen Kino. Aber das schmale Budget war fast ein Trumpf. Die Art und Weise, wie wir den Film gedreht haben, sehr sparsam, sehr nüchtern, mit sehr kleinen Teams, nichts Luxuriöses, alle wurden angemessen bezahlt, war für mich stimmig und sehr zufriedenstellend. Besonders für die Szenen in den Städten war es gut, nur wenige Leute zu sein. So konnten wir in die Stadt und die Realität eingebunden werden, ohne das Leben zu sehr blockieren zu müssen.
Gab es eine besondere Schwierigkeit während der Dreharbeiten, an die Sie sich erinnern?
Das Fahrradfahren war ziemlich kompliziert. Wir haben mehrere technische Versuche unternommen, um das eintauchende Gefühl, das Gefühl der Gefahr und das Gefühl der Schnelligkeit gleichzeitig zu haben. Es war uns klar, dass wir das Fahrrad von anderen Fahrrädern aus drehen mussten. Das gesamte technische Team befand sich auf Fahrrädern um den Schauspieler herum.
Der Titel des Films deutet es an, der Film will dieser Gruppe von Menschen, die normalerweise keine genaue Identität hat, einen Namen geben.
Es stimmt, dass der Film eine soziologische Dimension hat, dass er von einem Lieferjungen ohne Papiere oder einem Asylbewerber erzählt, von denen es bekanntlich viele gibt. Aber es ist sehr wichtig, dass es eben einer ist, und dass er einen Namen hat, und dass das Publikum anstelle von Einwanderungszahlen plötzlich mit einer Person konfrontiert wird, die ein Gesicht, einen Körper, und eine Geschichte hat.