Eine visuelle Sinfonie zwischen Horror und Poesie
Benjamin Kračun an der 37. Verleihung der Europäischen Filmpreise, am 7. Dezember 2024 im KKL Luzern. © Chloé Desnoyers

Eine visuelle Sinfonie zwischen Horror und Poesie

Adrien Kuenzy 12. Dezember 2024

Bei den European Film Awards führten wir ein Interview mit Benjamin Kračun, dem Kameramann des Films «The Substance» von Coralie Fargeat. Er wurde für seine Kamerarbeit ausgezeichnet und wirft einen Blick hinter die Kulissen dieses gewagten Drehs, der zwischen der Ästhetisierung des Horrors und technischen Meisterleistungen angesiedelt ist.

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Zuallererst, herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis! Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Danke! Das ist unglaublich. Eine Auszeichnung zu erhalten, ist immer fabelhaft, denn es bedeutet, dass meine Arbeit anerkannt wird. Aber dieser Europäische Preis hat eine besondere Bedeutung für mich. Ich bin in Schottland aufgewachsen, aber mein Vater ist Kroate, meine Mutter Deutsche, und ich habe zu Hause Deutsch gesprochen, während ich in Grossbritannien lebte. Seit meinen Anfängen im Filmgeschäft habe ich immer zwischen Europa und den USA gearbeitet. Als europäischer und nicht nur britischer Kameramann anerkannt zu werden, entspricht genau dem, was ich in meinem Innersten fühle.

Wenn Sie an die Anfänge des Projekts zurückdenken, welcher war Ihr erster Eindruck des Drehbuchs von «The Substance»?

Als ich das Drehbuch zum ersten Mal las, war ich sprachlos. Ich habe es sofort nochmals gelesen. Es ist selten, dass man auf ein Drehbuch stösst, das so eindringlich, viszeral und gewagt ist. Vor allem der dritte Akt war atemberaubend. Ich dachte: «Das ist unglaublich! Aber wie werden wir es schaffen, das umzusetzen?» Es war eine Mischung aus Bewunderung und Herausforderung. Ich war schon damals begeistert von der Idee, mich an diesem Projekt zu beteiligen.

Welche war die grösste Herausforderung?

Die Dreharbeiten dauerten 100 Tage, also war es schon körperlich eine Herausforderung! Es war schwierig, den Ton und die Energie über einen so langen Zeitraum hinweg konstant zu halten. Aber auch darüber hinaus waren viele Sequenzen besonders komplex: der Autounfall oder die Duschszene. Bei einigen dieser Szenen brauchten wir drei oder vier Versuche, bis wir das richtige Gleichgewicht gefunden hatten. In der Vorbereitung mussten wir frühzeitig wichtige Entscheidungen treffen, aber auch flexibel bleiben und während der Dreharbeiten immer wieder neue Ideen ausprobieren.

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Image de «The Substance» de Coralie Fargeat. © MUBI

Coralie Fargeat benutzt viele Grossaufnahmen in ihrem Inszenierungsstil. Wie hat diese Ihre Arbeitsweise beeinflusst?

Coralie ist sehr genau. Sie beschreibt oft im Drehbuch, wie nah die Kamera herankommen muss. Sie arbeitet auch mit wenigen Dialogen, so dass Nahaufnahmen zu visuellen Punktierungen werden. Dies erfordert einen besonderen technischen Ansatz: Verwendung von Makroobjektiven, Anpassung der Beleuchtung, manchmal sogar die vollständige Nachbildung von Kulissen in Miniaturformat. Die letzten vier Wochen der Dreharbeiten waren ausschließlich diesen Nahaufnahmen gewidmet, die in einem kleineren Studio mit einem kleineren Team gedreht wurden.

Der Film erforscht Körper und Horror auf eine sehr ästhetische Art und Weise. Wie haben Sie dieses Gleichgewicht gefunden?

Dieser Kontrast ist das Herzstück des Films. In «The Substance» geht es um Schönheit, das Altern und die Promi-Industrie. Die Ästhetik des Films sollte sowohl diese Oberflächlichkeit als auch die Tiefe der behandelten Themen widerspiegeln. Ich hatte diesen Ansatz bereits in «Promising Young Woman» erforscht, und hier wollte ich diese Idee noch weiter treiben. Der Film spielt mit den Oberflächen: Was anfangs schön erscheint, wird allmählich zum Horror. Diese Dualität erzeugt eine faszinierende Spannung.

Arbeiten Sie bei der Vorbereitung oder während des Drehs mit filmischen Referenzen?

Coralie und ich teilen eine Liebe für das Kino der 1970er und 1980er Jahre, was einige Diskussionen in der Vorbereitung beeinflusst hat. Aber sobald wir am Set waren, war das Ziel, diese Referenzen zu transzendieren und ein eigenes Universum zu schaffen. Einige visuelle Entscheidungen, wie die symmetrischen Korridore, mögen an Kubrick erinnern, aber es ging mehr darum, die Figuren in ihrer Welt zu verorten.

War es schwer, richtige Aufnahmen mit Spezialeffekten zu verbinden?

Viele Elemente wurden praktisch umgesetzt, mit digitalen Spezialeffekten, um bestimmte Details zu verfeinern. Für die Szene, in der Sue geboren wird, haben wir zum Beispiel mehrere Versionen im Voraus getestet. Das bedeutete, dass wir Miniaturkulissen nachbauen und synchron mit den Teams für visuelle Effekte arbeiten mussten, um jedes Element vorherzusehen: das Auge, die Substanz, die verschiedenen Kostüme... Es war ein sehr kollaborativer Ansatz.

Wie haben Sie Los Angeles in einem Pariser Filmstudio rekonstruiert?

Als ich das Drehbuch gelesen hatte, dachte ich, dass wir in Los Angeles drehen würden. Aber Coralie erklärte mir, dass alles in Paris in einem Studio im Norden der Stadt stattfinden würde. Wir haben L.A. auf seine ikonischen Elemente vereinfacht: blauer Himmel, Palmen, eine rosafarbene Mauer, ein paar Autos. Mit diesen Details schufen wir ein imaginäres, fast traumhaftes Kalifornien.

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